WAZ, „Yps“, Sat.1 und ein höckerloses Kamel

Der MEEDIA-Wochenrückblick: Die WAZ-Gruppe aus Essen verschärft kurz vor Weihnachten ihren drastischen Sparkurs und will weitere 300 Stellen abbauen, Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten hat Pech mit Quoten, Köpfen und Formaten, TV-Altmeister Frank Elstner lässt ein höckerloses Kamel durchs TV-Studio springen, das Magazin "Yps" feiert kurzzeitig Wiederauferstehung als iPhone-Spielchen, und der geheimnisvolle "Attributor" rechnet aus, dass das gierige Google armen Zeitungs-Jungs ganz viel Geld wegfrisst.

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Manchmal ist Sprache verräterisch. Wenn WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus beim neuerlichen Abbau von bis zu 300 Stellen im Verlag von einem "Abschmelzungsprozess" spricht, dann klingt das sehr technisch für eine derart große Freisetzung von Mitarbeitern. Die in den vergangenen Monaten kolportierte Wut des WAZ-Fußvolks über den fortgesetzten Stellenabbau in NRW scheint mittlerweile zumindest im Internet einem sprachlosen Entsetzen gewichen. Beim von den Gewerkschaften forcierten WAZ-Protestblog medienmoral-nrw.de hat sich noch niemand gefunden, der sich zu den jüngsten Stellenstreichungsplänen äußert.

Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten kann einem leid tun. Ihm klebt zur Zeit das Pech rabenschwarz an den Fingern. Selbst das Fußball-Europa-League-Spiel von Hertha BSC gegen FK Ventspils am Donnerstag wollten nur wenige Zuschauer sehen. Um 23.40 Uhr lief dann der als Primetime-Gesicht eingekaufte Unglücksrabe "Kerner" und holte trotz der schwachen Konkurrenz zu später Stunde erneut einen desaströsen Marktanteil von 5,4 Prozent in der Zielgruppe. Und dann kam in dieser Woche auch noch raus, dass die international erfolgreiche Casting-Show "X-Factor" beim RTL-Sender Vox laufen wird, obwohl sich Sat.1 auch darum bemüht hatte. Das nächste Jahr kann eigentlich nur besser werden.

Zufrieden dürfte man dagegen bei der ARD auf die Quote von Frank Elstners "Das unglaubliche Quiz der Tiere" geschaut haben. Die Tiershow mit Elstner und drei Promi-Kandidaten (diesmal Eva Habermann, Hugo-Egon Balder und Erol Sander) bietet kuschelweiches Retro-TV der guten Sorte. Der behäbige Moderations-Stil vom TV-Beamten Elstner passt zum ruhigen Fortgang der Show. Die Sendung mit den possierlichen Viechern ist einfach nur nett, im positiven Sinne. Da kommt eine Schneeeule, ein höckerloses Kamel aus Südafrika springt über ein Hindernis und Schlittenhunde hecheln um die Wette. So banal kann gepflegte TV-Unterhaltung sein. 5,88 Mio. Zuschauer wollten das sehen, darunter immerhin noch 920.000 aus der Zielgruppe.

Noch mehr Retro: "Yps" feiert mal wieder eine Wiederauferstehung – natürlich als iPhone-App. Jetzt kann man sich also für ein paar Euro ein Urzeitkrebse-Spielchen aufs iPhone laden. Bemerkenswerter als das belanglose Spiel ist der Umstand, dass die Marke "Yps" in unregelmäßigen Zeitabständen immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Kaum etwas eignet sich so gut für das kollektive Retro-Schwelgen in Kindheitserinnerungen wie "Yps". Jeder kann erzählen, wie damals Urzeitkrebse damals bei ihm oder ihr auch verreckt sind und wie man versucht hat, in der aufgeschnittenen Mülltüte (das "Yps"-Zelt) zu übernachten und wie die Eltern nicht wollten, das man sein Taschengeld für diesen Blödsinn ausgibt usw. Doof nur, dass sich damit heute partout kein Geld mehr machen lässt. Der USP von "Yps" war das "Gimmick", die Spielzeugbeilage, die heutzutage zu fast jedem Kinderheftchen gehört. Für Kinder ist "Yps" wegen der Gimmick-Inflation längst nichts besonderes mehr. Und die Großen wissen, dass die Erinnerung an alte Gimmick-Zeiten viel schöner und besser sind, als es der billige Plastik-Tand in Wahrheit je war.

Der schreckliche "Attributor" schlägt wieder zu! Das ist diese unheimliche Software, die angeblich u.a. für die dpa herausfinden kann, wer da ihre wertvollen Texte klaut und im Internet veröffentlicht. Die Firma, die den "Attributor" herstellt heißt ganz SciFi-mäßig "Attributor Corporation" und die hat jetzt auch noch eine Stiftung ins Leben gerufen. Die wiederum nennt sich "Fair Syndication Consortium" und hat, ganz gewiss mit Hilfe des mächtigen "Attributors", herausgefunden, dass 53 Prozent der Einnahmen, die durch unlizensierte Zeitungsinhalte im Web gescheffelt werden, an Google gehen. Sapperlot! Wie findet der "Attributor" bloß so etwas heraus? Bei Google News werden jedenfalls keine Anzeigen geschaltet, Google erzielt mit seinem Aggregator schlicht keine Umsätze. Und einen Link auf der Ergebnisseite der Suchmaschine als unlizensierten Zeitungsinhalt zu bezeichnen, dazu gehört schon eine gehörige Portion Fantasie. Aber Fantasie kann bei einer Firma, die Software mit lustigen Namen wie "Attributor" herausbringt, ja keine Mangelware sein.

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