Der geschmeidige Außenminister

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde es still werden um Christoph Keese. Das ist vorbei. Mit der anhaltenden Debatte um Leistungsschutz und Bezahl-Inhalte hat Springers "Außenminister", wie der ehemalige "Welt am Sonntag"-Chefredakteur manchmal genannt wird, sein Thema gefunden. Plötzlich ist Keese wieder in gewohnter Manier omnipräsent. Auf Podien, in Artikeln, sogar in der "New York Times". Als Lobbyist, so scheint es, hat er seine wahre Berufung gefunden.

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Die Autoren der "New York Times" bezeichnete Keese gar als einen Architekten der Online-Strategie von Axel Springer. Das ist bemerkenswert, liegt aber vielleicht auch am etwas anderen Blick durch die transatlantische Brille. Christoph Keese ist weniger Online-Architekt als Springers Strategie-Sprachrohr. His Döpfners Voice in Reinkultur.

Auf Podiums-Veranstaltungen erklärt Keese landauf landab, stets eloquent, Anzug und Krawatte sitzen perfekt, warum Bezahl-Inhalte zwingend notwendig sind. Das gleiche tut er in Gastbeiträgen und Interviews, u.a. auch in seinem alten Blatt, der "Financial Times Deutschland."
In einem Gast-Kommentar dort schrieb er jüngst: "Problematisch am Netz ist nicht, dass es subjektive Sichten präsentiert. Problematisch ist, dass es jedes Thema hemmungslos subjektiviert. Dieser Ich-Kult ist so nahrhaft wie Zuckerwatte. Knapp dagegen ist der objektiv recherchierte Beitrag; das macht ihn wertvoll." Peng. Das saß.

Das Formulieren schmissiger Gegen-Thesen war schon immer eine von Keeses Stärken, auch als Chefredakteur von „FTD“ und „Welt am Sonntag“. Das macht einen wie ihn für Springer in diesen Zeiten so wertvoll. Die Web-Welt mag über die Bezahl-Hoffnungen der Verlage spotten, die Politik runzelt hier und da die Stirn, Google macht einen schlanken Fuß – einem wie Keese fällt aus dem Stegreif ein ganzes Bataillon an Argumenten ein, warum nur sein Weg der einzig richtige sein kann.

Dabei baut er gerne kleine "Sowohl als auch"-Formulierungs-Hintertürchen ein, die sein Argumentations-Konstrukt unangreifbar machen. So verfasste er 2008 für das Jahrbuch des Deutschen Presserates eine salbungsvolle Hymne auf den klassischen Journalismus. Darin fielen Sätze wie "Journalisten bilden eine Instanz, die Wahres von Unwahrem unterscheiden will." Oder: „Journalismus ist die Schwelle, über die eine Hysteriewelle nicht springen kann.“ Später im selben Text dann der lapidare Hinweis: „Zugegeben, in der Praxis sieht das manchmal anders aus.“ Ja, so ist es wohl.

Gelernt hatte er das spiegelglatte Formulieren ohne auszurutschen auf der Henri-Nannen-Schule, als dort noch Sprach-Zuchtmeister Wolf Schneider persönlich das Regiment führte. Einen wie Keese begeisterte die harte Schule. Sie habe ihn an die US-Militärakademie West-Point erinnert, sagte er dem „Tagesspiegel“ einmal. Nachdem er in der „Menschwerdungsakademie“ (Keese) „Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit“ gelernt hat, hatte der Mensch gewordene Christoph Keese die „Qual der Wahl“, was seinen künftigen Job betraf. Er entschied sich dafür, Vorstands-Assistent beim damaligen Gruner + Jahr Chef Gerd Schulte-Hillen zu werden. Ein perfekter Ausgangspunkt für einen, der die Karriere fest im Blick hat.

Danach ging es Anfang der 90er bei der „Berliner Zeitung“ in die Niederungen des operativen Geschäfts, als geschäftsführender Redakteur und Ressortleiter Wirtschaft. So kann man später mal sagen, man habe das Handwerk „von der Pieke auf gelernt“ oder irgendetwas in dieser Richtung. Ende der 90er ergriff er die Chance, an der Gründung der „Financial Times Deutschland“ mitzuwirken, deren Chefredakteur er am 1. September 2001 wurde, zunächst noch im Tandem mit Wolfgang Münchau, später, wie es sich für ihn gehört, alleine.

Als Chef bei der „FTD“ eilte ihm ein guter Ruf voraus. So wird u.a. die Anekdote erzählt, dass er eines Tages einen Mitarbeiter erwischte, der am Redaktionskopierer privat ein Fachbuch zur Stringtheorie kopierte. Keese, so die Geschichte, wies ihn an weiterzumachen – und später einen Artikel zum Thema abzuliefern. Motivation wie aus dem Führungskräfte-Seminar entsprungen. Keese hatte sicher nichts dagegen, dass so etwas weiter erzählt wird.

Weniger schön fand er offenbar ein Porträt 2002 über sich in der „Welt“. Angeblich wurde der Artikel auf sein Betreiben hin aus den Archiven gelöscht. Keese wurde in dem Stück von Thomas Delekat als „Jungmanager in unverwüstlich aufgeräumter Stimmung, einer von der Sorte mit überschüssigem Elan“ beschrieben. Als einer, der sich damit brüstet, mit DAX-Managern auf Augenhöhe zu parlieren, und der eine ganze Seite über den Film-Paten Don Vito Corleone ins Blatt heben lässt, um die elf mafiösen Prinzipien des Machterwerbs und des Machterhalts zu erläutern. Das Ganze war nicht bösartig, aber vielleicht ein bisschen zu sehr entlarvend.

Keese ist seitdem im Umgang mit seinem öffentlichen Selbstbild eher noch virtuoser geworden. Auch das allzu freigiebige „Du“ rutscht ihm heute nicht mehr so selbstverständlich von den Lippen, wie zu „FTD“-Zeiten, als sich jeder in der Redaktion duzte, auch den Chef. War halt modern, damals.

Für ihn konnte die „FTD“ in Hamburg nur eine Zwischenstation sein. Er beteuerte zwar stets, nie, nie niemals ins Management oder, Gott bewahre, gar in einen Vorstand einziehen zu wollen. Dafür sei er viel zu sehr mit Leib und Seele Journalist. Aber bei Christoph Keese darf man nicht so sehr darauf achten, was er sagt, sondern viel eher, was er tut.

Als der „Spiegel“ meldete, dass Keese zur Axel Springer AG wechsle, sagte Keese jedem, der es hören wollte und noch einigen anderen mehr, dass dies eine Falschmeldung sei. Das Dementi war knallhart und wurde offensiv vorgetragen. Er bleibe bei der „FTD“, habe die ja schließlich mit gegründet usw. Eine falsche Meldung werde nicht dadurch richtiger, dass man sie wiederhole etc.

Im Mai 2004 störte ihn das Geschwätz von gestern nicht weiter und er wurde Chefredakteur der „Welt am Sonntag“. Dort krempelte er das von seinem Vorgänger Thomas Garms eher mäßig verwaltete Blatt kräftig um. Ein Rundum-Relaunch, ein gemeinsamer Online-Newsroom für „Welt am Sonntag“, „Welt Kompakt“ und „Welt“, ein neuer Online-Auftritt und „Online-First“ standen auf Keeses To-Do-Zettel. Ein Pflichtenheft für einen mit Ambitionen.

Damals war „Online First“ gerade à la Mode so wie heute die Bezahl-Inhalte. Keese forderte, dass alles zuerst gratis im Netz stehen soll. Das war damals schon intern umstritten. Heute will eigentlich niemand mehr so Recht etwas davon wissen. Die Zeiten, die Arbeitsplätze, die Moden, die Strategien, die Parolen – sie ändern sich.

Im Frühjahr 2008 wurde Keese dann holterdiepolter vom Chefposten der „WamS“ abberufen, und man bugsierte ihn auf den Posten als Konzerngeschäftsführer Public Affairs. Eine Stelle, die es zuvor nicht gab, die aber wie für ihn gemacht scheint. So richtig erklären, was er da tut, fiel anschließend sogar ihm schwer. Es hat über ein Jahr gedauert, bis er sich gesammelt und nun sein Thema gefunden hat: Paid Content, die Rettung der Verlage und des Journalismus.

Plötzlich ist Keese wieder überall in gewohnter Meinungsstärke präsent. Dass er nicht verlernt hat, den gut gekleideten Provo zu geben, zeigt er auch den Kollegen von der „New York Times“. „Die Amerikaner kümmert es einen Dreck, wenn die Zeitungen zu Grunde gehen“, beschied er die US-Kollegen. In Deutschland sei das anders. „Dies ist ist Gutenberg-Country. Wir haben das erfunden.“ Das hat gesessen. Christoph Keese ist mit brandneuen Argumenten wieder ganz der Alte.

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