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Die Erfolgs-Strategie der sinkenden Auflage

Stern- und Focus-Manager zeigten diese Woche, wie man sinkende Auflagenzahlen als Erfolgsstrategie verkauft, Stefan Aust und Torsten Rossmann wollen den Kanal N24 retten, den der Großkonzern ProSiebenSat.1 als Nachrichtenkanal bereits verloren gegeben hat, und immer wieder Kai Diekmann. Auch seine "Bild"-Redaktion holt ihre Themen mittlerweile aus seinem Blog. Außerdem gibt eine Nachlese zur Preisverleihung Journalisten des Jahres mit Stefan Kornelius, Ines Pohl und Jakob Augstein.

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Die letzte IVW-Auflagenstatistik des vergangenen Jahres ist da und wieder einmal gibt es Freud und Leid. Landlust mit neuem Super-Rekord, gute Zahlen für Zeit und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, jaja. Selbst die Verlierer geben sich sehr selbstbewusst. Der Stern lag im vierten Quartal 2009 unter der Marke von 900.000 verkauften Exemplaren. Was sagt der zuständige Verlagsgeschäftsführer Thomas Lindner: "Die Stern-Auflage muss Geld verdienen." Also alles Absicht? Der "Focus" landete bei ganz und gar nicht berauschenden knapp 580.000 verkauften Exemplaren. Was sagt der zuständige Geschäftsführer Frank-Michael Müller: "Damit haben wir den ökonomisch nicht mehr tragbaren Abo-Prämienwettlauf endgültig abgeschlossen." Aha. Die verschlankten Auflagen sind in Wahrheit also Erfolgsstories. Bedeutet das im Umkehrschluss, die hohen Auflagen vergangener Zeiten waren aufgeblasen und unrentabel? Man kann sich nicht erinnern, davon je etwas gehört zu haben.

ProSiebenSat.1 will N24 ganz offenbar los werden und Stefan Aust und Sender-Geschäftsführer Torsten Rossmann würden gerne im Rahmen eines Management Buyout einsteigen. Wie soll das funktionieren? Zwei gestandene Medienmenschen, sicherlich. Aber wo der Großkonzern ProSiebenSat.1 keine Möglichkeit sieht, N24 profitabel zu betreiben, denken Aust und Rossmann, dass sie es hinbekommen. Man darf gespannt sein, wie das weitergeht. P7S1-Chef Ebeling und Free-TV-Vorstand Andreas Bartl betonen derweil, dass sie sich alle Optionen offen halten wollen. Allzu viele dürfte es aber nicht mehr geben, nachdem der Sender öffentlich bereits so schlecht geredet wurde.

Kai Diekmann und kein Ende. Videos noch und nöcher, seine bös-zotige Büttenrede zur Preisverleihung "Journalisten des Jahres" und so weiter. Eigentlich sollte hier ja mal wenigstens eine Woche Diekmann-Pause sein, aber es geht einfach nicht. Es gibt zu viele ulkige Themen im Diekmann-Land! Also, hier der Diekmann der Woche: Da hat der "Bild"-Chef jüngst ausführlich über seinen Marrakesch-Urlaub videogebloggt, dass ihm das Gepäck erst auf der Hin- und dann auf der Rückreise verloren ging usw. Und was macht seine Redaktion? Hebt kurz nach der Rückkehr des Chefs ein Service-Stück "Alptraum: Koffer weg!" ins Blatt. Der "Bild"-Redaktion geht es wie uns Medienfuzzis. Man kommt um den Diekmann einfach nicht herum. (gefunden im Blog von Florian Treiß). Dafür heißt es nun, dass nach 100 Tagen endgültig Schluss sein soll mit dem bloggenden Bild-Chef. Glauben wir das? Noch nicht.
Wohl selten haben die Redner bei einer Feier der "Journalisten des Jahres" unisono wie diesmal darauf hingewiesen, dass die Spezies der engagierten Qualitätsjournalisten zur gefährdeten Gattung geworden sind. Handelsblatt-Macher Bernd Ziesemer, der den Preis als Chefredakteur des Jahres entgegennahm, erklärte in einer engagierten Rede, dass er sich erstmals "ernsthafte Sorgen" um seinen Berufsstand mache. Sein Tipp: Man dürfe beim Sparen alles opfern, aber "nie den Kopf".
Auch der inzwischen abgelöste Chef der Thüringer Allgemeinen, Sergej Lochthofen, ausgezeichnet im Bereich Regionaljournalismus, forderte eine Besinnung auf die Ur-Tugenden des Zeitungsmachens: "Ich bin überzeugt, dass man Fast Food nicht zu Gourmetpreisen verkaufen kann." Zu den schönsten Erlebnissen seiner langen Zeit bei der TA gehöre übrigens ein Auftritt 1990 in Erfurt vor 40.000 Demonstranten, denen er nach der Wiedervereinigung zugerufen habe: "Die Freiheit hat ihren Preis. Die Zeitung wird teurer werden." Aus der Menge habe es zurückgeschallt: "Macht die Zeitung teurer." Lang ist’s her…
Der Hauptpreisträger Nikolaus Brender fehlte übrigens bei der Veranstaltung, weil er sich einer Operation hatte unterziehen müssen. Bild-Chef Diekmann war aus Protest ferngeblieben, andere beruflich unterwegs (z.B. Antonia Rados). Viel Sympathie erntete der junge Sportreporter Ronny Blaschke, der sich als Freier um Praktikumsplätze bemüht, um seine Ausbildung zu vervollständigen. Jakob Augstein (ausgezeichnet als Chefredakteur des "Freitag") erschien besonders stylish und sah mit seiner überdimensionalen Brille im 60er Jahre-Look aus wie der junge Yves Saint Laurent.
Dass sie im Alter von 42 Jahren den Preis als "Newcomer des Jahres" erhielt, verwunderte taz-Chefin Ines Pohl, die aber für ihren selbstbewussten Führungsstil und die immer wieder überraschende Gestaltung der taz-Titelseite völlig zu Recht geehrt wurde. Dies gilt auch für SZ-Autor Stefan Kornelius, der die "Büttenrede" des Bild-Chefredakteurs mit einem in breitem Pfälzisch vorgetragenen Reim konterte: "Der Kai, der bind‘ sich um ne Fliege, und reimt, dass sich die Balke biege…" Alles nicht ganz ernst gemeint, und das scheint, wie WiWo-Chefredakteur Roland Tichy betonte, im Journalismus das Gebot der Stunde: "Nimm die Lage nie so ernst, wie sie ist."

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