Frey für Brender: Die Pressestimmen

Die Medienexperten in Deutschlands Redaktionen sind sich sicher: Peter Frey wird "strampeln müssen" ("FR") um sich von der Causa Brender und dem indirekten Vorwurf ein Koch-Kandidat zu sein, befreien zu können. Das ZDF wird nicht zur Ruhe kommen. Die "FAZ" wittert bereits die nächste Personaldebatte: Die Vertragsverlängerung von Peter Hahne steht an. "Hahne", schreibt Michael Hanfeld, "der den Unionisten lieb und teuer und für die Roten ein rotes Tuch ist, kaltzustellen, ist leichter, als Brender abzuservieren."

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Michael Hanfeld, FAZ.net:
"Peter Hahne, der den Unionisten lieb und teuer und für die Roten ein rotes Tuch ist, kaltzustellen, ist leichter, als Brender abzuservieren. Hahne hat seinen Posten in Berlin seit 1999 inne, eine Vertragsverlängerung steht nach einem Turnus von zweimal fünf Jahren an – oder eben auch nicht. Formal muss der Intendant dem Verwaltungsrat die Besetzung der Posten in Berlin nicht vorlegen, das Gremium muss jedoch die Arbeitsverträge absegnen, da sie weit über Tarif dotiert sind. Und so wird der Rattenschwanz parteipolitisch bestimmter Berufungen im ZDF immer länger."
 
Welt.de:
"Die Wahl von Brenders Nachfolger erscheine in einem merkwürdigen Licht, sagt Klaus Bresser (1988 bis 2000 ZDF-Chefredakteur). Der Sender wirke nicht mehr staatsfern. ‚Das muss Peter Frey behelligen. Aber er muss Ja sagen, wenn ihm das angetragen wird, denn er hat die Qualität, um zu beweisen, dass dieser Sender ein unabhängiges Institut ist, glaubwürdig und eigenständig.‘ (…) Die Gefahr als Chefredakteur bestehe allerdings darin, ‚dass man sich erschöpft in den Auseinandersetzungen mit den Gremien, die mit Stellungnahmen und Vorlagen befriedigt werden müssen‘, sagt Bresser. ‚Frey wird das packen, er ist nicht zahm oder zahnlos, sondern kann sich durchsetzen.’"

Volker Schmidt, FR-online.de:
"Aber er tritt sein Amt unter Generalverdacht an: Glauben Roland Koch und die anderen unionsnahen Verwaltungsratsmitglieder, in ihm einen Chefredakteur gefunden zu haben, der weniger auf journalistische Unabhängigkeit beharrt als Brender?
Frey wird ganz schön strampeln müssen, um diesen Verdacht zu zerstreuen. Der Neue steht unter Beobachtung. Er darf Koch gerade noch einen guten Morgen wünschen – wird er freundlicher, wird es heißen: Aha, die CDU hat ihn im Sack. Freys Job wird ein Balanceakt auf dem Proporz-Hochseil."

Handelsblatt:
"’Mit Peter Frey wird ein herausragender, allseits anerkannter Topjournalist neuer Chefredakteur des ZDF‘, sagte Schächter nach der Verwaltungsratssitzung. ‚Er steht für Glaubwürdigkeit, Professionalität und die journalistische Unabhängigkeit unserer Informationssendungen.‘ Frey sagte, es sei jetzt die Hauptaufgabe des neuen Chefredakteurs, die Glaubwürdigkeit des Senders, die in der öffentlichen Wahrnehmung gelitten habe, wiederherzustellen. ‚Dafür arbeite ich gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen, den Redaktionen, der Geschäftsführung und auch den Gremien.‘

David Denk, Taz:
"Dass Frey dem Drängen seines Intendanten Markus Schächter nachgegeben hat, Brender zu beerben, bedeutet für den 52-Jährigen, der als äußerst umgänglich und gewinnend gilt, zunächst mal eine Menge heikler Arbeit: Zunächst muss Frey, der als ‚Roter‘ gilt, weil der Chefredakteur im Anstaltsgefüge der SPD nahe zu stehen hat, sich von dem Makel befreien, ein Chefredakteur von Roland Kochs Gnaden zu sein. Der hessische Ministerpräsident hatte sich für Frey stark gemacht. Und dann muss der neue Chefredakteur einen Mittelweg finden zwischen der dringend notwendigen Aufarbeitung der politischen Einflussnahme der Politik in den Mainzer Gremien und der ebenso wichtigen Rückkehr zur Tagesordnung.
Denn – auch wenn das im Fall Brender vorübergehend in Vergessenheit geriet – ein Chefredakteur wird auch beim ZDF vor allem an dem Programm gemessen, das er in Arbeitsteilung mit dem für die Unterhaltung zuständigen Programmdirektor macht."

Thomas Lückerath, Dwdl.de
"Im Grunde also ist deshalb bei allen Beteiligten die antrainierte Empörung über die politische Konkurrenz deutlich größer als die Empörung über die Organisationsstruktur des ZDF. Man ist gegen das, was der andere will – aber hat selbst keinen eigenen Willen. Und so verwundert es dann auch kaum, dass am Donnerstag bereits der bisherige Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Peter Frey, als Nachfolger gewählt wurde.
Die Debatte um Nikolaus Brender und die politische Einflussnahme auf die Personalentscheidungen beim ZDF ist damit höchstwahrscheinlich und bedauernswerterweise beendet. Zumindest  auf politischer Ebene. Und nur dort könnte man nachhaltig etwas an dem Dilemma des ZDF-Verwaltungsrates ändern. Doch wie oberflächlich das Interesse daran ist, haben die vergangenen zwei Wochen gezeigt. Der Bösewicht in dieser ganzen Story ist eben nicht allein Roland Koch."

Joachim Huber, Der Tagesspiegel:
"Für Beobachter ist der Chefredakteurswechsel im ZDF nicht frei von Ironie. Brender wie Frey laufen auf dem Ticket des SPD-Freundeskreises in den Sendergremien. Heißt: Die Konservativen haben den einen moderaten Linken, Nikolaus Brender, vor die Tür geschickt und zugleich einen moderaten Linken, Peter Frey, gewählt. Der Vorgang illustriert, wie sehr Intendant Markus Schächter bei den Spitzenpersonalien in Europas größter Fernsehanstalt vom Wohlwollen der Parteipolitiker abhängig ist. Das Links-Rechts-Schema im ZDF ist intakt. Für Koch und die Konservativen bleibt der weitere Triumph, dass mit Schausten eine Journalistin an die Spitze des Hauptstadtstudios rückt, die der Union so fern nicht steht. Für den parteiunabhängigen Journalismus im Sender, für den alle drei – Brender, Frey und Schausten – einstehen, kann das eine Bürde sein."

Kai-Hinrich Renner, Hamburger Abendblatt:
"Der 52-Jährige wird mit dem Manko leben müssen, als Chefredakteur von Kochs Gnaden zu gelten. Verdient hat er das nicht: Der promovierte Politikwissenschaftler, seit 26 Jahren im Sender, hat beim ZDF nicht nur eine Bilderbuch-Karriere gemacht, die ihn 2001 an die Spitze des Hauptstadtstudios führte. Er ist auch ein ebenso kompetenter wie unabhängiger Journalist."

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