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„taz“: Wir waren Teil der Stasi-Klaviatur

Späte Aufklärung in eigener Sache: Die "taz"-Wochenendbeilage "sonntaz" widmet sich einer Veröffentlichung im eigenen Blatt aus dem Jahr 1987, die von östlichen Geheimdiensten gesteuert war und die Mär vom Aids-Virus aus CIA-Laboren in die Welt brachte. Unter der Schlagzeile "Als die Stasi uns benutzte" schreibt das Blatt: "Auch die taz war Teil der geheimdienstlichen Klaviatur, auf der die DDR-Staatssicherheit zu klimpern wusste. So gibt es bis heute die These vom CIA-gemachten Aidsvirus..."

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Das Vehikel der seinerzeit aufsehenerregenden und als Verschwörungstheorie bis heute nachwirkenden "Enthüllung" war am 18. Februar 1987 ein Interview des auch im Westen berühmten DDR-Schriftstellers Stefan Heym mit dem Ost-Berliner Biologen Jakob Segal. Überschrift: "Aids. Man Made in USA". Darin wurde die These entfaltet, das Virus sei in einem CIA-Labor in Fort Detrick "gezüchtet" und durch einen Unfall in die Welt gebracht worden. Der "taz"-Redakteur Jan Feddersen schreibt dazu: "Aktenfunde und Zeugenaussagen von ehemaligen Stasimitarbeitern belegen inzwischen: Die Kampagne in Sachen Aids war geheimdienstlich seitens des sowjetischen KGB und der DDR-Stasi eingefädelt." 
Kuno Kruse, damals bei der "taz" und heute "Stern"-Reporter, wird an seiner früheren Wirkungsstätte mit massiver Selbstkritik zitiert: "Die taz trägt Mitverantwortung für all die Folgen, die die Verwirrung um die Segal-These mit sich brachte." In Afrika – ein Aspekt dieser Folgen – weigerten sich etliche Staatsführungen, auch die Südafrikas, eine präventive Politik in Sachen Aids zu unterstützen.
Die "Frankfurter Rundschschau" ergänzt die öffentliche Selbstgeißelung der "taz" um einige interessante Details: So wurde der KGB- und Stasi-Hintergrund der Segal-Märchen 1990 bekannt und seither von verschiedenen Seiten untermauert, ohne das die "taz" ihre eigene Rolle jemals reflektiert hatte. Jetzt tut dies unter anderem der damalige "taz"-Feuilletonredakteur Arno Widmann, der heute Feuilletonchef eben der "Frankfurter Rundschau" ist: Heym, den er 1987 in Berlin-Grünau besuchte, habe ihn vor die Wahl gestellt: Er könne das Manuskript des Interviews mitnehmen und ohne weitere Prüfung drucken, oder es gleich ablehnen. Er habe entschieden, es sei "besser, einen Heym im Original im Blatt zu haben als keinen Heym", sagte Widmann der "taz". 
"FR"-Autor Andreas Förster, Redakteur der verschwisterten "Berliner Zeitung", fasst dieses Thema bemerkenswert kühl an, indem er Widmann indirekt zitiert: "Außerdem sei es Aufgabe einer Zeitung, Debatten zu organisieren. Und dazu gehöre auch, interessante Thesen öffentlich zu machen, sagte Widmann."
 Die "interessanten Thesen", die die "taz" erstveröffentlichte, haben allerdings enormen Schaden angerichtet. Offen bleibt die Frage, ob das Interview Heym-Segal direkt von der Stasi lanciert war, oder ob der Schriftsteller und / oder der Biologe vom Geheimdienst selbst instrumentalsiert wurden.

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