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Springer-Portale riskieren Paid Content

Seit Dienstag sind Teile des Angebots der Web-Portale des "Hamburger Abendblatts" und der "Berliner Morgenpost" nur noch gegen Gebühr zu lesen. Betroffen von der Umstellung sind die Lokal- und Regionalberichterstattung sowie die Archive. Der Zugang zu den Online-Angeboten kostet nun bei Abendblatt.de im Abonnement monatlich 7,95 Euro, bei Morgenpost.de drei Euro weniger. Der Springer-Verlag riskiert viel, denn die zahlungsunwilligen deutschen Nutzer könnten die Zeitungsportale künftig ganz meiden.

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Welche Geschichten nur gegen eine Gebühr zu lesen sind, erkennt der Nutzer an einem Euro-Symbol. Ein Klick auf die Geschichte führt zur Registrierung und Anmeldung. Abgerechnet wird über den Online-Bezahldienstleister ClickandBuy. Abonnenten der gedruckten Zeitungen können den Service weiterhin kostenlos nutzen. Kostenlos bleibt auch weiterhin das überregionale Angebot zu Sport, Politik, Wirtschaft und Kultur.

Der Verlag Axel Springer ist das erste deutsche Medienhaus, das seine Ankündigung, für Content auf seinen Zeitungsportalen Geld zu verlangen, in die Tat umsetzt. Ob diese Umstellung funktioniert, wird im wesentlichen vom Umfeld abhängen: Noch liefern der hauseigene Konkurrent Welt.de und das Portal der "Hamburger Morgenpost" Mopo.de Geschichten gratis, für die Abendblatt.de die Kunden nun zur Kasse bittet. So können Nutzer sich beispielsweise über den Feuertod eines 77-Jährigen in Glinde mit wenigen Klicks bei der Konkurrenz umsonst informieren. Allerdings publiziert die "Mopo" in Hamburg online hauptsächlich das, was im gedruckten Titel bereits zu lesen war.

Wenn die Konkurrenz-Portale nicht mitziehen und für ihr Angebot ebenfalls eine Kostenpflicht einführen, droht Abendblatt.de eine größere Gefahr als lediglich das Ausbleiben von Einnahmen. Nicht allein könnte die Gruppe der zahlungswilligen Leser zu klein sein, um ein aufwändiges Online-Angebot auf Dauer zu finanzieren; die Nutzer könnten durch die Bezahlschranke dauerhaft zu einem anderen Anbieter wechseln.

Wie gering die Zahlungsbereitschaft der Nutzer in Deutschland tatsächlich ist, führt eine neue Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) vor Augen, derzufolge nur neun Prozent der Deutschen für digitale Informationen im Netz zu zahlen bereit sind, für Nachrichten sind es zehn Prozent. Und selbst diese wenigen Zahlungswilligen würden nur geringe Summen für den Content ausgeben.

Zur Rechtfertigung der Bezahlschranke stellt Matthias Iken "In eigener Sache" in Abendblatt.de die rhetorische Frage: "Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?" – Die Antwort lautet: Anscheinend ja. Und Pauschalangebote wie Springers Online-Abonnementmodell bieten besonders viel Anlass zu Pessimismus. Der Vorstandsvorsitzende des Online-Zahlungsdienstleisters Click and Buy, Charles Fränkl, sagt in diesem Zusammenhang: "Nur über Einzelabrufe richtig guter Inhalte lässt sich der Weg zum Abonnement Schritt für Schritt ebnen."

Bei Springer entschied man sich allerdings dafür, statt Micropayment für einzelne Artikel eine "Flatrate" für die Monatsnutzung zu erheben. Im Verlag hat sich bei den Regionalzeitungen die Überzeugung durchgesetzt, dass nach Jahren des Experimentierens ohne Bezahlinhalte die Qualität der Berichterstattung im Internet auf Dauer nicht zu gewährleisten ist. Das Verhältnis zwischen redaktionellem Aufwand und den über Bannerwerbung erzielbaren Erlösen ist nach wie vor ruinös.

Dass die Einführung von Paid Content dem Springer-Verlag selbst dennoch nicht ganz geheuer ist, spiegelt sich in den Worten des Abendblatt.de-Autors deutlich wider: "Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos."

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