Öffentliche Erreger: viel Rauch um nichts

Die derzeitge Debatte um N24 weckt Erinnerungen an die öffentliche Erregung im Sommer 2007. Damals strich Sat.1 sogenannte Info-Programme wie das Krawallmagazin "Sat.1 am Mittag". Durch die Medien ging ein Aufschrei der Empörung, als sei die letzte TV-Kulturbastion des Abendlandes in Gefahr. Ähnlich verhält es sich nach dem Eingeständnis von Konzernchef Thomas Ebeling, dass sich ein Nachrichtensender nicht rechnet. Die Rituale der öffentlichen Erregung sind ganz ähnlich wie im Fall Brender.

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ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling hat bei seinem Auftritt vor Mitarbeitern von N24 einen entscheidenden Fehler gemacht: Er war zu aufrichtig. Kurz nach seiner Ankündigung, dass N24 nicht in der bisherigen Form weitergeführt werden könne, bezeichnete er, wahrscheinlich wahrheitsgemäß aber unklug, TV-Nachrichten für einen Privatsender wie Sat.1 in einem Interview als Zuschussgeschäft. Man konnte ahnen, was nun losbrach: Die empörten Mitarbeiter schrieben einen öffentlichen Brandbrief, in dem sie vor "Feigenblatt-Nachrichten" warnten. Der DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken meldete sich mit dem lustigen Satz zu Wort: "Ohne Nachrichten verkommt N24 über kurz oder lang zur Abspielstation für Dokumentationen." Lustig ist der Satz deshalb, weil sich der von Ebeling als Maßstab herangezogene 08/15-Zuschauer mit einigem Recht fragen könnte, ob N24 genau dies nicht schon längst ist – eine Abspiel-Station für Dokumentationen.

An einem x-beliebigen Montag im Dezember listet das N24-Programm u.a. folgende Highlights auf: "Jesus Christus" (Doku), "Auf Streife mit dem Flughafen-Zoll" (Doku), "Auf der Suche nach Hitlers Leichnam" (Doku), "Katastrophen und Konstrukte: Brücken" (Doku), "VIP Weihnachtsessen", "Die Reportage XXL: Kalifornien", "Explosionen – tödliche Sprengkraft" (Doku), "Sektenkult und Glaubenswahn" (Doku), "Knochenjob Türsteher" (Reportage), "Wirbelsturm mit Düsentriebwerk" (Doku). Manchmal hilft ein Blick in die Programmzeitschrift, um sich mit den Realitäten des täglichen TV-Geschehens vertraut zu machen.

Auch die Politik ließ sich nicht lange bitten, in die immer gleichen Erregungsrituale einzustimmen. Kulturstaatsminister Bernd Naumann schäumte, die Verpflichtung der Sender zur Information sei kein Privatvergnügen von Politikern, sondern geltendes Recht und Voraussetzung für die Zulassung von Privatsendern. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sekundierte mit der Drohung, ein Rundfunkstaatsvertrag sei notfalls schnell geändert. Das ist nun ja mal etwas ganz Neues.

Als Sat.1 2007 die Sendungen "Sat.1 am Mittag", "Sat.1 am Abend" und die Nachtnachrichten aus dem Programm kippte, schwappte eine ähnliche Empörungswelle durch die Republik. Allenthalben wurde die Frage gestellt, ob der Sender nun seinen Status als Vollprogramm verlieren könnte. Dabei waren die gestrichenen Sendungen eher nachrichtenarm und auch erst seit kurzem im Programm. Wenn ProSiebenSat.1 bei N24 nun letzte Reste des Nachrichtenskeletts rausoperiert und den Sender zum Dokukanal umetikettiert, wäre das als Beitrag zur Programm-Ehrlichkeit sogar ein Schritt in die richtige Richtung.

Ganz ähnlich verliefen die Empörungs-Rituale der Öffentlichkeit im Fall des geschassten ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender. Die Einflussnahmen von Parteien über die Gremien bei ARD und ZDF sind altbekannt. So lange die Kungeleien in Hinterzimmern stattfanden, wurde dies hier und da kritisiert, der große Aufschrei aber blieb aus. Der kam, als der hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch die politische Strippenzieherei im ZDF-Verwaltungsrat allzu transparent machte. Zudem hatte die mediale Öffentlichkeit mit Koch auch den personifizierten Bösewicht zur Hand. Nun ist die Demontage Brenders über die Bühne gebracht, alle haben nochmal laut geklagt, der Nachfolger steht in der Tür und bald geht es heiter weiter wie bisher. Nur die SPD hadert noch ein wenig mit sich selbst, ob denn nun der Staatsvertrag geändert werden soll oder lieber doch nicht. Herauskommen wird da am Ende: nichts.

Stattdessen geht man zur Tagesordnung über. Die ZDF-Gremienmitglieder werden einen Formel-Kompromiss finden, man wird sich gegenseitig versichern, dass jetzt alles wieder gut ist, genau wie bei den "Aufklärungen" der zahlreichen öffentlich-rechtlichen Skandale von Schleichwerbung bis zum Fall Heinze. Bei N24 wird sich auch irgendeine Lösung finden. Ebeling muss wahrscheinlich zurückrudern. N24 bleibt dem Namen nach ein Nachrichtensender, was wirklich dort versendet wird, ist in großen Teilen ohnehin irrelevant für die Debatte. Es geht nur um die Hülle, um den dünnen Firnis des Konsens. Wie ein süßes, betäubendes Gift legt der sich irgendwann über die öffentliche Erregung. Auch das gehört zum Ritual.

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