Presserat rügt „Thüringer Allgemeine“

Der Presserat hat am Donnerstag eine Reihe von Rügen ausgesprochen. Pikant: Der von der WAZ freigestellte und in der Diskussion als Qualitätsjournalist etikettierte Ex-Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", Sergej Lochthofen, kassierte ebenfalls einen Rüffel: für einen Beitrag, in dem die Zeitung die Amtsbilanz eines Bundestagsabgeordneten und Bürgermeisters zog. Der Autor des Beitrages war bis kurz vor Erscheinen des Artikels Pressesprecher dieses Politikers. Insgesamt gab es sechs Rügen.

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Nach Ansicht des Presserats hätte Ziffer 6 des Pressekodex erfordert, dass die Redaktion diesen Umstand transparent macht. Weil die Zeitung das unterließ, fehlte den Lesern eine wichtige Information zur Einordnung des Beitrages. Die Zeitung gefährdete so zudem  Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
Wegen Schleichwerbung gerügt wurde ein Artikel mit der Überschrift "Mein erster Flug in der First Class" in der "Welt am Sonntag". Begeistert hatte der Autor in einer Erlebnisreportage einen Flug in der 1. Klasse mit Singapore Airlines geschildert und den Namen der Fluglinie nicht weniger als 14 Mal im Text genannt. Die aus seiner Sicht ausschließlich positiven Erfahrungen stellte er so schwärmerisch dar, dass die Grenze zur Schleichwerbung deutlich überschritten wurde, so der Presserat. Noch stärker sei der Werbeeffekt durch detaillierte Angaben zu Buchungsmöglichkeiten und Preisen. Beigestellt waren zudem PR-Fotos der Fluggesellschaft.
Der Kodex schreibt hier vor: Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht oder von dritter Seite bezahlt bzw. durch geldwerte Vorteile belohnt wird.
Eine weitere öffentliche Rüge wegen Verstoßes gegen das Trennungsgebot erhielt Welt Online. In einem Beitrag hatte der Chef einer Münchener Bar mit eindeutig werbenden Formulierungen den angeblichen Siegeszug des "Sommer ‚Must-have‘ Getränks" Aperol-Sprizz geschildert. Illustriert war der Artikel mit einem großformatigen Werbefoto des Likör-Herstellers, auf dem der Schriftzug des Getränks plakativ hervorgehoben wurde.
Der "Sarstedter Anzeiger"("Hildesheimer Allgemeine Zeitung") berichtete über die katastrophalen hygienischen Verhältnisse im Wohnhaus eines ortsansässigen Kleinunternehmers. Dieser Zustand sei der Polizei im Rahmen von Ermittlungsarbeiten aufgefallen. Die 16-jährige Tochter der Familie sei daraufhin in die Obhut des Jugendamtes genommen worden. Die Zeitung brachte außerdem verschiedene Fotos, die das verwahrloste Wohnhaus von innen und außen zeigten.
Der Ausschuss kritisiert, in der Artikelserie seien so viele Details benannt worden, dass die Familie für die breite Öffentlichkeit erkennbar wird. Er konnte kein öffentliches Interesse erkennen, das in diesem Fall die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen überwiegen. Er spricht daher eine nicht-öffentliche Rüge aus.
Eine weitere nicht-öffentliche Rüge kassierte Bild.de wegen der Berichterstattung über ein Familiendrama. Eine Mutter hatte sich und ihre drei Kinder in einem Auto angezündet. Die Redaktion veröffentlichte Fotos der Verstorbenen und verletzte damit deren Persönlichkeitsreichte. Der Ausschuss sieht hier zudem das Gebot der zurückhaltenden Berichterstattung bei Suiziden verletzt. Vor allem mit Rücksicht auf die Angehörigen hätte die identifizierende Darstellung unterbleiben müssen.
Die Richtlinie hier lautet: Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Wohl mit Blick auf den Fall Enke stellte der Presserat aber auch klar: Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.

Insgesamt wurden in den zwei Beschwerdeausschüssen 102 Beschwerden behandelt. Dabei wurden neben den Rügen 15 Missbilligungen und 29 Hinweise ausgesprochen. In 39 Fällen wurden die Beschwerden als unbegründet erachtet. In neun Fällen wurde die Beschwerde als begründet angesehen, auf eine Maßnahme jedoch verzichtet. In fünf Fällen hatten sich mehrere Beschwerdeführer gegen dieselbe Veröffentlichung beschwert, hier wird das Ergebnis nur einmal gezählt.

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