Das Internet-Wunder von Jacmel

Nur etwa 80 km südlich von Port-au-Prince, zur Zeit aber, wegen der zerstörten Straßen eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt, entfernt liegt (oder besser gesagt lag) die Stadt Jacmel. Hier in den Trümmern von Haitis einziger Filmhochschule spielt sich ein einzigartiges Kapitel des elektronischen Zeitalters ab. Studenten und Lehrer der Ciné Lekol informieren die Welt direkt und unvoreingenommen über die tragischen Vorkommnisse. Sie verdienen Hilfe und Unterstützung der internationalen Medien.

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Man könnte Jacmel am ehesten mit Cannes vergleichen, wenn Vergleiche zwischen dem bettelarmen Haiti und Europa überhaupt erlaubt sind. Andererseits hat der haitianische Badeort zwar kein internationales Filmfestival, ist aber seit jeher das Zentrum der haitianischen Kunst und Literatur. In der kleinen Stadt mit 30.000 oder 60.000 Einwohnern, so genau weiß man das nie in Haiti, gab es auch in den düstersten Zeiten der westindischen Republik Freiräume, wie sonst nirgendwo dort. Selbst in Zeiten der amerikanischen Besatzung im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, während der blutigen Diktatur der Duvaliers, Papa Doc und Baby Doc und ihrer Tontons Macoutes, der "Onkel Menschenfresser", war Jacmel ein einigermaßen sicherer Ort für die Kultur. Auch war er einer der wenigen Orte internationalen geistigen Austauschs, denn unter den wenigen Touristen in Haiti, kamen nicht wenige nach Jacmel, wegen deren Künstlern und dessen alter Architektur, die sogar jetzt zum Großteil das Erdbeben überlebte.

Nicht überlebt hat der "Neubau" des Ciné Institute, der Filmhochschule, die an keinem anderen Ort Haitis hätte existieren können und die die Hoffnung vieler junger Menschen auf eine eigene Medienkultur bedeutete. Als jedoch am 12. Januar zwei Drittel der Stadt in sich zusammenbrach und wie durch ein Wunder keiner der Studenten und Lehrer der Filmhochschule ums Leben gekommen war, machten diese sich sofort an die Arbeit.

Kaum war die erste Erschütterung der Erde und der Gemüter vorüber, gruben sie in den Trümmern nach Überlebenden, sie gruben nach ihrem Equipment, ihren Kameras und all ihrer technischen Ausrüstung. Mit Erfolg. Sie fanden auch einen unbeschädigten Dieselgenerator und Treibstoff dafür. Sie fanden eine intakte Satellitenanlage, die sie damit betreiben konnten und gingen auf die Strassen, oder was davon übrig geblieben war, filmten und setzten alles sogleich ins Netz.

So entstanden einzigartige Dokumente der ersten Stunde, Bilder und Statements, wie sie kein eingeflogener ausländischer Journalist zu dem Zeitpunkt zustande gebracht hätte. Ganz abgesehen davon, dass fortlaufend nur aus der Hauptstadt (und bevorzugt vom Dach des Flughafens aus) berichtet wurde, nicht aber vom Desaster und Leid in der Provinz.

Als es am Mittwoch zu einem schweren Nachbeben kam, waren sie nicht nur vor Ort, sondern lieferten durch ihr Engagement Bilder für die Welt.

Wer bereit ist, den zukünftigen haitianischen Filmemachern und Journalisten durch eine Spende beim Wiederaufbau ihrer L’Ecóle zu helfen, kann dies durch eine Spende tun. 
Interessante Links: Twitter, Facebook, Vimeo, Ciné Institute

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