Wie gaga ist der Diekmann-Kult?

Kurz vor Weihnachten erreicht der Kult um "Bild"-Chef Kai Diekmann einen Höhepunkt. Jetzt hat er den Preis als "Unterhaltungsjournalist des Jahres" abgelehnt. Grund ist ein Streit um eine Blitz-Auszeichnung in letzter Minute für die "SZ". Aber wie "gaga" ist Kai Diekmanns Blog wirklich? Seine Eskapaden werden immer greller, sein Sarkasmus der Branche gegenüber immer beißender. Ausgerechnet der "Bild"-Chef ist so etwas wie der Till Eulenspiegel für den Medienzirkus geworden.

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Diekmanns Brief, in dem er die Ablehnung der Auszeichnung vom "Medium Magazin" begründet, trieft geradezu vor doppelbödiger Ironie und vor ätzendem Sarkasmus. Er könne den Preis als "Unterhaltungsjournalist des Jahres" nicht annehmen, weil die Jury selbst ja viel ironischer sei als er, schreibt er. Nur so sei es zu verstehen, dass Stefan Kornelius von der "Süddeutschen Zeitung" für seinen Artikel "Er hat die Menschen als Ziel, nicht die Fahrzeuge" einen Sonderpreis für seine Kundus-Enthüllungen bekomme. Immerhin, und da hat Diekmann Recht, war es die exklusive "Bild"-Veröffentlichung eines geheimen Militärberichts, der bereits zwei Wochen vor dem "SZ"-Artikel dazu führte, dass der ehemalige Verteidigungsminister Jung als Arbeitsminister zurücktreten musste, Karl Theodor zu Guttenberg seine Auffassung zu dem Militärschlag von "angemessen" zu "nicht angemessen" änderte, mithin die ganze Affäre erst richtig Fahrt aufnahm.

Diekmann mag dies als ungerecht empfinden, er reagiert darauf mit Ironie und schließt seinen Brief mit den Worten: "Sich den Bauch vor Lachen haltend". Aber der Ärger Diekmanns über die Nicht-Auszeichnung der "Bild" ist nur ein Steinchen im Gesamt-Mosaik des Blog-Projekts des "Bild"-Chefs. Betrachtet man seine Texte und vor allem Videos, kann man nur zu dem Schluss kommen: Dieser Mann nimmt die Medienbranche nicht mehr ernst. So entlarvte er bereits seine Mit-Genossen von der "taz" in dem unseligen Pimmel-Streit als spaßbefreite Knochen, jüngst trat er als Gaststar in einem Beitrag des anderen großen Gaga-Video-Bloggers Matthias Matussek bei "Spiegel Online" in einem gestellten Treffen der "Anonymen Blog-Süchtigen" auf.

Er bedankte sich für einen ulkigen Pappedeckel-Hobby-Preis von ein paar Bloggern mit einer überschwänglich, ironischen Videobotschaft. Genauso ironisch startete er dann eine Kampagne, die zum Ziel hatte, dass er selbst von der Fachzeitschrift "Horizont" zum Medienmann des Jahres gewählt werde. Dafür ließ er sogar seine Frau einen handgeschriebenen (und durchaus lustigen) Bettelbrief schreiben. Dass er nun tatsächlich Medienmann bei "Horizont" wird, zeigt, dass er es vorher eigentlich schon gewusst haben muss. Hinterher ließ er sich selbst mit aufmontierter Königskrone in seinem Blog abbilden. Die Dauer-Provokation aus allen Rohren wirkt. In den Kommentaren schäumen die Diekmann-Gegner wie auf Knopfdruck und merken offensichtlich nicht, dass sie es sind, die hier vorgeführt werden.

Das Irritierende für Viele ist, dass Diekmann den ernst gemeinten Preis "Medienmann des Jahres" mit genau der gleichen Ironie-Soße überzieht wie den Hobby-Preis "Blogger des Jahres" oder die Ablehnung der Auszeichnung als "Journalist des Jahres". Allein schon wie Diekmann sein Ablehnungsschreiben anfängt: "Dankbar und mit Freude" habe er das Votum des "Medium Magazin" zur Kenntnis genommen. Wäre nicht die Begründung, würde und müsste er "mit Freude die Hände ausstrecken, den Kranz aus Lorbeer stolz entgegenzunehmen". Und Daneben steht eine Fotomontage, die die Jury-Mitglieder Michael Jürgs, Wolfgang Kaden und Bernd Gäbler mit Clownsnasen und Papphütchen zeigt.
Bei Diekmann verschwimmen die Grenzen zwischen Medien-Kritik, Selbst-Ironie und Gaga-Content. Dabei entlarvt er nicht nur die Wichtigtuerei in der Medien- und Internet-Szene, sondern auch den Medien-Zirkus mit seiner eitlen Selbst-Beweihräucherung in zahllosen Preisverleihungen. Diekmann macht sich lustig über den Betrieb, dem er selbst angehört und bekommt dafür immer mehr Applaus und Preise hinterhergeworfen. Er ist mit seinem Blog so etwas wie ein Till Eulenspiegel für die Medienbranche geworden. Das würde der sich selbst generell zu ernst und wichtig nehmenden Zunft der Medienschaffenden eigentlich mal ganz gut tun. Wenn sie es nur endlich merken würde.

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