Hungrige Info-Fresser auf dem DLD

FAZ-Herausgeber und Payback-Autor Frank Schirrmacher diskutierte beim DLD, moderiert von John Brockman von Edge.org, mit Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung und dem Computer-Wissenschaftler David Gelernter über Info-Fresser. Oder vornehmer ausgedrückt: Informavores. Das Wort ist eine Schöpfung auf Information und Carnivores, also Fleischfressern. Der Info-Hunger der Informavores im Publikum wurde allerdings nicht gestillt.

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FAZ-Herausgeber und Payback-Autor Frank Schirrmacher diskutierte beim DLD, moderiert von John Brockman von Edge.org, mit Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung und dem Computer-Wissenschaftler David Gelernter über Info-Fresser. Oder vornehmer ausgedrückt: Informavores. Das Wort ist eine Schöpfung auf Information und Carnivores, also Fleischfressern. Der Info-Hunger der Informavores im Publikum wurde allerdings nicht gestillt.

Gemeint sind laut Schirrmacher Wesen, die Information nötiger brauchen als Nahrung. Eine steile These. Die bekam der oberste FAZ-Feuilletonist dann auch gleich vom genialisch nuschelnden David Gelernter um die Ohren gehauen. Es gebe natürlich eine ganze Menge Dinge, die Menschen weitaus dringender benötigen als Information, so der Wissenschaftler. Und überhaupt: Das Innovationstempo im Internet beschleunige sich nicht, sondern werde im Gegenteil immer langsamer. „Die Software ist nicht gut genug“, brummelte Gelernter und führte im weiteren aus, dass die Benutzeroberflächen heute im wesentlichen noch genauso aussähen wie in den 70er und 80er Jahren. „Nutzer sollten kritischer sein und nicht so zufrieden mit dem, was ihnen da geboten wird. Wir brauchen mehr Skepsis.“

Auch die These, dass die Gesellschaft am Information-Overload leide, ließ Gelernter nicht gelten: „Wo sind denn die versprochenen Innovationen der letzten Jahre durch das Web? Welche Informationen sollen das denn sein, die wir zuviel haben?“ Der Information-Overload bestehe im wesentlichen darin, dass immer mehr Menschen sich in immer kürzeren Zeitabständen mitteilen, was sie gerade so machen, sagte Gelernter.

Der Yale-Professor hatte aber natürlich auch eine eigene Lösung für die Zeitmanagement-Probleme der modernen Informavores parat. Er plädierte für einen sogenannten Live-Stream. Alle digitalen Tätigkeiten des Einzelnen sollten in der „Daten-Wolke“ gespeichert werden. Dann könnte man auch einzelne Tätigkeiten, zum Beispiel das Beantworten einer E-Mail, auf dem Live-Stream in die Zukunft verschieben und immer wieder daran erinnert werden. Das Betriebssystem der Zukunft sollte zudem auf jedem Gerät dasselbe sein. „Ich habe keine Lust für mein Mobiltelefon oder für meinen Computer verschiedene Betriebssysteme zu lernen.“

Schirrmacher wiederholte im wesentlichen seine bekannten Thesen aus seinem Buch Payback. Es gebe durch das Internet einen gewaltigen Markt an Informationen und Ideen, die von Menschen nicht mehr beherrschbar seien. Darum übernähmen Maschinen in Form von Algorithmen die Aufgabe von Filtern und würden, wie der PageRank von Google, die Informationen vorsortieren. Durch die Dominanz der Algorithmen würden die Menschen selbst zu vorhersagbaren Algorithmen reduziert, so Schirrmacher. Weiter geht es ihm um statistische Vorausberechnungen in die Zukunft. Laut Schirrmacher werden Maschinen aufgrund von massiven Datensammlungen statistisch vorhersagen können, wer wann wie krank wird, wer Verbrechen begeht oder wer in seinem Job hervorragende Leistungen bringt. Schirrmacher überträgt das Prinzip, das heute bereits bei Hollywood-Großproduktionen, Buchstarts, Musikaufnahmen und Zeitschriften-Starts gang und gäbe ist, auf menschliche Biographien. Freilich gibt es auch beim generalstabsmäßigen Vorausplanen von Kino-Blockbustern oder Buch-Bestellern immer wieder Flops. Würde man das Prinzip auf Menschen übertragen, wäre das in der Tat fatal.

Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung zweifelte, ob Maschinen jemals in der Lage sein würden, wirklichen Kontext herzustellen. Kreye provozierte mit der etwas pauschalen Aussage, das Internet sei schlicht langweilig geworden. Die Aufregung der frühen Tage sei verflogen. Die Spannung als man erstmals ein Modem anschloss und dieses geheimnisvolle neue Medium erkundete sei verflogen. „Heute ist das Internet wie Autofahren. Man steigt ein und fährt. Jetzt stehen wir allerdings vor der Frage, wohin fahren wir.“ Beantwortet wurde die Frage nach dem Wohin auf dem DLD-Panel zum Info-Overload freilich nicht. Die Informavores gingen mit ungestilltem Hunger in die Pause.

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