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„Ich bin die Zukunft des Lokaljournalismus“

Der Journalist Hardy Prothmann betreibt seit Frühjahr 2009 mit dem heddesheimblog ein lokales Blog an seinem Wohnort, dem badischen Städtchen Heddesheim (11.555 Einwohner). Früher schrieb Prothmann u.a. für "Frankfurter Rundschau", "Focus", "Zeit". Jetzt besucht er Vereine, schreibt über örtlichen Ärger mit Logistikfirmen und das Heddesheimer "Oktoberfest". Mit seinem Lokal-Blog hat er bereits rund 500.000 Seitenzugriffe pro Monat. Für ihn ist dies "die Zukunft des Lokaljournalismus".

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Wegen Berichten im heddesheimblog waren sie schon Repressalien ausgesetzt – was war passiert?

Anscheinend haben erst durch meine Arbeit gewisse Personen das erste Mal Bekanntschaft mit dem Artikel 5 unseres Grundgesetzes gemacht. Ich berichte teils sehr pointiert und äußerst kritisch. Einzelne Personen des öffentlichen Lebens hier haben darauf mit Pöbeleien und "Schubsern" reagiert – ein wirklich kleines Licht dachte, sich zum Vollstrecker machen zu müssen und hat ein Nagelbrett vor den Reifen meines Autos gelegt. Eine permanente Repressalie betreibt nach wie vor der Bürgermeister Michael Kessler: Wo er kann, versucht er den Informationszugang für das heddesheimblog zu beschneiden.

Trauen Sie sich in ihrem Heimatort Heddesheim nur noch bei Tageslicht über die Straße?

Ich bin sehr froh in Deutschland zu leben, wo man fast überall zu jeder Tages- und Nachtzeit auf die Straße kann – das ist auch so in Heddesheim, hier wohnen überwiegend friedliche Menschen. Tatsächlich gab es in den vergangenen Monaten aber angespannte Zeiten, zu denen ich mich sehr aufmerksam außerhalb der eigenen vier Wände bewegt habe, weil die Aggressionen deutlich zu spüren waren.

Warum haben Sie dieses Blog gegründet?

Ganz zu Anfang habe ich Rechercheergebnisse über die geplante Ansiedlung eines Logistikunternehmens auf blogger.de veröffentlicht, da die Lokalpresse eine absolut recherchefreie Hurra-Berichterstattung brachte. Dem wollte ich etwas entgegensetzen, damit die Menschen nicht einseitig informiert werden. Später reifte daraus die Idee, eine lokal-regionale Informationsplattform aufzubauen.

Was ist das Konzept?

Professioneller Journalismus beackert statt Berliner Themen eben Heddesheimer oder demnächst Hirschberger Themen. Die Leserinnen und Leser bringen sich durch Kommentare oder Gastbeiträge mit ein. Nationale Themen werden auf die Region runtergebrochen. Das ist alles.

Wie ist die Resonanz aus der Bevölkerung?

Umwerfend. Ich stehe mindestens mit sehr vielen Heddesheimern in gutem Kontakt und bekomme insgesamt sehr positive Rückmeldungen: „Endlich mal echter Journalismus und eine glaubwürdige Berichterstattung, das hat der Ort schon lange nötig“, sagen die Leute. Und sie versorgen mich mit Tipps und Themen. Vor ein paar Tagen wurde hier eine Straßenbahn beschossen – der Tipp kam von einem Leser. Die Recherche bei der Polizei ergab: Der Hinweis war zutreffend. Das Ergebnis war eine exklusive Nachricht. Bei Veranstaltungen von Vereinen ist der Spruch: "Ah, da kommt das Blog", schon Gang und Gäbe.

Gibt oder gab es Reaktionen der "etablierten" Lokalpresse.

Die tut so, als wenn es das heddesheimblog nicht gäbe – bringt aber seit Monaten signifikant mehr Berichte über Heddesheim als zuvor. Ich sehe die Reaktion also positiv.

Können Sie mittlerweile vom heddesheimblog leben?

Kommt auf die Definition von "leben können" an. Ein "studentisches" ist schon drin und die Einkünfte sind um Längen besser, als die, die ein freier Schreiber im Lokalen im Monat hat. Als 43 Jahre alter Journalist mit 19 Jahren Berufserfahrung und Familie bin ich allerdings noch äußerst schlecht bezahlt. Der Start war vor sechs Monaten, die Vermarktung läuft seit drei Monaten und ich bin zuversichtlich, da die Erlöse vor diesem Hintergrund schon ganz ordentlich sind. Ich suche allerdings dringend Unterstützung bei der Vermarktung. Zur Zeit "kümmere" ich mich notgedrungen auch um Anzeigen – die Zeit würde ich aber lieber in journalistische Arbeit investieren.

Planen Sie, zu expandieren?

Das ist Teil des Konzepts. Ein Ort wie Heddesheim könnte die journalistische Arbeit, wie ich sie betreibe und später auch meine Mitarbeiter, nicht bezahlen. Spätestens im Dezember startet im benachbarten Hirschberg das hirschbergblog. Und spätestens im Februar ein weiterer Ort. Ab dann habe ich hoffentlich genug Einnahmen, um ein paar freie Mitarbeiter ordentlich bezahlen zu können, die ich dann auch brauche. Das Ziel ist, bis Ende des nächsten Jahres fünf bis sechs Gemeinden mit eigenen Blogs zu versorgen.

Was macht den Reiz des lokalen Bloggens aus?

Nah dran zu sein. Ich habe während des Studiums drei Jahre für den "Mannheimer Morgen" geschrieben und mochte den Lokaljournalismus sehr. Hier liegen die Themen auf der Straße – man muss nur was daraus machen. Der "MM" wollte mich aber nicht halten – ich hatte damals schon meine Meinung und wollte ständig etwas Neues machen, weil mir die Zeitung zu langweilig war. Ich habe dort einige Kollegen kennengelernt, die tolle Journalisten sind, meist aber ihr Potenzial nicht ausschöpfen können, weil man sie nicht lässt. Schade drum. Dann war ich bis zu diesem Frühjahr für überregionale Medien tätig und für Fachredaktionen. Jetzt bin ich wieder da, wo ich angefangen habe. Und ganz ehrlich: So viel Spaß an der Arbeit hatte ich schon lange Jahre nicht mehr.

Sehen Sie sich als Ergänzung oder als Alternative zur Lokalzeitung?

Keins von beiden. Was ich mache, ist die Zukunft des Lokaljournalismus. Davon bin ich fest überzeugt. Die Zeitungen werden weiter an Auflage und Relevanz verlieren – das Internet wird weiter wachsen. Der typische Erscheinungsrhythmus der Zeitung am Morgen wird so nicht zu halten sein – egal, welche verzweifelte Bemühungen die Zeitungen auch anstellen werden. Ob mein Anspruch, eine lokale Mischung aus "Spiegel", "Zeit" und Lokalzeitung im Internet anzubieten, der richtige Weg ist, wird sich zeigen. Aber ganz sicher wird die Zukunft des Lokaljournalismus im Internet liegen.

Die Lokalzeitung bietet aber auch im Mantel überregionale Nachrichten und damit eine Grundversorgung über das Lokale hinaus. Das fehlt im heddesheimblog.

Na und? Wenn das heddesheimblog den tragischen Tod von Robert Enke gecovert hätte, wäre die Geschichte sicher gut gelaufen. Wir hätten uns auch richtig reinhängen und eine Top-Berichterstattung bieten können. Damit hätten wir ein Bedürfnis geweckt, das wir nicht halten können – außer, wir wollten Spiegel Online oder Bild.de Konkurrenz machen. Das können und wollen wir nicht. Unser Ansatz ist ein anderer: Spiegel Online kann uns keine Konkurrenz vor Ort machen. Wenn hier etwas wichtig ist, sind wir die Adresse, auf der man das exklusiv nachlesen kann. Anders als beim "Mannheimer Morgen", der alle großen regionalen Geschichten der Vergangenheit, sei es der "Peter Graf-Skandal" oder "Flowtex", konsequent verschlafen hat. Deutschlandthemen werden nur in Ausnahmefällen Themen für das heddesheimblog sein. Und wenn, brechen wir das auf die Region bis ins Lokale runter. Beispielsweise die Schweinegrippe. Wir haben immer wieder sachbezogen regional darüber berichtet und beispielsweise einen lokalen Arzt dazu interviewt. Der outete sich, dass er im Gegensatz zu anderen Kollegen einen guten Vorrat an Impfstoffen hat. Danach war seine Praxis eine Woche lang gerammelt voll – für den Arzt und sein Team war das ein enormer Stress. Auf Nachfrage hat er uns versichert, dass er uns trotzdem noch fallbezogen Interviews geben wird.

Was machen Lokalzeitungen falsch?

Sie haben die falsche Haltung. Die meisten Zeitungen sind Monopolisten. Genauso überheblich und gleichzeitig langweilig und insgesamt satt und lustlos ist ihre Berichterstattung. Und das übertragen sie 1:1 ins Internet. Außerdem wird geklüngelt, was das Zeug hält. Die Lokalzeitung von früher hat entschieden, was wie stattfindet oder auch nicht. Durch das Internet ist dieses extreme Gatekeeping hinfällig. Meine Haltung ist: Ich liebe meinen Job und nehme meine Leser ernst. Bei jedem Thema mache ich mir Gedanken darüber, wo das Interesse und die Relevanz für die Leser liegt. Die honorieren das, weil sie diese Wertschätzung spüren. Andere würden jetzt was von "Community" erzählen.

Was sollten Zeitungen von Blogs lernen?

Das es außer ihrer Meinung noch jede Menge andere Meinungen da draußen gibt, die sich mehr und mehr vernetzen. Zeitungen können nicht mehr bestimmen, was jemand denken soll, sie können sich aber zu einem professionellen Teil dieses Netzwerkes machen. Aber ganz ehrlich – mehr möchte ich nicht verraten, weil ich mich nicht als Rettungssanitäter für den Koma-Patienten Tageszeitung sehe.

Haben Sie keine Angst, dass bei Erfolg die Lokalzeitung selbst ein Blog aufmacht und Sie mit den größeren Finanzmitteln verdrängt?

Die Frage habe ich schon häufiger gestellt bekommen. Nein, überhaupt nicht. Denn erstens habe ich die Sympathien auf meiner Seite und zweitens sind die Finanzen bei vielen Verlagen nicht mehr so dicke und drittens bleibt das Problem der Haltung – und das ist ausschlaggebend. Die Oberlehrerhaltung der Lokalzeitungen und die gepflegte Langeweile des routinierten Bratwurstjournalimus ("der Wettergott war uns gnädig, die Bratwurst war lecker, das Bier kühl") ist nun wirklich nichts, was ich ernsthaft als Konkurrenz betrachten würde. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Inhalte zählen.

Ist das nicht nur ein frommer Wunsch?

Überhaupt nicht. Ich könnte Ihnen das an zahlreichen Beispielen belegen. Ich schreibe sehr viele Kommentare. Das sind nicht einfach Meinungsäußerungen, sondern recherchierte Informationen, die ich aber im Kommentar als Argumentationskette darstelle.These, Antithese, Synthese. Das heißt, ich liefere Argumente. Jedesmal, wenn ich das gemacht habe, muss ich nur ein paar Tage warten, bis mir irgendjemand auf irgendeinem Termin mit meinen Argumenten, aber eigenen Worten erklärt, wie der und der Sachverhalt doch zu bewerten ist. Das heißt, die Leute lesen die Artikel, saugen die Inhalte auf, verarbeiten sie und reden dann darüber. Es gibt also eine starke Auseinandersetzung mit unseren Inhalten. Dabei muss man auch mutig sein. Mein Kommentar: "Braucht Heddesheim ein Oktoberfest?" vertrat die simple These, dass der größte Verein am Ort das Oktoberfest in München sein lassen und doch besser ein Herbstfest unter eigenem Namen veranstalten sollte. Der Text hat sich ruckzuck bei den Klicks auf die vorderen Plätze hochgearbeitet, das Dorf hat eine Woche lang darüber diskutiert, Nörgler haben mir niedere Beweggründe vorgeworfen, andere sich mit dem Thema inhaltlich beschäftigt. Das meine ich mit professionellem Lokaljournalismus, der die Menschen berührt.

Wie sind aktuell die Zugriffzahlen auf das heddesheimblog?

Im August waren es 230.000 Zugriffe, im September 630.000. Im September gab es die Bundestagswahl und außerdem eine Bürgerbefragung zur oben erwähnten geplanten Ansiedlung des Logistikunternehmens. Das Interesse war also außergewöhnlich hoch. Im Oktober gab es noch Nachbeben aus dem September und es wurden 510.000 Page-Impressions. Mitte November sieht es so aus, dass es wieder rund 500.000 werden. Das scheint für den Moment die Marke zu sein, die aus meiner Sicht relevant ist. Die Zahl der täglichen Besucher hat sich kontinuierlich gesteigert und liegt bei rund 2.000. Ich strebe also für die nächste Zeit 400.000 Page-Impressions mit rund 1.500 Besuchern an. Das soll vermarktet werden. Alles darüber ist extra.

Soll es bei dem simplen Namen heddesheimblog bleiben?

Das heddesheimblog hätte auch "Die Internetzeitung für Heddesheim" heißen können – das wäre allerdings erstens langweilig und zweitens falsch gewesen. Eine Zeitung wird gedruckt, ein Blog gibt es nur online. So gesehen, ist der Name heddesheimblog absolut der beste.

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