Lobo gegen Schirrmacher

Der bekannte Blogger und Internet-Berater Sascha Lobo hat im aktuellen "Spiegel" eine Gegenrede zu Frank Schirrmachers Buch "Payback" veröffentlicht. Darin wirft er Schirrmacher vor, lediglich den Machtverlust der publizierenden Elite zu beklagen. Die Menschheit habe sich schon immer einem Über-Angebot an Information gegenüber gesehen, so Lobo. Neu sei, dass der soziale Filter der Netzöffentlichkeit neben die Deutungshoheit der Redaktionen trete. Lobo übersieht aber wesentliche Punkte in Schirrmachers Analyse.

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So geht Sascha Lobo auf die biologischen Argumente Schirrmachers überhaupt nicht ein. Das eigentlich bemerkenswerte an Frank Schirrmachers Buch "Payback" ist, dass er eben nicht, wie Lobo ihm attestiert, den "altbekannten Kulturpessimismus im antidigitalen Gewand" zelebriert. Schirrmacher weist an vielen Stellen in "Payback" ausdrücklich darauf hin, dass er die Uhr weder zurückdrehen will, noch kann. Auch will er nicht auf die Segnungen der modernen Technik, sei es der schnelle Internet-Zugang oder das Smartphone, verzichten.

Schirrmacher beschreibt in "Payback" vielmehr eindrücklich, wie die Veränderung der Informations-Wahrnehmung im digitalen Zeitalter die Menschen auch biologisch verändert. Dies geht weit über das bloße "nicht verstehen" oder "überfordert sein" hinaus. Schirrmacher macht diese körperlichen Veränderungen an einem beeindruckenden Beispiel fest: Während in der Phase der Industrialisierung die Körper der Menschen, ihre Muskeln und ihre motorischen Fähigkeiten an die neuen Erfordernisse der Akkordproduktion in Fabriken angepasst wurden, müssten sich in der digitalen Revolution unsere Gehirne den Erfordernissen des computerisierten, von Algorithmen beherrschten Maschinendenkens anpassen. Aber genausowenig wie menschliche Muskeln je die Kraft und Ausdauer einer mit Dampf oder sonstwas betriebenen Maschine erreichen, kann das Menschen-Hirn erfolgreich den Prozessorleistungen von Mikrochips nacheifern.

Das Multitasking der Prozessoren wird aber zum neuen informationsverarbeitenden Leitbild der Arbeits- und Freizeitwelt. Aber der Mensch muss scheitern, wenn er versucht, den Computer auf seinem Feld zu schlagen. "Mutlitasking ist Körperverletzung", schreibt Schirrmacher, und zwar unabhängig von alt oder jung. Dies ist eine der Leistungen des Buches, dass die Diskussion von der Generationenfrage entkoppelt wird. Laut Schirrmacher gibt es schlichte biologische Grenzen, auch den viel beschriebenen "digital Natives", die das Internet gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen haben, wird es niemals gelingen, das Multitasking von Maschinen zu erlernen. Die Grenzen des menschlichen Körpers sind unverrückbar. Heute wie in der Antike. Dabei geht es nicht um Kulturpessimismus oder Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit.

Lobo argumentiert also leider an Schirrmachers Grundthesen vorbei. Lobo singt den sattsam bekannten Song des sozialen Netzes, das als Korrektiv und neuer Filter neben das Elite-Denken der Redaktionen tritt. Das ist nicht falsch, berührt Schirrmachers Thesen aber nicht im eigentlichen. Laut Lobo hat es schon seit der Antike eine Informations-Überfrachtung gegeben. Sein Argument: Auch die Bibliothek von Alexandria konnte damals kein Mensch ganz lesen. Stimmt, aber darum geht es gar nicht.

Schirrmacher plädiert in "Payback" dafür, dass die Menschen sich wieder auf ihre Stärken besinnen sollen: Kreativität und Unberechenbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sollten aufhören, so denken zu wollen wie die Maschinen, weil wir es nicht können, so Schirrmachers These. Der Mensch sollte wieder die Souveränität über seine Informations-Bedürfnisse zurückgewinnen und sie sich nicht von RSS-Readern, Twitter-Clients, SMS und Google-Alerts diktieren lassen. Schirrmacher trifft dabei bei vielen, die täglich mit dem Internet arbeiten und auch mal in sich hineinhorchen, einen Nerv. Seine Grundhaltung ist dabei ganz und gar nicht pessimistisch, sondern eher befreiend.

Sascha Lobo benutzt bei seiner Gegenrede im "Spiegel" einen netten rhetorischen Trick, indem er exakt denselben Einstiegssatz wählt, wie Schirrmachr in seinem Buch: "Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht gewachsen bin." Womöglich haben die beiden noch viel mehr gemeinsam, als es der gleiche Einstiegssatz vermuten lässt. Es wäre spannend, Frank Schirrmacher und Sascha Lobo zu dem Thema direkt miteinander diskutieren zu sehen. Hallo Arte oder 3sat, wie wär’s?

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