Die Pressestimmen zum Medienarchiv68

5.900 Artikel aus den Jahren 1966 bis 1968: Springer startet das Medienarchiv68. Das Presseecho darauf ist wenig euphorisch. "Niemand behauptet, dass Springers Meinungsmaschine zentral gelenkt gewesen sei", befindet Willi Winkler in der SZ. Die FR fragt, ob Springer mit seinen Artikeln zu einem Klima des Hasses beigetragen hat. "Antworten darauf kann das Medienarchiv68 nicht liefern". Stefan Niggemeier recherchiert, dass die Bild Rudi Dutschke niemals als "Staatsfeind Nr. 1" bezeichnete.

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Thomas Schmid, Welt:
"Vorurteile haben die Eigenschaft, dass sie zäh haften bleiben und mit Argumenten nur schwer gegen sie anzukommen ist. Dass der Axel Springer Verlag – vulgo: „die Springer-Presse“ – mit den Kräften der Finsternis im Bunde steht und sich daran auf dieser Welt nie etwas ändern wird, ja nicht ändern darf: Das gehört zum Überzeugungskern eines zwar nicht großen, aber doch beträchtlichen Teils deutscher Öffentlichkeit. Man muss damit leben." Weiter schreibt der Chefredakteur der Welt: "Dennoch hat dieser Verlag den Versuch unternommen, Material zur Verfügung zu stellen, mit dessen Hilfe das verbreitete Vorurteil gegenüber dem Hause Springer einem Realitätstest unterzogen werden kann."

Steffen Grimberg, taz:
"Springers 1968-Archiv bietet die Chance zu einem nicht so neuen, aber umfassenderen Blick auf die Berichterstattung über die Studentenbewegung in der Springer-Presse. Nicht mehr, nicht weniger. Zu danken dafür ist übrigens weniger den Konzern-Oberen und dem Welt-Chefredakteur als Rainer Laabs, dem Leiter des Unternehmensarchivs, und seinem Team."

Stefan Niggemeier, Bildblog:
Der Medienjournalist beschäftigt sich mit der brisanteren Behauptung, "dass "Bild" den Studentenführer Rudi Dutschke als "Staatsfeind Nr. 1" bezeichnet habe, womöglich gar am 11. April 1968, dem Tag, an dem Josef Bachmann ein Attentat auf Dutschke verübte." Niggemeier kommt zu dem Schluss, dass nichts dafür sprihct: "Bild und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet. Andererseits kann auch kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass sie ihn — auch ohne ihn wörtlich als solchen zu bezeichnen — genau so behandelt haben."

Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung:
"Niemand behauptet, dass Springers Meinungsmaschine zentral gelenkt gewesen sei. Seine Zeitungen beschränkten sich nicht auf die Studentenbewegung, sondern gaben sich auch alle Mühe, den Volkszorn gegen sie zu mobilisieren. Sollte sich die ‚Generation danach‘ jedoch fragen, warum Axel Springer 1968 als Berater die ehemaligen SS-Leute Horst Mahnke und Paul Karl Schmidt beschäftigte, wird sie keine Antwort erhalten. Vielleicht liegt das auch daran, dass die beiden mittlerweile als IM Klostermann (Mahnke) und IM Schaper (Schmidt) beim Bundesnachrichtendienst volldemokratisiert waren. Wer auch noch anderes als Springer-Erzeugnisse gelesen hat und mehr kennt als die Kampfbegriffe "SED-Propaganda" und "Stasi-Desinformation", sollte wissen, dass der Verlag durch seinen erbitterten Widerstand nicht wenig zum Erstarken der Studentenbewegung beigetragen hat."

Andreas Förster, Frankfurter Rundschau:
"Hat Springer mit Artikeln wie diesen zu einem Klima des Hasses beigetragen, das die Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke erst möglich machte? Hat der Medienkonzern einen Meinungskrieg gegen die Studenten geführt? Antworten darauf kann das Medienarchiv68 nicht liefern. Ist es dem Unternehmen aber ernst mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Verantwortung, sollte es endlich unvoreingenommene Historiker und Medienwissenschaftler mit einer Analyse der damaligen Veröffentlichungen und Unternehmenspolitik beauftragen."

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