Kampusch: Grauen auf 5 Quadratmetern

3.096 Tage eingesperrt, überwiegend in einem fünf Quadratmeter kleinen, finsteren Kellerverlies, gepeinigt von ihrem Entführer: Das ist die Geschichte von Natascha Kampusch, die im Alter von 10 Jahren auf dem Weg zur Schule verschleppt wurde, und die wohl umfangreichste Vermisstensuche in der Kriminalgeschichte Österreichs. Heute Abend um 21 Uhr zeigt die ARD in einer Dokumentation erstmals Bilder aus dem Haus des Täters und offenbart die Grausamkeiten, die die heute 21-Jährige detailliert schildert.

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Dem ehemaligen Polizisten und jetzigen Journalisten und Drehbuchautoren (u.a. "Tatort", "Großstadtrevier") Peter Reichard, ist mit seiner Dokumentation "Natascha Kampusch. 3096 Tage Gefangenschaft" ein Film gelungen, der die Dramatik des Falls auf eine sensible Art schildert. Er findet den richtigen, leisen Ton in der Geschichte, die gezielt auf die Sinn-Ebene des Zuschauers abzielt. Regisseurin Alina Teodorescu inszeniert an richtiger Stelle die nervtötenden Geräusche des tropfenden Wasserhahns und des schnarrenden Ventilators, die Kampusch in dem schalldichten Kerker vermutlich daran erinnert haben müssen, dass sie noch am Leben ist. Entstanden ist ein Film, der sehr nah an die Hauptpersonen der Schreckenstat heranrückt, ohne die journalistische Distanz zu vernachlässigen.  
Über den Fall Kampusch wurde viel in den Medien berichtet: Von einem  Kinderpornoring und Sado-Maso-Praktiken war die Rede, ein Verhältnis mit ihrem Entführer, dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, wurde ihr auch angedichtet. Zudem soll er Mitwisser gehabt haben, die ihn bei der Gefangenschaft unterstützten. Mit all diesen Gerüchten versucht die heute erwachsene Frau in der Dokumentation aufzuräumen. Ihr Ziel: endlich als ein normaler Mensch wahrgenommen werden. Schließlich sei das Schreckliche schon schrecklich genug: "Die Menschen sollen froh sein, dass ich das halbwegs überstanden habe", sagt sie. 
Der Film rekonstruiert die Geschichte, die am 2. März 1998 in Wien Donaustadt ihren Anfang nahm. Kampusch wird von Priklopil in seinen weißen Kastenwagen gezerrt und in das benachbarte Strasshof verschleppt. Dort steht das Einfamilienhaus, das der damals 36-Jährige alleine bewohnt. Priklopil hat bereits alles vorbereitet: In einem fünf Quadratmeter kleinen Kellerverlies legt er das kleine Mädchen ab. Den Zugang zu dem Kerker sichert er dreimal. Um dort hinein zu gelangen, muss er zwei Holztüren aufschließen und durch eine 50 mal 50 Zentimeter große Stahltür kriechen. Davor stellt er einen Tresor und Gerümpel ab. Kampusch vermutet, dass er eine Stunde gebraucht habe, bis er jegliche Spuren zu ihrem Gefängnis verwischt hat.  
Was wäre passiert, wenn Priklopil aufgrund physischer Schwäche nicht mehr in der Lage gewesen wäre, den Tresor wegzuschieben oder die Stahltür zu öffnen? "Dann wäre ich lebendig begraben gewesen, wie ein Pharao", gibt sich Kampusch nüchtern zu dieser ausweglosen Situation. Die Szene zeigt anschaulich, was sie während ihrer achteinhalb Jahre andauernden Gefangenschaft entwickelt hat: Stärke und Macht.
Stärke bewies sie auch, als Priklopil sie die wenigen Male mit nach oben in seinen Wohnraum nahm und sie seiner peinlich genauen Reinlichkeitsmanie ausgesetzt wurde. Er zwang sie, jegliche Fingerabdrücke von sich unter Schmerzen mit dem eigenen Handrücken zu entfernen. Er verbat ihr zu weinen, weil die Säure der Tränenflüssigkeit Flecken auf den Fliesen hinterlassen würde. Sie musste ihre Haare zusammenbinden und unter eine Plastiktüte stülpen, um keine Spuren zu hinterlassen. Doch das reichte ihm später nicht mehr: Er rasierte ihr eine Glatze.
Zum ersten Mal im Film fällt an dieser Stelle das Wort Misshandlung. Kampusch ließ all das über sich ergehen. "Ich habe ihm alles verziehen, sonst wäre ich zu sehr voll Hass und negativen Gefühlen gewesen und wäre psychisch und physisch zugrunde gegangen", beschreibt sie ihre Überlebensstrategie. Mitleid und Mitgefühl habe sie für Priklopil empfunden, den sie während der Dokumentation nur als "Täter" bezeichnet, und ihn nicht beim Namen nennt. "Es muss eine wahnsinnige Genugtuung für ihn gewesen sein, jemanden zu haben, der nur ihm gehört." Für das Fehlgeleitet sein, könne dieser Mensch nichts, so ihre Worte. Sie dementiert jegliche Gerüchte über einen Kinderpornoring. Ob sie ein Verhältnis zu Priklopil gehabt habe, wird indessen nicht angesprochen. 
In der 45 minütigen Dokumentation kommt auch die Mutter zu Wort. Anfangs sehr rational und gefasst schildert sie den Tag der Entführung und die Zeit des Wartens. Sie habe immer an ihre Tochter und ihre Stärke geglaubt und gewusst, dass sie noch lebt. Bei diesen Worten verliert sie die Fassung und weint vor der Kamera.
Einen etwas unheimlichen Moment erlebt der Zuschauer beim Einblenden von Interviewpassagen mit Ernst H., dem besten Freund und Arbeitskollegen von Prikopil. Erstaunlicherweise nennt auch er den Entführer nicht beim Vornamen, sondern bleibt beim höflichen "Herr Priklopil". Ernst H. habe in den 3.096 Tagen nichts Ungewöhnliches an Prikolpils Verhalten entdeckt. Auch nicht, als er von ihm und Kampusch, die er als seine Bekannte vorstellte, Besuch bekam. An dieser Stelle fragt sich der Zuschauer unweigerlich, wie einer so grausamen Tat mit so viel Normalität begegnet werden kann – und doch kann man jenes Verhalten von Ernst H. nachvollziehen.
Kampusch selbst erhebt im ganzen Film keine Vorwürfe, weder gegen Ernst H., gegen die Mutter, noch gegen die Polizei. So sei sie zum Beispiel während einer Autofahrt mit ihrem Täter in eine  Verkehrskontrolle geraten. Sie habe versucht, den Beamten mit Augenzeichen auf sich aufmerksam zu machen, blieb damit aber erfolglos.
Die heute 21-Jährige agiert im Film selbstbewusst und reflektiert, so wie man sie auch schon in öffentlichen Auftritten kurz nach ihrer Befreiung erlebt hat. Sie erzählt teilweise mit geschlossenen Augen, ihre Körpersprache ist minimalistisch. Ruhig und bedacht gibt sie sich in der Interviewsituation.
Regisseurin Alina Teodorescu filmt das Gespräch durch eine Jalousie hindurch. Die Einstellung erinnert an eine Vernehmung.  Es scheint, als wollte Teodorescu dem Zuschauer die Perspektive von Kampusch nahebringen. Kampusch selbst nahm die Außenwelt während ihrer jahrelangen Gefangenschaft meist nur durch heruntergelassene Rolläden wahr. Dieser Blick in das unvorstellbare Seelenleben von Natascha Kampusch ist es, was die sensible Dokumentation sehenswert macht, ohne dabei voyeuristisch zu sein. 

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