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Wie ein Journalist Guantanamo erlebte

Er war der einzige Journalist, der im US-Gefangenenlager in Guantanamo saß: Sami al-Hajj. Im letzten Jahr wurde der Sudanese nach sechseinhalb Jahren der Folter und Misshandlung freigelassen - ohne jemals angeklagt worden zu sein. Jetzt sitzt der Kamermann wieder an seinem Arbeitsplatz bei Al-Jazeera und leitet die Redaktionsabteilung für Menschen- und Bürgerrechte. Zudem engagiert er sich für das Guantanamo Justice Center, einer Gruppe von Ex-Gefangenen der kubanischen Haftanstalt.

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Im Dezember 2001 wurde al-Hajj bei Dreharbeiten an der pakistanisch-afghanischen Grenze von der pakistanischen Armee festgenommen und dem US-Militär übergeben. Der Vorwurf: In den neunziger Jahren soll sich der Familienvater mit einem Vertrauten von Osama Bin Laden getroffen und wiederholt für islamistische Extremisten als Geldkurier gearbeitet haben. Unter Folter wurde versucht, ihn dazu zu zwingen, die Verbindungen zwischen Al Jazeera und der Terrorgruppe Al Quaida offen zu legen, wenn auch erfolglos.
Einem Bericht von Spiegel Online zufolge wies der 40-Jährige stets die Vorwürfe zurück. Er habe nie eine Verbindung zu einer terroristischen Organisation gehabt und sei keine Bedrohung für die USA. Al-Hajj hat seine eigene Theorie zu seiner Festnahme: Er wurde verhaftet, weil er bei Al-Jazeera über Menschenrechtsverletzungen der US-Streitkräfte in Afghanistan berichtet hatte.
Im Interview mit der "New York Times" sagt der Journalist, dass er während der Gefangenschaft nicht aufgehört habe, zu arbeiten. "Ich möchte sieben Jahre lang reden, um die sieben Jahr des Schweigens nachzuholen", sagt der Sudanese. Während seiner Inhaftierung hielt er alles fest, was der Öffentlichkeit verborgen blieb: "Ich habe gefühlt, dass ich das für die Geschichte dokumentieren muss", sagt er im Interview. Die nächste Generation solle erfahren, welche Gewalt in Guantanamo zur Anwendung komme. 
Im April dieses Jahres hatte al-Hajj mit seinem Insiderwissen für Aufsehen gesorgt: Der noch in Haft sitzende Mohammed al-Kurani hatte bei ihm angerufen und ihm ein Interview aus dem Gefangenenlager gegeben – etwas, das unmöglich schien, untersagt die US-Regierung seit der Errichtung des Lagers doch jeglichen Kontakt zwischen Insassen und Journalisten. Die beiden kannten sich jedoch aus ihrer gemeinsamen Guantanamo-Zeit. Al-Kurani hatte gegenüber Aufsehern behauptet, er würde einen Verwandten anrufen – ein Privileg, das nur bestimmte Insassen genießen.
Al-Hajj transkribierte Teile des Gesprächs und stellte sie auf die Homepage von Al Jazeera. Al-Kurani berichtet darin von Gummiknüppeln, mit denen ihn die Aufseher schlugen und dem Einsatz von Tränengas. Pikant an der Geschichte war damals, dass sie nach dem Amtsantritt von Obama an die Öffentlichkeit kam und damit kurz nach seiner Ankündigung, Guantanamo schließen zu wollen.
Al-Jazeera konfrontierte sowohl das Pentagon als auch das Justizministerium mit den Aussagen des Augenzeugen. Diese wiesen die Vorwürfe jedoch zurück. Begründung: man habe keinerlei Hinweise auf die Echtheit der Erzählungen des Insassen.
Heute engagiert sich al-Hajj für das Guantanamo Justice Center, eine Gruppe von ehemaligen Gefangenen der kubanischen Haftanstalt, die er mitgegründet hat. Er bereitet derzeit einen Prozess gegen George W. Bush und weitere Mitglieder der damaligen Regierung vor und will sich dafür einsetzen, dass die Guantanmo-Häftlinge als politisch Gefangene bezeichnet werden. Seiner Meinung nach ist Guantanamo ein "rechtsfreier Raum".

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