„Bild“-iPhone-App: „Schüttel‘ mich nackich“

Was früher mal Nikolaustreffen genannt wurde und ein formloses Get together zwischen Medienjournalisten und Verlagsmanagern zum Jahresausklang war, startete diesmal als Multimedia-Show: Am Dienstagabend hatte der Springer-Vorstand in den Journalistenclub im 19. Stock der Berliner Zentrale geladen. Im Mittelpunkt standen die neuen mobilen Extensions für "Bild" und "Welt". Wer diese als Gimmicks für die iPhone-Generation abtut, irrt: Die Apps markieren einen Wendepunkt in der Verlagsstrategie. Viel hängt davon ab.

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Was früher mal Nikolaustreffen genannt wurde und ein formloses Get together zwischen Medienjournalisten und Verlagsmanagern zum Jahresausklang war, startete diesmal als Multimedia-Show: Am Dienstagabend hatte der Springer-Vorstand in den Journalistenclub im 19. Stock der Berliner Zentrale geladen. Im Mittelpunkt standen die neuen mobilen Extensions für "Bild" und "Welt". Wer diese als Gimmicks für die iPhone-Generation abtut, irrt: Die Apps markieren einen Wendepunkt in der Verlagsstrategie. Viel hängt davon ab.

In seiner Eröffnungsrede hatte Vorstandschef Mathias Döpfner eine historische Wende im Umgang mit dem Internet angemahnt. Die Kostenlos-Kultur, die dort herrsche, müsse aufgebrochen werden, die Leser müssten auch im Netz das vollziehen, was sie seit Jahrhunderten bereitwillig bei anderen Medienformen tun, nämlich "für exzellente Inhalte bereitwillig Geld zu bezahlen."
Entsprechend gespannt durfte man auf das sein, was das Medienhaus sich einfallen lassen hatte, um Surfer und mobile Nutzer auf eine Lizenzgebühr einzustimmen. Auf der Bühne war die Devise des Verlagshauses in großen Lettern zu lesen: appsolut_premium. Nicht jeder begriff sofort, dass dies nicht das Banner eines Herstellers hochprozentiger Getränke war, sondern der Slogan für die Mobiloffensive des Hauses. Für Döpfner hat das Programm nach wie vor "Laborcharakter". Nichts davon sei revolutionär, "wir haben den Journalismus nicht neu erfunden". Zudem hatten die Entwicklungsteams im Hause nur wenige Monate Zeit, die Apps für das rote und das blaue Zeitungssegment zu konfigurieren.
Das Ergebnis kann sich vor allem bei der "Bild"-App sehen lassen. Diese nutzt alle technischen Möglichkeiten des iPhones, integriert Bilder-Galerien, Videos, Social Media und Inhalte verwandter Themen in der intuitiv erfassbaren Navigation. Zudem gibt es die Möglichkeit, das Nachrichtenangebot umfangreich zu individualisieren und thematische sowie regionale Präferenzen bei der Content-Hierachie zu berücksichtigen, ungeliebte Stoffe auch ganz auszublenden.
Sehr übersichtlich war beim ersten Check auch die Navigation der Topthemen, die in einer Kombination aus Headline plus Foto iPhone-typisch durch horizontales Scrollen erfolgt. Wer über eins der Themen mehr wissen will, kann dies groß klicken oder durch vertikales Scrollen weitere artverwandte Artikel finden. Das Ganze macht einen ausgereiften Eindruck und bietet für Boulevard-Fans eine äußerst kompakte und medial aufgerüstete Kompaktausgabe der "Bild".
Neben Videos, einem "Push up"-Dienst, der Eilmeldungen per SMS aufs iPhone bringt, sowie exklusiv für die App erstellten Inhalten, darf die mobile Variante des "Bild"-Girls nicht fehlen. Auch hier zeigten sich die Content-Entwickler um den stellvertretenden Chefredakteur Michael Paustian in ihrem schlüpfrigen Element: Durch das Hin- und herbewegen des Phones entledigt sich eine Dame nach und nach ihrer Kleidung. Paustian: "Das ist die Aufforderung an die Nutzer: Schüttel‘ mich nackich." 
Eine Killer-Applikation auch für professionelle Nutzer dürfte aber eher die vollständig lesbare Pdf-Ausgabe des Print-Blattes vom Folgetag sein, die auf dem iPhone bereits am Abend zuvor um 22 Uhr online geht. Dort kann man jede Seite ansehen und einzelne Texte durch Anklicken vollständig lesen. Vor diesem Hintergrund ist der kalkulierte Preis von 3,99 Euro pro Monat sehr günstig, und Döpfner räumt ein: "Beim Bepreisen stehen wir noch am Anfang."
Naturgemäß etwas nüchterner als die "Bild"-Wundertüte kommt die App der "Welt" daher. Auch hier gibt es eine übersichtliche Navigation, einen "Breaking News"-Dienst, Archiv-Zugriff, lokale Wetterberichte sowie die "Welt kompakt" im lesbaren Pdf-Format. Die zusätzlichen Features wie die iWelt, ein per virtuellen Globus steuerbares Länderlexikon, ein Nachrichtenquiz sowie exklusive Korrespondentenstücke sind vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss, zahlende Kundschaft in ausreichendem Umfang zu generieren. Denn auch der Preis liegt (inklusive Pdf-Ansicht) um einen Euro höher als bei der "Bild".
Entscheidend wird in beiden Fällen sein, dass die Nutzer die durchaus attraktiven Einführungspreise akzeptieren und somit Geld für Content zahlen. Bei mobilen Web erscheint dies insgesamt weniger aussichtslos als im stationären Web, wo Springer ab kommender Woche ebenfalls bei den Regional-Portalen mit Bezahlformen experimentieren wird. Auch hier ist erkennbar, dass nach dem "Wüstenrot"-Prinzip gehandelt wird: Jetzt aber schnell. Längst nicht alle Fragen und Probleme sind geklärt, aber der rasche Start hat oberste Priorität.
Für Springer-Chef Döpfner ist der Vorstoß ein Test, die Möglichkeit des Scheiterns nimmt der CEO ausdrücklich in Kauf. Mit "appsolut_premium" setzt sich das Medienhaus an Spitze der Paid Content-Bewegung und launcht Produkte, wo andere zaudern oder nur reden. Und das allein dürfte im ausgehenden Medienjahr 2009 für Mathias Döpfner entscheidend sein.
Einen Haken hat die Sache allerdings: So leicht es Apple und dessen CEO Steve Jobs Frend-Kunden machen, via iTunes Geld von mobilen Nutzern einzuziehen, so wenig sind diese Herr des Verfahrens. So legt Apple keine Nutzerdaten offen und ermöglicht es auch nicht, Abos nach klassischem Verlagsvorbild zu installieren. Das bedeutet: Benutzer, die sich einmal für eine der Springer-Apps registriert haben, müssen die Vereinbarung Monat für Monat aktiv bestätigen. Auf "Renten-Abos" darf bei Apple kein Verlag hoffen.

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