Viele dpa-Mitarbeiter wollen nicht nach Berlin

Der neue dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner bekommt unfreiwillig die Chance, neues Personal einzustellen. Mindestens etwa 60, vielleicht aber sogar bis zu 70 seiner Leute an den Standorten Hamburg und Frankfurt wollen nämlich nicht, was der erst im Januar angetretene Büchner mit ihnen vor hat: mit ihm in die geplante Zentralredaktion der dpa in die Axel-Springer-Passage ziehen. In der Hauptstadt soll im Juli die neue Zentralredaktion des führenden Nachrichten-Dienstleisters entstehen.

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Die Deutsche Presse-Agentur will Zeitungen und Sender so schneller und abgestimmter mit Texten, Bildern, Grafiken und Videos beliefern als sie das bisher kann. Historisch gewachsen ist indes diese Konstruktion: In Hamburg sitzt die dpa-Zentrale mit einigen Kopfredaktionen und der Verwaltung, in Frankfurt der Bilderdienst, der vor dem Internet-Boom seine Fotos noch sternförmig mit der Bahn an Medien verteilte, und in Berlin die Innenpolitik. In der Hauptstadt sollen alle zusammenkommen.

Dabei wollen aber nicht alle Redakteure mitspielen. Von dem Umbau sind in Hamburg 170 und in Frankfurt 30 Mitarbeiter betroffen. Sie wurden vor etwa vier Wochen aufgefordert, der dpa mitzuteilen, ob sie bereit seien, Kisten zu packen und an die Spree zu ziehen. Betriebsratschef Reino Gevers sagte MEEDIA, dass "wohl deutlich mehr als ein Drittel in Hamburg nicht mitgehen". Auch in Frankfurt seien nicht alle bereit. Weil noch nicht alle Betroffenen geantwortet haben, wird erst in der nächsten Woche feststehen, wie viele sich genau verweigern. Erst dann will sich auch die Geschäftsführung äußern.

Für Gevers ist aber nach eigenen Worten schon jetzt klar: "Um einige Dienste aufrechterhalten zu können, wird die Geschäftsführung neue Leute einstellen müssen." Zwar hielten fast alle Textredakteure Büchner die Treue und kämen nach Berlin. Ganz anders sehe das aber etwa bei den Fachredaktionen für die Infografiken und die Themendienste der dpa aus, mit denen Zeitungen ihre Serviceseiten füllen.

Büchner und seine Geschäftsführung peilen mit ihrem "Feinkonzept" für den Aufbau der neuen dpa-Zentralredaktion an, mit der Zusammenführung der bisher auf die Republik verstreuten Redaktionen auf etwa 30 Stellen zu verzichten. Sie sollen Synergien zum Opfer fallen, also der besseren Abstimmung der Redaktionen, wenn sie auf einem fast 4.000 Quadratmeter großen Stockwerk vom Sommer an gemeinsam arbeiten. Die Hoffnung der dpa-Leitung: Es würden in etwa diese 30 Mitarbeiter nicht die Standorte wechseln und bei ihren Familien und Freunden bleiben wollen. Nun aber kommt auf sie gut das Doppelte zu, deutlich mehr als erwartet.

Viele, die nicht mit wollen, landen dann in einer Transfergesellschaft. Das haben Betriebsrat, Chefredaktion und Geschäftsführung ausgehandelt. Die betroffenen Mitarbeiter, zu denen neben Redakteuren auch Assistenten und Techniker zählen, sollen von der Gesellschaft in andere Medienhäuser wechseln. Mit der Marke dpa im Rücken dürfte das selbst in Krisenzeiten klappen.

Büchner, der seit Jahresbeginn die dpa leitet, wird also bald diverse Stellen neu ausschreiben müssen. An qualifizierten Bewerbungen wird es ihm dabei sicher nicht fehlen: Als der Deutsche Depeschendienst (ddp) im Dezember den hiesigen Ableger der Associated Press (AP) übernahm, der inzwischen Deutscher Auslands-Depeschendienst (DAPD) heißt, sagten viele Mitarbeiter: "Da fahre ich lieber Taxi als für den ddp zu arbeiten", der für niedrige Honorare, eine hohe Arbeitsbelastung und ein anstrengendes Redaktionsklima bekannt ist.

Einige Ex-AP-Mitarbeiter haben bereits den Absprung geschafft: Die Wirtschaftsredaktion der dpa wird in Kürze Antje Homburger übernehmen, die vom DAPD wechselt. Und für den Aufbau seiner neuen dpa-Redaktion "Netzwelt", die mit dem Umzug starten und Internet wie Heimelektronik im Blick haben soll, holt sich Büchner Peter Zschunke. Der ist derzeit noch Auslandschef und stellvertretender Chefredakteur des DAPD.

Mit den neuen Ausschreibungen dürfte sich also aller Wahrscheinlichkeit nach der Aderlass beim ehemaligen AP-Dienst fortsetzen. Die dpa wird an der Entscheidung vieler Mitarbeiter, den Umbau des eigenen Hauses nicht mitzutragen, kaum leiden. Im Gegenteil: Sie gibt dem Marktführer die Gelegenheit, die neue Agentur-Allianz aus ddp und DAPD zu schwächen, indem Büchner noch mehr wechselwillige Konkurrenten zur dpa holt. Das nächste halbe Jahr wird damit eine hochspannende Zeit für die Branche.

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