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dpa baut „Netzwelt“-Ressort auf

Der neue dpa-Chef Wolfgang Büchner macht ernst: Für das geplante "Netzwelt"-Ressort, holt er mit Peter Zschunke den Auslandschef des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD). Der 52-Jährige hatte beim ehemaligen AP-Ableger den Dienst "Computer & Cyberspace" gestartet und wird nun Chefkorrespondent. Außerdem übernimmt Christoph Dernbach neben der dpa-Infocom-Leitung auch das neue Web-Ressort. Sogar Konkurrenten gratulieren Büchner zu einem "äußerst geschickten Zug".

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Peter Zschunke ist nicht nur durch und durch Agenturjournalist. Er hat auch früher als viele seiner Kollegen verstanden, neue Technologien mit Gewinn zu nutzen. Schon bei seiner Promotion im Jahr 1982 setzte er bei der Auswertung von Zahlenkolonnen auf die Datenverarbeitung. Kurz danach trat er seinen Dienst beim hiesigen Ableger der Associated Press an, war erst Wirtschaftschef, seit 1991 leitet er die Auslandsberichterstattung. Im Dezember ist er mit dem AP-Dienst vom ddp übernommen worden. Seitdem heißt das Ex-AP-Produkt Deutscher Auslands-Depeschendienst (DAPD).

Als der Softwarekonzern Microsoft sein Betriebssystem Windows 95 auf den Markt warf, sah Zschunke, dass sich auch die Publikumspresse für die bis dahin nur für Insider interessanten IT-Branche interessierte. Zschunke reagierte – und startete bei AP-Deutschland das wöchentliche Themenpaket "Computer & Cyberspace". Eine Erfolgsgeschichte, denn bis dato bestücken mehrere Zeitungen ihre Computerseiten mit Zschunkes Texten, die zuletzt etwa die "Spekulationen um Tablet-PC von Apple" ebenso begleiteten wie "einen Sex-Roboter für traute Gespräche" und "Skype in HD-Qualität".

Mit dem für Juli geplanten Umzug der dpa-Mantelressorts in die Berliner Axel-Springer-Passage will Büchner neben anderen Neuerungen auch ein Ressort mit dem Arbeitstitel "Netzwelt" starten. Damit hatte er schon als Chef von Spiegel Online großen Erfolg. Für das neue dpa-Ressort hat er nun Zschunke geholt, der seine Unterschrift nach MEEDIA-Informationen bereits unter den Vertrag gesetzt und bei seinem bisherigen Arbeitgeber gekündigt hat. Büchner und Zschunke kennen sich von AP: Büchner war für die Agentur einst Korrespondent in Hamburg.

Zschunke wird "Chefkorrespondent Netzwelt" und hat nur noch ein Problem: Seine Kündigungsfrist. Wie MEEDIA erfahren hat, kann er beim DAPD wegen seiner langjährigen Mitarbeit erst zum Dezember dieses Jahres kündigen. Bei der dpa hätten sie ihn aber lieber schon zum Juli, zum Start ihrer neuen Zentralredaktion.
Die dpa bestätigte am Montag die Personalien. Büchner teilte mit, Zschunke sei ein "Nachrichtenprofi durch und durch und einer der herausragenden Köpfe in der Berichterstattung über alle Aspekte der Online-Welt". DAPD-Chefredakteur Peter M. Gehrig sagte MEEDIA, Zschunke und er trennten sich "in allerbestem Einvernehmen". Der Verlust eines "so profilierten Mitarbeiters" sei "bedauerlich". Zschunke habe sich "mit bewundernswerter Energie und Kreativität für die Belange der Agentur eingesetzt" und sei einer seiner "engsten und wichtigsten Mitarbeiter". Zschunke werde "stets eng mit unseren Erfolgen verbunden sein", sagte Gehrig. Er wünschte Zschunke "von Herzen alles Gute", wollte aber nicht angeben, ob er ihn vor Dezember gehen lassen könne.

Das wiederum wundert kaum, verliert der DAPD mit Zschunke nicht nur eine außerordentliche Kompetenz bei IT-Themen, sondern zugleich auch einen Auslandschef, der dafür bekannt ist, nicht einfach nur Leitungs-Funktion auszuüben, sondern regelmäßig an der Front zu arbeiten. Zschunke schrieb am Tag der US-Präsidentenwahl etwa selbst und schiebt alle paar Wochen mehrere Nachtschichten am Stück. Anders gesagt: Er verliert den Kontakt zur Basis nicht. Auch deshalb ist Büchners Coup zugleich ein Schlag für den DAPD, bei dem eine Nachfolgeregelung noch nicht getroffen wurde.

Wie sehr ihm die Agenturarbeit am Herzen liegt, zeigt er selbst: Auf agenturjournalismus.de berichtet er über Entwicklungen der Branche. Und wie geschickt die Personalie für die dpa ist, zeigen auch erste Reaktionen der Branche auf Zschunkes Wechsel. Der Geschäftsführer des hiesigen Ablegers der Agence France-Presse (AFP), Andreas Krieger, zu MEEDIA: "Da kann ich nur sagen: Chapeau, Herr Büchner!" Krieger spricht von einem "äußerst geschickten Schachzug", der "beeindruckend" sei.

Zschunke selbst sagte MEEDIA, er wolle mit seiner künftigen Arbeit für das neue dpa-Ressort "dazu beitragen, Gräben zwischen Öffentlichkeit und digitaler Welt zu überbrücken". Das fange beim Verständnis technischer Grundlagen an und reiche "weit in gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen" hinein. So sollten neben Produktnachrichten auch viele Hintergründe eine Rolle spielen, etwa die Frage, wie Entwicklungsländer mit neuen Technologien umgingen und welchen Nutzen sie beispielsweise für Hilfsorganisationen hätten. Zschunke: "Ich gehe davon aus, dass ich meine Auslandskompetenz auch abseits des Schreibtisches nutzen kann."

Auch eine weitere Personalie für die neue dpa-Redaktion "Netzwelt" steht bereits fest: Die Leitung wird Christoph Dernbach übernehmen, der bisher Chefredakteur und Geschäftsführer des dpa-Ablegers Infocom ist, die für dpa-Kunden inhaltlich und technisch Online-Präsenzen entwickelt. Eine von der Infocom gefilterte Version des dpa-Basisdienst läuft noch immer automatisiert auf vielen Webseiten von Regionalzeitungen ein.

Der 49-Jährige Dernbach stürzte sich quasi zeitgleich mit Zschunke auf das IT-Thema: 1995 wurde Dernbach erster Korrespondent "Computer und neue Technologien" bei dpa. 1997 gründete er die Redaktion dpa-Online, die 2000 die die Tochter dpa-Infocom ausgelagert wurde. Dernbach bloggt zudem privat auf mr-gadget.de über Entwicklungen in der IT-Branche, vor allem beim Technikhersteller Apple.

Der neue "Netzwelt"-Chef wird zwei Kollegen der dpa-Infocom mit nach Berlin holen: Renate Grimming und Christof Kerkmann, die wie Dernbach bereits seit Jahren die dpa mit Technikmeldungen und Autorenstücken bestücken. Die dpa-Infocom wird vom Juli an zweigeteilt: Die Technik bleibt zusammen mit dem dpa-Dienstleister Mediatec in Hamburg, wie auch die Geschäftsführung der Agentur und der PR-Dienstleister News Aktuell. Die Redaktion der Infocom zieht hingegen mit Dernbach in die geplante Zentralredaktion der dpa. Dernbach wird dabei neben seiner Aufgabe als "Netzwelt"-Chef Chefredakteur und Geschäftsführer der Infocom bleiben.

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