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Kritik und Häme für Springers Bezahl-Start

Die Bezahl-Offensive von "Hamburger Abendblatt" und "Berliner Morgenpost" im Web wurde viel kritisiert. Prominente Blogger haben die Umstellung hämisch kommentiert. Auch von Nutzern kam Kritik. Außerdem kann die Bezahl-Hürde mit einigen einfachen Tricks umgangen werden, was aber nicht ungewöhnliches ist. Trotzdem gilt: Was jetzt lauthals kritisiert wird, sind in erster Linie Kinderkrankheiten. Die wahre Probe für Paid Content kommt erst noch.

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Die Schärfe der Kritik, der sich Springer mit seiner Bezahl-Offensive aussetzte, ist vielleicht nicht sonderlich überraschend, aber zumindest bemerkenswert. Mit zahlreichen kritischen Leserkommentaren war zu rechnen. Niemand ist so recht begeistert, wenn er oder sie plötzlich für etwas bezahlen soll, was es bislang gratis gab. Mittlerweile hat der Vize-Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", Matthias Iken auf einige Leserkommentare reagiert. Der prominente Blogger Thomas Knüwer schreibt in seinem Weblog in Bezug auf die Bezahl-Offensive von Springer und die Forderungen vom Kölner Zeitungsverleger Alfred Neven DuMont nach staatlicher Unterstützung etwas von "mitleiderregend" und "abstoßend". Das sind nun doch sehr harte Worte.

Der preisgekrönte Medienjournalist Stefan Niggemeier lässt an der Bezahl-Strategie von Axel Springer ebenfalls kein gutes Haar. Der stellvertretende Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", Matthias Iken schimpfe herum, "wie ein einarmiger Rentner 1968 über die langhaarigen Studenten", schreibt Niggemeier. Was Springer da tue, das sei kein Geschäftsmodell, sondern "der verzweifelte Versuch, das alte, für die Verlage komfortable Geschäftsmodell des Abonnements und des Kaufs ganzer Zeitungen, in ein neues Medium zu retten, das die Kunden von den Fesseln solcher Geschäftsmodelle befreit."

Neben der Kritik an den angekündigten Bezahlinhalten, hagelt es auch Berichte über ein angebliches "Loch" in Springers Bezahlmauer. Das "Loch" sieht so aus, dass man über den Umweg Google und Google News, nach wie vor gratis die kompletten Artikel bei Abendblatt.de und Morgenpost.de lesen kann. Den gleichen Effekt erreicht man, wenn man den Firefox-Browser mit dem Add-on "User Agent Switcher" versieht. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass der Verlag nicht auf den Google-Traffic verzichten will. Das ist aber nix Neues. Selbst das für sein Online-Abo-Modell stets gerühmte "Wall Street Journal" hat dieses "Loch" in seiner Bezahlmauer. "Wir haben uns bewusst für diesen Weg entschieden, damit auch flüchtige User unsere Inhalte kennenlernen können und hoffentlich zu treuen Lesern werden", sagt Springer-Sprecher Christian Garrels zu MEEDIA.

Google hat jüngst angekündigt, sein so genanntes First-Click-Free-Programm zu ändern, um Verlagen entgegenzukommen, die Paid-Content anbieten. Dies würde dann so aussehen, dass Bezahl-Inhalte bei Google News bereits auf der Übersichtsseite als solche gekennzeichnet sind. Verlage können dann selbst festlegen, wieviele zwischen einem und fünf Klicks von Google aus "free", also gratis sind. Dass Springer zum Start der Paid-Content-Offensive zunächst ein Abo-Modell einsetzt, kann man kritisieren, wirklich praktikable Bezahlsysteme für Micropayment von Inhalten sind aber auch noch nicht entwickelt. Meist müssen sich Nutzer dafür bisher bei Dritt-Anbietern wie Click and Buy mit ihren Kontodaten oder Kreditkartennummern anmelden, was auch nicht jeder gerne macht.

Springer hat mit dem Vorstoß bei kostenpflichtigen iPhone-Apps und Bezahl-Inhalten bei zwei wichtigen Regionalzeitungen jedenfalls mehr Mumm in Sachen Paid-Content bewiesen als Rupert Murdoch, der sich nach wie vor in Ankündigungen ergeht. Stefan Niggemeier belehrt die Springer-Leute, dass nicht die Gratis-Mentalität im Internet ihr Problem sei, sondern die Vervielfältigung von Werbeflächen. "Man nennt das Markt", schreibt Niggemeier ausgerechnet Springer ins Stammbuch. Gehen wir mal davon aus, dass das Internet tatsächlich auch ein Markt ist, dann werden sich Springers Bezahl-Angebote auch an diesem Markt bewähren müssen. Oder sie werden modifiziert oder wieder abgeschafft. Auch das gehört zum Markt.

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