Heckhoff-Anwalt kritisiert die dpa

"Der Ausbrecher packt aus" - das war der Aufmacher der "Bild" am Dienstag. Im Innenteil eine Story, die es in sich hatte. In allen Einzelheiten schildert der Sonntag gefasste Geiselgangster Michael Heckhoff Details der Flucht. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt wegen "Verletzung von Dienstgeheimnissen". Die dpa meldete, der Täter habe "Bild" ein "vom Anwalt autorisiertes Interview" gegeben. Doch das ist offenbar falsch. Die dpa dagegen erklärte, "Bild" selbst habe diese Behauptung aufgestellt.

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Auf MEEDIA-Anfrage erklärte der Aachener Verteidiger Heckhoffs, Rainer Dietz: "Die falsche dpa-Meldung ist Ursprung allen Übels." Er habe nur das an "Bild" weitergegeben, was sein Mandant ihm nach der Vernehmung in den Block diktiert habe. "Das hat aber nichts mit der Vernehmungssituation zu tun", stellt der Rechtsanwalt klar.
Er selbst sei von den veröffentlichten Details überrascht worden. Als er sich am Dienstagmorgen – nachdem die Vernehmung bis in den späten Montagabend hin gedauert hatte – auf den Weg zu seinem Mandanten machte, habe er "im Radio schon Inhalte der Vernehmung gehört" und sich darüber gewundert.
In den von der "Bild" veröffentlichten Zitaten nennt Heckhoff Details zum Ausbruch und zur Flucht, zum Überfall auf ein Ehepaar und zur Festnahme: Passagen, die – sofern sie zutreffen – eigentlich nur aus dem Vernehmungsprotokoll stammen können. Auch das Foto, was den Verbrecher im Gegensatz zu den Fahndungsfotos ohne Schnäuzer zeigt, sei laut Dietz ein aktuelles und nicht von ihm rausgegeben worden.
Lediglich im letzten, fettgedruckten Absatz der "Bild" werden Stichworte aufgegriffen, die Dietz an die Zeitung weitergab und die dementsprechend auch von Heckhoff autorisiert worden waren. Auf Bild.de heißt es unter Bezug auf Heckhoff: "Ich war in einer ausweglosen Situation, ohne Hoffnung und Perspektive. Der Ausbruch war eigentlich eine Trotzreaktion auf die Vollzugsumstände im Knast. Ich bin mit der Direktorin aneinander geraten. Die hat mich voll schlecht behandelt und mir einfach den Ausgang gestrichen, obwohl ich in anderen JVAs seit Jahren drei pro Jahr hatte. Nur in Aachen lief nichts. Ich möchte eher tot sein, als noch einmal in diesen verlogenen Knast zu kommen.“ Der letzte Satz findet sich bei Bild.de, nicht aber in der gedruckten "Bild".

Alle weiteren Passagen, so Dietz, seien weder durch ihn autorisiert, wie die dpa fälschlich verbreitete, noch durch ihn weitergegeben worden. Dietz weiter: Er habe von seiner angeblichen Autorisierung von einem Aachener Redakteur erfahren, der ihn wegen der dpa-Meldung anrief. "Ich habe dann bei der ‚Bild‘ angerufen", sagt Dietz. "Bild" habe daraufhin dpa um eine Richtigstellung gebeten. Dort soll es nur geheißen haben, dass es dafür zu spät sei. Dietz zu MEEDIA: "Ich hoffe, dass die dpa dies noch richtig stellt."
Wie die "Bild" demnach an die weiteren Heckhoff-Passagen kam, ist bislang noch ungeklärt. Am Dienstagabend veröffentlichte die Polizei Köln eine erste Pressemitteilung: "Die Polizei hat den Text der ‚Bild‘-Zeitung und das dort veröffentlichte Foto zur Kenntnis genommen. Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die ‚Bild‘-Zeitung gelangten." Dass die Zeitung mit Heckhoff ein Interview vor oder nach der Festnahme geführt haben soll, schließt man jedoch aus.
Die Staatsanwaltschaft Aachen hat derweil ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Pressesprecher Robert Deller sagte MEEDIA, man gehe vom Straftatbestand der Verletzung des Dienstgeheimnisses aus. So ist zu vermuten, dass Justizbedienstete oder Polizeibeamte die Vernehmungsdetails weitergaben, weil sie auf die Ermittlungsakten Zugriff haben könnten. Dass die Zitate laut "Bild" autorisiert wurden, war Deller bei Anfrage von MEEDIA am Mittwoch noch nicht bekannt.
Die Suche nach der undichten Quelle dürfte nicht ganz einfach sein. Verhaftet wurde Heckhoff bei Essen, für die Ermittlungen ist offenbar das Landeskriminalamt in Köln zuständig, die mit dem Fall befasste Staatsanwaltschaft sitzt in Aachen.
Nachtrag, 17.10 Uhr: MEEDIA erreicht eine schriftliche Stellungnahme von dpa-Sprecher Justus Demmer, die wir im Wortlaut veröffentlichen:
"… nicht das, was dpa meldet, ist falsch, sondern das, was Sie schreiben. Wir haben mitnichten gemeldet, der Täter habe Bild ein autorisiertes Interview gegeben, sondern wörtlich: ‚Nach eigenen Angaben liegt ‚Bild‘ ein vom Anwalt autorisiertes Interview mit Heckhoff vor’… Nach meinem Kenntnisstand gab es zudem keine Korrekturaufforderung von Seiten der Bild an uns."
Laut Sueddeutsche.de sagte "Bild"-Sprecher Tobias Fröhlich: "Wir hatten schriftliche, autorisierte Zitate von Herrn Heckhoff." Dieses bestätigte Fröhlich am Mittwochabend auch gegenüber MEEDIA und wies darauf hin, dass er für diese Zitate keinerlei Quelle genannt habe.
Die Formulierung der dpa ist somit nach wie vor problematisch, da dort dem Anwalt die Autorisierung zugeschrieben wird.

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