‚Spiegel‘ rechnet mit ‚Über-Uns‘ Google ab

Google hat ein Problem: Der einst sympathische Emporkömmling aus dem Silicon Valley, der sich die Firmenphilosophie "Don’t be evil" auf die Fahnen schrieb, ist nach einer einzigartigen Dekade des Aufstiegs nur allzu mächtig geworden. Das ist auch dem "SPIEGEL" aufgefallen: In der routiniert geschriebenen Titelgeschichte "Das Ende der Privatheit" analysiert das Hamburger Nachrichtenmagazin kritisch, bis in welche Winkel des Privatlebens der wertvollste Internetkonzern bereits vorgedrungen ist.

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Google hat ein Problem: Der einst sympathische Emporkömmling aus dem Silicon Valley, der sich die Firmenphilosophie "Don’t be evil" auf die Fahnen schrieb, ist nach einer  einzigartigen Dekade des Aufstiegs nur allzu mächtig geworden. Das ist auch dem "Spiegel" aufgefallen: In der routiniert geschriebenen Titelgeschichte "Das Ende der Privatheit" analysiert das Hamburger Nachrichtenmagazin kritisch, bis in welche Winkel des Privatlebens der wertvollste Internetkonzern bereits vorgedrungen ist.

Der Olymp scheint zum Greifen nahe: Mindestens 23 Milliarden Dollar hat die Internetsuchmaschine  im vergangenen Jahr umgesetzt und dabei wohl mehr als 6 Milliarden verdient. An den Aktienmärkten wird Google gleichauf mit Apple mit 191 Milliarden Dollar bewertet – nur Microsoft ist als einziger Tech-Konzern mehr wert.

Doch betrachtet man den unglaublichen Expansionsdruck des kalifornischen Internetschwegewichts, scheinen die Ziele inzwischen schon woanders zu liegen. Google will nicht nur die Internetsuche dominieren – sondern auch den Mobilfunkmarkt. Und selbst in völlig fremden Branchen wie dem Energiemarkt tritt Google plötzlich als millionenschwerer Investor auf. Tatsächlich konnte man in den letzten Monaten den Eindruck gewinnen, Google wolle längst nicht nur selbstlos das Weltwissen zur Verfügung stellen, sondern auch immer unverhohlener vom Wissensvorsprung profitieren.

McNealy reloaded: "Die Privatsphäre ist tot"

Keine Frage also, dass die Steilvorlage für die notorisch kritischen "Spiegel"-Redakteure für eine Bestandsaufnahme des Phänomens kaum größer sein konnte als in der Woche des spektakulären Launchs des ersten firmeneigenen Handys Nexus One. Unter dem Aufmacher "Supermacht Google – das digitale Imperium macht mobil", schickt das Hamburger Nachrichtmagazin ein halbes Jahr nach der heftig kritisierten Coverstory "Netz ohne Gesetz" einen neuen Internet-Titel an die Kioske.

"Ende der Privatheit" lautet die Headline des 12-Seiters, der damit den legendären Ausspruch des Gründers von Sun Microsystems, Scott McNealy, rezitiert. "Privacy is dead. Deal with it", hatte McNealy Mitte der 90er-Jahre mit der Verbreitung des Internet  die Heraufkunft eines neues Informationszeitalters prophezeit.

Science Fiction Bild-Erkennungssoftware Goggles: Jeden erkennen via Handy

Rund ein Jahrzehnt später ist das längst Alltag. In allererster Linie dank des Datenkraken Googles, der alles speichert, was wir im Internet so von uns geben und der so für den "Spiegel" zum Konzern geworden, "der mehr über Sie weiß als Sie selbst". Mühsam haben daran gewöhnt haben, dass wir im Web Spuren hinterlassen, die das Internet nicht vergisst – jeder digitale Fußabdruck wird aufgezeichnet.

Und bald nicht nur der: Mit dem Nexus One werden künftig noch ganz andere Dinge möglich sein – "Google lernt sehen: Der Suchmaschinen-Riese nutzt seine Bilder-Datenbank, um Objekte der wirklichen Welt zu erkennen", rückt der "Spiegel" Google nächsten Coup, die Foto-Erkennungssoftware  Goggles ins Zentrum seiner Titelgeschichte. Das Ausmaß klingt nach Science Fiction: "Bald kann das wohl auch die schöne Fremde sein, die gerade das Café betreten hat. Wenn es irgendwo in den Weiten des Internets ein Bild von ihr gibt, hat Google es ziemlich sicher gespeichert – und jeder, der die Zielperson knipst, kann nun versuchen, sie zu identifizieren."
 
Die Art und Weise, mit der Google bei seiner "Datenbesessenheit" vorgeht, gefällt den "Spiegel"-Redakteuren gar nicht:  "Das virtuelle Über-Uns", nennt das größte Nachrichtenmagazin der Republik den Internet-Giganten. Denn natürlich stellt Google die coolsten und umfassendsten Features nicht nur aus Gutmenschtum bereit – sondern um kräftig abzukassieren:  "Für den Suchmaschinen-Konzern geht es um neue Geschäfte. Er will sich auch fern vom heimischen PC unentbehrlich machen." Denn: "Das Unternehmen tut alles, damit die Kundschaft möglichst eifrig die Internetfunktionen nutzt, die es der Firma dann erlauben, möglichst gezielt Werbung einfließen zu lassen", so der "Spiegel".

Ein öffentliches Leben: "Wer außer Übeltätern, braucht überhaupt eine Privatsphäre?"

Die scharfe Kritik an Google ist nachvollziehbar. Tatsächlich vertrauen wir Google unser ganzes (Online-)Leben an. Mit der Schlagwortabfrage bei der Suche. Mit Gmail. Mit Bilderuploads. "Keine Regierung auf der ganzen Welt hat wohl so genaue Informationen über ihre Bürger", erklärt Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein in der Titelgeschichte.  Die schier unendliche Datensammlung  geht so lange gut, bis sie schief geht.

Tatsächlich ist Google seit Monaten offenkundig dabei, das Ausmaß seiner Macht auszureizen.  Eric Schmidt äußert sich zuletzt zunehmend selbstgefällig. "Was soll ich morgen tun? Welchen Job soll ich annehmen? Was sagen Sie mir für meine Zukunft voraus?", erklärt der Google-Vorstand den Internetkonzern zum ultimativen Glaskugel des modernen Lebens. "Es ist zu befürchten, dass die Firma das alles wirklich ernst meint. Sie hat sich auf den Weg gemacht, und sie geht einfach immer weiter", brandmarken die Hamburger. Um ironisch nachzusetzen: "Wer außer Übeltätern, braucht überhaupt eine Privatsphäre?"

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg pflichtet beiläufig bei: Die Ära der Privatsphäre ist vorbei
 
Der "Spiegel"-Titel macht deutlich: Die Stimmung kippt. In der routiniert geschriebenen Titel-Geschichte, die auch für Laien gut verständlich ist, haben die vier Redakteure des Nachrichtenmagazins für das Thema Datensicherheit sensibilisiert und dabei die unangenehme Fragen gestellt. Richtig so! Dass sie nicht jedem schmecken, ist verständlich: "Normalerweise freut man sich als PR-Manager über eine Titelgeschichte – eine Spiegel Titelgeschichte jedoch….", konnte sich Googles deutsches PR-Sprachrohr Stefan Keuchel sein Missfallen via Twitter gestern nicht ganz verkneifen.

Einen Aspekt haben die "Spiegel"-Redakteure jedoch außer Acht gelassen. Der Titel hat Neugier auf die ganze Debatte um die Privatsphäre geweckt. Ein Schwenk zum großen kommenden Konkurrenten Facebook, der während der Weihnachtsfeiertage erstmals mehr Nutzer auf seine Seite zog als Google, wäre da auch wünschenswert  gewesen – vor allem nach den Veränderungen im Dezember, die die Privatsphäre von 350 Millionen Usern über Nacht deutlich beschnitten haben.

Dass die Ära der Privatheit nämlich tatsächlich unwiderruflich zu Ende ist, bestätigte Gründer Mark Zuckerberg am Wochenende: Wenn er noch mal die Möglichkeit hätte, würde er Facebook als komplett offene Plattform programmieren, erklärte der 25-jährige Havard-Abrecher auf einer "TechCrunch"-Veranstaltung.  Die diese Tage grassierende Aufregung über den Nacktscanner  – sie erscheint da wie eine Phantom-Debatte.

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