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Slow Media: das diffuse Manifest

Man nehme eine Portion Nachhaltigkeit, eine Prise Wachheit und einen Schuss Aura - das sind nach Überlegungen von Sabria David, Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt die Zutaten für ein Rezept, mit dem sie auf die Medienrevolution des letzten Jahrzehnts reagieren wollen. In den 14 Punkten des sogenannten Slow Media Manifests geht es um die ungeteilte Aufmerksamkeit und Konzentration eines Users gegenüber Medien. Großer Wurf oder viel Lärm um nichts? In Blogs wird das Manifest eher kritisch betrachtet.

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Eher altbacken sei der Ansatz, so wird bemängelt, zu wenig überraschend komme das Manifest daher. Worum geht es? Der Name Slow Media lehnt sich an den Begriff Slow Food an. Analog dazu geht es nach Meinung der Kommunikationexpertin David, dem Soziologen und Ethnologen Köhler sowie dem Statistiker Blumtritt nicht um die schnelle Konsumierbarkeit von Medien, sondern das bewusste Auswählen der Angebote. Getreu ihres Kochansatzes heißt es in der Erklärung, dass es "um die Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um die Konzentration in der Zubereitung" gehe.
Auf der Seite www.slow-media.de ist die Erklärung vorgestellt. Insgesamt sind es 14 Punkte, auf die die drei Verfasser hinweisen. Beispielsweise solle Slow Media einen Beitrag zur Nachhaltigkeit liefern, indem auf "Ausbeutung und Niedriglohnsektoren" verzichtet werde. Ein netter Gedanke, doch ist er in der heutigen Zeit des wirtschaftlichen Drucks in den Redaktionen eher als realitätsfern einzustufen.
Die Hobbyköche Köhler und Blumtritt meinen, dass Slow Media die Monotasking-Fähigkeit fördern. Dazu heißt es: "So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden." Ebenfalls ein guter Grundsatz, doch fragt man sich, für wen dieser gelten soll. Für den Redakteur als Koch oder den User als Gast oder beide gleichzeitig? Und wie würde das genau aussehen? Wäre dann das Öffnen mehrere Fenster verboten, gar technisch unmöglich gemacht?
Darüber hinaus seien Slow Media zeitlos, strahlten eine gewisse Aura aus und reagierten progressiv. Auch hier stellt sich die Frage, wie das genau auszusehen hat. Welche Rolle spielt eigentlich eine aktuelle Berichterstattung?
An verschiedenen Punkten tritt der Qualitätsaspekt in den Vordergrund. So sollen Slow Media Qualität "spürbar" machen, indem sie "sich selbst in Produktion, Anmutung und Inhalt an hohen Qualitätsmaßstäben" messen. Dadurch würden sie sich von den schnellen und kurzlebigen Pendants abheben. Außerdem würden Slow Media auf die Verbesserung von Benutzerinterfaces setzen, indem sie auf die Gewohnheiten der User zugeschnitten werden.
Auch der User wird neu definiert: Der passive Konsument mutiert nach dem Slow Media Konzept zum sogenannten Prosumenten. Das ist nach der Idee der Autoren ein aktiver Mediennutzer, der durch den Konsum von Slow Media zu neuen Ideen und Handlungen angeregt wird. Dieser Ansatz vernachlässigt jedoch beispielsweise Soziale Netzwerke oder Blogs, die die User bereits jetzt zur Interaktivität anregen. Gleichermaßen wird dem User von heute damit unterstellt, nur passiv Medien zu konsumieren.   
Aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet, soll der Erfolg von Slow Media nicht über "überwältigenden Werbedruck" hergestellt werden, sondern über Empfehlungen der Prosumenten. Dabei stellt sich die Frage: Wie sollen Slow Media eigentlich finanziert werden? Abschließend heißt es: "Slow Media werben um Vertrauen und nehmen sich Zeit, glaubwürdig zu sein. Hinter Slow Media stehen echte Menschen. Und das merkt man auch."
Der Deutsche Welle-Reporter Marcus Bösch kritisiert das Manifest in seinem Blog: "Im diffusen Slow Media Manifest werden Taten angekündigt, die andere längst vollbringen – ohne diese reflexiv zu zerreden." Für ihn biete die Erklärung "wenig Neues" und "wenig Interessantes": " Um herauszufinden ‚wie wir die ganzen neuen Kommunikationskanälen einsetzen‘, sollte man diese vielleicht nutzen."
Medienjournalistin Ulrike Langer findet in ihrem Blog folgende Worte über das Manifest: "Mich hat es an ein Thesenpapier für Leute mit zuwenig Zeit und Muße für das Slow Medium ‚Payback‘ von Schirrmacher erinnert".
Insgesamt wirkt das Manifest zu vage formuliert. Dem Leser wird nicht deutlich, um welche Medienformate es genau bei Slow Media gehen soll und wie diese umzusetzen sind. Dementsprechend bleibt offen, ob es sich bei Slow Media um den reinen Medieninhalt dreht, oder auch um die technische Umsetzung des Ganzen. Denn letzteres müsste eine neue Medienrevolution nach sich ziehen: Computer, die im Stande sind, nur ein einziges Browserfenster zu öffnen, um dem versprochenen Monotasking und der besonderen "Aura" gerecht zu werden.
Das alles scheint doch eher abwegig. Der Ansatz ist ja sicher nicht falsch, aber das Manifest bietet einfach zu viele Angriffspunkte und bleibt in der Aussage zu diffus. Immerhin eins können sich die Autoren zugute halten – den ersten Medientrend des Jahres ausgerufen zu haben.

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