„Tatort“-Klägerin: der riskante Prozess

Es ist die skurrilste Justizmeldung der Medienwoche: 40 Jahre nach der Entstehung des Trailers für den ARD-"Tatort" klagt eine Münchner Grafikerin auf "Nachvergütung". Der Prozess, der beim Landgericht der Stadt auf den 16. Dezember terminiert ist, hat einen Streitwert von 150.000 Euro – und er könnte für die Klagende gewaltig nach hinten losgehen. Denn ihr Anwalt führt das Verfahren gleich gegen zwei Landesanstalten, kann keine klaren Vertragsdokumente vorlegen und dürfte Probleme haben, Zeugen zu finden.

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Es ist nicht das erste Mal, dass es Zank gibt um den Einstiegs-Klassiker für die Krimireihe, die seit 1970 jeder Folge vorangestellt wird. Der Gelegenheits-Schauspieler, der über nassen Asphalt gehetzt wird, erhielt für seinen kurzen, aber unsterblichen Auftritt nur ein paar hundert Mark. Auch er dachte über eine Klage nach, ließ es aber bleiben – wohl aus gutem Grund.
Denn vier Jahrzehnte nach dem Dreh existieren offenbar keine Dokumente mehr, die belegen könnten, wer dabei für was zuständig war und wie die Verträge ausgestaltet waren. Allgemein gilt Peter Hoheisel, damals Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, als Erfinder des Vorspanns. Grafikerin Kristina Böttrich-Merdjanowa behauptete jetzt jedoch gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", dass Hoheisel nichts mit der Gestaltung zu tun gehabt habe. Vielmehr habe dieser 1969 einen Wettbewerb zwischen den ARD-Anstalten initiiert und dann den Herstellungsauftrag einer Münchner Produktionsfirma erteilt, die wiederum sie engagiert habe. Böttrich-Merdjanowa erhielt dafür einmalig 2.500 Mark.
Warum die Künstlerin erst jetzt klagt, ist unklar. Ihr Anwalt Nikolaus Reber, ein Fachjurist für Urheber- und Medienrecht, war auf MEEDIA-Anfrage für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Reber hatte den Streitwert vorsorglich auf 150.000 Euro beziffert: ein hoher Wert, der vor allem sein Honorar und die Prozesskosten in die Höhe treibt. Auf 12.945,35 Euro summieren sich die Mindestkosten der ersten Instanz nach der Gebührenordnung der Gerichte, würde eine zweite Instanz hinzu kommen, wären es exakt 28.180,39, wobei in beiden Fällen Gelder für Zeugen, Reisekosten oder kostspielige Gutachten nicht enthalten sind. Da die Grafikerin außer ihrer Aussage nichts vorzuweisen hat, ist das Verfahren für sie hochriskant.
Anwalt Reber hat inzwischen parallel zum BR auch den WDR in die Klage einbezogen, nachdem der BR sich für nicht zuständig erklärt hatte. Das komplizierte und verschachtelte Verfahren begründet der Jurist damit, dass etwa der ebenfalls am Trailer beteiligte Komponist Klaus Doldinger über die GEMA laufend Einnahmen aus dem Senden des "Tatort"-Vorspanns habe.
Wesentlich einfacher und aus Sicht der Klägerin aussichtsreicher wäre eine Nachforderung anderer Art. Kristina Böttrich-Merdjanowa könnte ein Honorar für die Verwendung des Trailers auf DVDs und in der Online-Mediathek der ARD einfordern. Denn für diese Medien kann es 1969 keinen Vertragspassus gegeben haben. Der Hamburger Medienrechtler Dirk-Hagen Macioszek: "Problematisch für die ARD dürfte in jedem Falle sein, unabhängig wer eigentlich 1969 Urheber des Trailers war, dass die Rechte für das Internet, Video und DVD nicht mit eingeräumt werden konnten." Voraussetzung wäre aber auch hier, dass die Münchner Grafikerin gerichtsverwertbar nachweisen kann, dass sie tatsächlich Urheberin des Kult-Trailers ist.

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