Gipfel-Talk der Info-Pessimisten

TV-Moderator Günther Jauch und "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher trafen sich bei ARD-Talker Reinhold Beckmann zu einem Gipfeltreffen der Kritiker des Informationszeitalters. Schirrmacher stellte dabei Thesen seines neuen Buchs "Payback" vor, Jauch überraschte mit der Erkenntnis, im Internet "mal etwas Erotisches" bestellt zu haben. Dabei war dieser harmlose kurze Einwurf ziemlich zu Beginn der Sendung Anlass für ein kleines Lehrstück, wie Informationsverwurstung heute funktioniert.

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Aber nicht durch die Such-Algorithmen der „Machtmaschine (Beckmann) Google, sondern durch „Bild.de“. Der Online-Dienst der „Bild“-Zeitung hatte aus dem Jauch-Satz nämlich schon im Vorfeld der aufgezeichneten Sendung einen erstaunlich langen Artikel gemacht, der im Teaser die Dachzeile „Porno-Liebhaber?“ trägt.

Die Diskussion zwischen Jauch, Schirrmacher und Beckmann war deutlich nüchterner, als die übergeigte „Bild.de“-Berichterstattung. Schirrmacher diagnostizierte, dass da „etwas Grundsätzliches“ vor sich gehe. Die Aufmerksamkeit der Menschen werde aufgefressen, Maschinen wie Google bestimmen unser Denken, Datenprofile entstehen im Internet. Nicht umsonst trägt sein Buch „Payback den Untertitel: „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“

Die Folgen der Info-Flut und der Maschinisierung des Denkens laut Schirrmacher: Die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Während der industriellen Revolution seien Arbeiter darauf konditioniert worden, ihre Körper dem Fließband der Fabriken anzupassen. Heute würden Büro-Arbeiter geistig darauf konditioniert, ihre Gehirne der Multitaskingwelt der Computer anzupassen. Dabei, so Schirrmacher, sei wissenschaftlich erwiesen, dass das menschliche Hirn gar nicht multitaskingfähig ist. Ergebnis: „Unsere Gehirne vermanschen.“

Jauch bekannte, dass er nicht von einer „Maschine gelesen werden will“. Web-Angebote wie Facebook oder Twitter lehnt der „Wer wird Millionär?“-Moderator ab. Erstens weil sie seiner Meinung nach zuviel Zeit fressen. Zweitens, weil er sich genötigt sieht, dort Informationen zu hinterlassen, die dann für immer gespeichert werden.

Schirrmacher und Jauch gaben aber auch zu, selbst ohne Internet, Computer und Handys nicht mehr leben und arbeiten zu können, bzw. zu wollen. Letztlich siege doch die Neugier und er lese E-Mails durchaus auch im Urlaub, gab Jauch zu. Nachdem der TV-Mann dem Print-Herausgeber noch mit auf den Weg gegeben hatte, dass er „Zeitunglesen unheimlich wichtig“ findet und der hinzugebetene „Tatort“-Schauspieler Jan-Josef Liefers die beiden Herren aufklärte, dass man auch nicht auf jede SMS oder E-Mail reagieren muss, löste sich die Rund in Wohlgefallen auf. „Der Mensch muss unberechenbar bleiben“, forderte Schirrmacher. Der über weite Strecken interessanten aber sehr einvernehmlichen Runde hätte freilich ein Gast mit Gegenmeinung gut getan. Internet-Freunde wie Google-Sprecher Kay Oberbeck oder Sascha Lobo wurden nur mit kurzen Statements via Fernseher eingespielt. Das war für eine wirklich lebendige Diskussion dann doch ein bisschen zu wenig unberechenbar.

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