DerWesten: das gescheiterte Experiment

Vor Wochen hat sich der frühere "Handelsblatt"-Redakteur Thomas Knüwer als Medienberater selbstständig gemacht. Dummerweise berät er auch Manchen, der dies gar nicht will - wie zum Beispiel den WAZ-Konzern. Dass die Essener Print-Chefredakteur Ulrich Reitz auch das Online-Portal DerWesten übertragen, bezeichnet Knüwer als "Horror-Szenario", und er macht kein Hehl daraus, dass er Reitz für wenig web-affin hält. Dabei ist die Maßnahme im Prinzip richtig: DerWesten hat die Erwartungen nicht erfüllt.

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Vor Wochen hat sich der frühere "Handelsblatt"-Redakteur Thomas Knüwer als Medienberater selbstständig gemacht. Dummerweise berät er auch Manchen, der dies gar nicht will – wie zum Beispiel den WAZ-Konzern. Dass die Essener Print-Chefredakteur Ulrich Reitz auch das Online-Portal DerWesten übertragen, bezeichnet Knüwer als "Horror-Szenario", und er macht kein Hehl daraus, dass er Reitz für wenig web-affin hält. Dabei ist die Maßnahme im Prinzip richtig: DerWesten hat die Erwartungen nicht erfüllt.

Es geht gar nicht darum, ob der WAZ-Chefredakteur als Person die passende Besetzung ist. Es spricht aber vieles dafür, dass er in seiner Funktion das Online-Portal leitet. Der Versuch, eine möglichst innovative und "zweinullige" Website für die Region aufzubauen und sich damit für die künftige Medienentwicklung zu wappnen, scheint nach Anfangserfolgen schief gegangen zu sein.
Schauen wir doch mal auf die nüchternen Zahlen: DerWesten wächst seit einiger Zeit kaum noch. Nach dem Launch des WAZ-übergreifenden Internet-Angebotes ging es bei IVW- und AGOF-Zahlen zwar zunächst relativ schnell nach oben. Im Dezember 2007, dem ersten DerWesten-Monat erreichte man laut IVW noch 2,24 Mio. Visits, im März 2008 3,20 Mio. Dieses Ergebnis verdoppelte man in nur zwölf Monaten, im März 2009 sprang DerWesten auf genau 6,40 Mio. Visits.
Doch seitdem stagnieren die Zahlen, im November 2009 gab es 7,07 Mio. Visits. Das Ziel, den größten NRW-Konkurrenten RP Online einzuholen, ist weiterhin in großer Ferne: Mit einem neuen RP-Online-Rekord von 10,04 Mio. Visits ist der Abstand zur WAZ-Website größer denn je. Anstatt RP Online einzuholen, fiel DerWesten in einigen der jüngsten Monate sogar hinter Express.de zurück und war nur noch die Nummer 3 in NRW.

Ähnlich die Situation bei den Reichweitenzahlen der AGOF. Vom vierten Quartal 2007 zum vierten Quartal 2008 verbesserte man sich von 0,51 Mio. Unique Usern auf 1,21 Mio., doch seitdem stagnieren die Werte. Die neuesten Zahlen aus dem dritten Quartal 2009 weisen für DerWesten 1,29 Mio. Nutzer aus, also kaum noch ein Wachstum. Hatte man RP Online im vierten Quartal 2008 mit 1,21 Mio. zu 1,23 Mio. Unique Usern beinahe eingeholt, ist man nun mit 1,29 Mio. zu 1,89 Mio. wieder meilenweit hinter die Düsseldorfer zurückgefallen.
Ein Vergleich mit den Leserzahlen der Print-Versionen zeigt, was für ein Misserfolg dieses Ergebnis ist. Laut aktuellster MA-2009-Zahlen verfügen die Zeitungen der WAZ-Mediengruppe über 2,23 Mio. Leser täglich, die Rheinische Post kommt auf 1,29 Mio. Gemessen daran hätte das WAZ-Portal wesentlich mehr Unique Visitors erreichen müssen.
All dies zeigt, dass der Zauber der Anfangszeit, da die Verpflichtung der Alpha-Bloggerin Katharina Borchert als mutiger aber zukunftsweisender Schritt gefeiert wurde, längst verflogen ist. In der Erinnerung und wohl auch den Bilanzen bleibt Anderes haften: eine quälend lange Entwicklungszeit, die auch dem Versuch geschuldet war, mit DerWesten etwas völlig Neues auf die Beine zu stellen. Die Aufgabe des Namens der klassischen WAZ-Titel im Web, der über lange Zeit den User-Strom eher gebremst haben dürfte. Und schließlich die Erkenntnis, die WAZ-Sprecher Paul Binder auf Anfrage Thomas Knüwer mitteilte: "Wir betrachten den Westen als Investment und sehen die aufgelaufenen Verluste als zu hoch." Man könnte auch sagen: Das ambitionierte Experiment tendiert dazu, zum Flop zu werden.
Man muss nun die Entwicklung in der Nach-Borchert-Ära abwarten und sollte auch im Interesse der WAZ-Leser hoffen, dass ein qualitatives Wachstum im Online-Bereich nicht durch Sparmaßnahmen erschwert oder unmöglich gemacht wird. Die stärkere Vernetzung mit den Print-Aktivitäten ist allerdings ein konsequenter Schritt, und dafür ist die Bündelung der Verantwortung in einer Hand nicht zwingend falsch, solange das Webangebot nicht heruntergefahren oder vom Printdenken dominiert wird.
Auch von Reitz wird erwartet werden, dass er dieses duale Medienprinzip beherrscht oder andernfalls geschickt delegiert. Die Website selbst ist ebenfalls nicht unproblematisch. Trotz eines modernen Designs wirkt die Nutzerführung verbesserungsbedürftig, fehlt die klare Linie der leserfreundlichen Themenanordnung. Reitz hin oder her: Es gibt beim Westen viel zu tun.

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