68er-Archiv: Nur einer kann gewinnen

Eine kritische Aufarbeitung der Rolle des Springer-Verlags bei den 68er-Protesten ist aller Ehren wert, könnte man denken. Oder auch: ein sperriges und unzeitgemäßes Thema. Klimawandel, Afghanistan, Hartz IV – was schert uns Springers Publiziertes von vorgestern? Den Ex-68ern scheint es so zu gehen. Der Einladung zu einer Neuauflage der Debatte folgten sie nicht und haben so auch eine Chance vertan. Denn die Erklärungen zu ihrer Verweigerung sind vordergründig. Sie hätten auch wenig zu gewinnen.

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Eine kritische Aufarbeitung der Rolle des Springer-Verlags bei den 68er-Protesten ist aller Ehren wert, könnte man denken. Oder auch: ein sperriges und unzeitgemäßes Thema. Klimawandel, Afghanistan, Hartz IV – was schert uns Springers Publiziertes von vorgestern? Den Ex-68ern scheint es so zu gehen. Der Einladung zu einer Neuauflage der Debatte folgten sie nicht und haben so auch eine Chance vertan. Denn die Erklärungen zu ihrer Verweigerung sind vordergründig. Sie hätten auch wenig zu gewinnen.
Gescheitert, müde, ratlos: An vielen Köpfen der Revoluzzer-Jahre ist die Zeit vorbei gegangen. Noch-"Welt"-Chefredakteur Thomas Schmid gehört nicht in diese Kategorie. Er wechselte das Lager, ja. Aber er ist kein Wendehals, sondern ein Überzeugungstäter. Seine Kommentare sind lesenswert und vielbeachtet, Schmid  zählt heute zu den maßgeblichen Köpfen der Medienszene. Er hatte Erfolg, in dem Sinne, dass er präsent blieb: auch in aktuellen Fragen und nicht nur als Zeitzeuge.
Das Medienhaus Axel Springer litt und leidet unter dem Image, Steigbügel-Halter für Hitzköpfe und Attentäter gewesen zu sein und eine ganze Generation von Protestierern kriminalisiert und stigmatisiert zu haben. Der mächtige konservative Verleger, der im eigenen Unternehmen (zumal aus derzeitiger Sicht) auch eine bemerkenswert soziale Ader hatte, steht seither im Ruf, mittelbar auch für Leid und Tod verantwortlich zu sein. Der Stachel sitzt tief, und man könnte ahnen, dass dieses schwelende Thema die Verleger-Witwe Friede Springer ebenso umtreibt wie Thomas Schmid und Vorstandschef Mathias Döpfner.
Dies will der Konzern nicht mehr stehen lassen. Das Medienarchiv68 ist die Aufforderung, die gängigen Annahmen auf den Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Die entscheidende Frage ist: Sollen dabei die tatsächlichen Vorgänge, die Polemik, auch Bösartigkeit im Nachhinein verklittert werden, weil der Verlag in der Debatte der bislang einzige erkennbare Akteur ist? Das gilt es intensiv zu klären.
Davon abgesehen scheint es vielen Ex-Aktivisten nur recht zu sein, wenn die Rolle des Springer-Verlags in den 60er Jahren nicht neu definiert wird. Was der Medienkonzern zur Legende enthüllen will, ist in der Geschichtsschreibung längst Fakt geworden. Warum daran jetzt noch rütteln? Je geringer der Feind, desto kleiner der persönliche Helden-Account von einst. Gewinnen, so scheint es, kann in dieser Sache nur einer: Der Springer-Verlag, wenn es gelingt, seine damalige Rolle als "Hassprediger" zu relativieren und den gefühlten Kausalzusammenhang mit der Gewalteskalation zu entkräften.
Die Ablehnung aller Gesprächsangebote ist der finale Solidarpakt einer längst versprengten Protest-Gemeinschaft, die sich auch untereinander nicht mehr viel zu sagen hat – und der Wunsch, mit der einseitigen Sprachlosigkeit einen letzten Sieg gegen den übermächtigen Gegner zu erringen. Beim Marsch durch die Institutionen haben sich viele verausgabt, mussten erleben, wie nachfolgende Generationen sie als "Alt-68er" verspotteten.
Als das Thema im vergangenen Jahr hochpoppte, war es ein Ex-68er, der den ersten Pflock einschlug: Schriftsteller Peter Schneider schrieb in der FAZ, dass Hamburger Chefredakteure und Verleger bereitwillig große Summen für das Springer-Tribunal gespendet hätten. Doch schon diese Darstellung hielt der folgenden Diskussion nicht stand: Zwar ist es richtig und verbürgt, dass sowohl Rudolf Augstein als auch Gerd Bucerius Sympathien für die Studenten-Proteste und gaben auch Geld – allerdings wohl nicht zur Finanzierung des Tribunals. Dass Schneider zudem einräumen musste, fälschlicherweise auch Henri Nannen als Geldspender genannt zu haben, war ein weiterer Dämpfer. Er habe den Stern-Gründer, so der Schriftsteller, mit Bucerius verwechselt. Das war dann schon peinlich.
Aus Sicht von Springer kommt nun darauf an, dass sich genügend helle und unabhängige Geister finden, die das Archiv durchforsten und ihre Einschätzungen publizieren. Denn das wäre die größte Niederlage für Schmid & Co.: Wenn das Thema die Fachwelt und Öffentlichkeit kalt lassen würde.

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