Der Siegeszug der Scripted Reality

Betrachtet man sich die täglichen TV-Quoten, so gibt es meistens einen klaren Sieger in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen: RTL. Im Abendprogramm von RTL fallen dabei in den vergangenen Monaten drei ganz besonders erfolgreiche Formate auf: "Bauer sucht Frau", "Schwiegertochter gesucht" und "Das Supertalent". Alle drei Sendungen haben eine Erfolgsformel: Sie erheben den geplanten Trash zum Mainstream. Es ist der Einbruch des Phänomens Scripted Reality in die Welt des Hauptabendprogramms.

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Wenn bei "Bauer sucht Frau" ein Jungbauer auf Freiersfüßen neben einer lebensgroßen Clownspuppe schläft, wenn bei "Schwiegertochter gesucht" das "Schwiegermonster" Deggi die Herzdamen ihres 38-jährigen Sohnes mit diabolischer Bosheit aus dem Haus treibt, wenn bei "Das Supertalent" ein "Mr. Methan in knallgrünem Strech-Leibchen "An der schönen blauen Donau" furzt – dann hat dies mit der angeblich vorgeführter Authentizität nichts zu tun. Diese drei Sendungen samt ihren grotesken Auswüchsen stehen für einen Trend. Es geht um die zunehmende Dominanz der so genannten "Scripted Reality" im Mainstream-Fernsehen.

Was versteht man allgemein unter Scripted Reality: Normalerweise werden damit Sende-Formate wie "Niedrig und Kuhnt" oder das berüchtigte "Lenßen & Partner" bezeichnet (beide Sat.1). Dies sind billig produzierte Krimiserien im Vorabendprogramm, die mit Laiendarstellern, preiswerter Kulisse und verwackelter Kamera einen pseudo-dokumentarischen Stil pflegen. Diese Scripted-Reality-Formate sind eine Weiterentwicklung der erfolgreichen Gerichtsshows (u.a. "Barbara Salesch", "Das Strafgericht"), in denen ebenfalls Laiendarsteller hanebüchene Fälle vor Gerichts-Kulisse nachspielen. Ingo Lenßen, die Privatdetektiv-Figur aus "Lenßen & Partner", steht dabei symbolhaft für das ganze Genre. Er wurde als Figur zunächst als Anwalt bei "Barbara Salesch" eingeführt, bevor er eine eigene "Show" bekam. Stefan Niggemeier hat für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" das Phänomen der Scripted Reality 2005 treffend beschrieben. In seinem Artikel zitiert er Ulrich Brock, Chef der Produktionsfirma Constantin Entertainment, der sagt: "Der nächste Schritt ist es, das Genre aus den Kinderschuhen herauszuführen und in der Prime-Time auszuprobieren. Die Zeit ist jetzt reif dafür."

RTL hat sich das offenbar zu Herzen genommen. Das gesamte Programm ist mittlerweile durchzogen von Scripted Reality. Die TV-Freakshows "Bauer sucht Frau", "Schwiegertochter gesucht" und "Das Supertalent" sind dabei nur die offensichtlichsten Beispiele. Es gibt noch genug andere.

Beispiel: "Deutschland sucht den Superstar"

Was in der ersten Staffel als halbwegs ernst gemeinte Musik-Castingshow begann, ist mittlerweile zu einer Art Pop-Seifenoper mutiert. Es werden gezielt Charaktere gebildet, die während der Sendung stets in der ihnen zugewiesenen Rolle bleiben müssen. Der Sender steuert so Konflikte und emotionale Situationen. Paradebeispiel für diesen Effekt ist die Kandidatin Annemarie Eilfeld aus der jüngsten Staffel, die mit tatkräftiger Unterstützung der "Bild"-Zeitung als Superzicke aufgebaut wurde, bis sie dann im Halbfinale quotenträchtig abserviert wurde. In späteren Interviews hat Eilfeld immer wieder gesagt, dass sie von der Redaktion in ihre Rolle gedrängt wurde. So bekam sie beispielsweise für Auftritt nur besonders knappe Kleidchen, um sich anschließend von der Jury wegen ihres "billigen" Kleidungsstils beschimpfen zu lassen. Das gleiche ließe sich über andere Castingshows wie "Popstars" oder "Germany’s Next Topmodel" auch sagen. In allen Casting-Formaten geht es mittlerweile vorrangig um künstlich herbeigeführte Konfliktsituationen.

Beispiel: "Raus aus den Schulden"

Die Dokuoap um den Berliner Schuldenberater Peter Zwegat nimmt auch immer mehr Scripted-Reality-Züge an. Es reicht offenbar nicht mehr, Leute mit Geldproblemen vorzustellen. In jeder Staffel kommen weitere Handlungs-Elemente hinzu. In einer der jüngsten Folgen wurden beispielsweise neben den Schulden gleich noch die Themen Alkoholismus und böse Immobilienfonds abgehandelt. Zwegat agiert dabei immer mehr als Stellvertreter des Zuschauers, der kaum mehr berät, sondern nur noch staunenden und kopfschüttelnd seinen Blick auf die zerrütteten Lebensverhältnisse der Protagonisten richtet.

Beispiel: "Die Super Nanny"

Ganz ähnlich verhält es sich bei der "Super Nanny". Auch in dieser Dokusoap werden immer mehr Handlungsfäden eingebaut, die zu vorhersehbaren Konflikten führen. Zudem dominieren die gespielten Dialog-Szenen zwischen Familien-Mitgliedern die Show. Das Handlungs-Prinzip der Sendung ist dabei meistens dasselbe: Es wird ein scheinbar auswegloser Konflikt vorgeführt (Kind aus der ersten Ehe wird ausgeschlossen). Die "Super Nanny" selbst ist ratlos ("Ich weiß jetzt auch nicht mehr weiter"). Es folgt die rettende Idee (Stiefvater und Tochter sollen gemeinsam was unternehmen) und die Auflösung (Alle haben sich wieder lieb) oder zumindest die Hoffnungs-Perspektive.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Der Trend beim Format Dokusoap geht eindeutig in Richtung Scripted Reality. Man könnte auch sagen, das Trash-Phänomen Scripted Reality hat das Abendprogramm infiltriert. Das bemerkenswerte dabei ist freilich, dass diese Sendungen mittlerweile derart an den Haaren herbeigezogene Handlungen präsentieren, dass wohl kaum ein Zuschauer dies noch für tatsächliche Realität hält. Bild.de fragte neulich zu "Bauer sucht Frau" "Wie echt ist die Landlust im TV". 88 Prozent der abstimmenden Nutzer klickten für "Da ist bestimmt einiges vorgeplant." Dem Quotenerfolg tut das keinen Abbruch.

Man darf also vermuten, dass die Zuschauer, dieses Genre mit seinem Panoptikum an Kraftfahrern, Geschiedenen, Hartz-IV-Empfängern, Landwirten, Muttersöhnchen, Frührentnern und Raststättenfachkräften nicht mehr ernst nehmen. Wie weit es diese Formate in Sachen Selbst-Persiflage gebracht haben, zeigt auch die Musik, die die Redaktion zur Untermalung des Geschehens auswählt. Wenn der dauergeile Bauer Clausen bei "Bauer sucht Frau" seiner Wuchtbrumme in lila Gummistiefeln gegenübertritt, spielen sie "Lady Bump". Wenn die radebrechende Thailänderin Narumol auf Feld tritt, wird "Brown Girl in the Ring" eingespielt. Man sieht es förmlich vor sich, wie sie sich in der Redaktion für diesen lustigen Einfall abklatschen. Dokusoaps wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" im Original sind nicht mehr von ihren Parodien bei der ProSieben-Sendung "Switch Reloaded" zu unterscheiden. Diese Sendungen parodieren sich selbst.

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