Microsofts Phantomtreffen mit Verlagen

Es war eine der meist beachtetsten Branchen-Meldung der vergangenen Tage: Am 10. November soll sich der Microsoft-England-Chef Peter Bale mit einer Gruppe von Verlegern aus ganz Europa – auch aus Deutschland – getroffen haben. Nach MEEDIA-Recherchen scheint es sich bei dem Meeting eher um eine Phantom-Veranstaltung gehandelt zu haben. Microsoft selbst will das Treffen nicht bestätigen, und aus den Umfeldern der deutschen Verlage gibt es die identische Versicherung: "Wir waren ganz sicher nicht da".

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Bale, ehemals Online-Chef der "Times" und mit Journalisten vertraut, soll den Managern zunächst ein technisches Konzept präsentiert haben, ihre Inhalte in Bing einzubinden. Dabei geht es um ein von US-Verlagen entwickeltes Web-Protokoll namens "ACAP" (Automated Content Access Protocol), das Inhalte-Anbietern eine bessere Kontrolle gibt, was wie von Suchmaschinen gefunden und präsentiert. Microsoft will die weitere Entwicklung dieses Protokolls, das manche als "DRM für Zeitungsseiten" bezeichnen, finanziell unterstützen.

Mit der Berichterstattung zu dem vermeintlichen Treffen verknüpfte Techcrunch-Chef Michael Arrington die Spekulation, dass Microsoft den Verlagen vorschlagen könnte, sie an ihren Werbeeinnahmen zu beteiligen, wenn sie als Gegenleistung Google aussperren würden. Seit Monaten bereits fordern die deutschen Verleger genau eine solche Beteilung an den Werbeeinnahmen von Google.
Ein solches Bündnis wäre für das vom Google-Erfolg gestressten Medien-Business eine Sensationsmeldung. MEEDIA fragte deshalb im Umfeld der großen Verlagshäuser nach und erhielt fast identische Reaktionen. Die meisten Statements ließen sich etwa auf folgenden Nenner bringen: Interessante Meldung, aber wir waren definitiv nicht dabei. Die Aussagen klangen dabei überzeugend, weshalb sich – zumindest für den deutschen Markt – die Frage stellt: Gab es das Treffen überhaupt?

Sollte sich das Meeting – zumindest aus deutscher Sicht – tatsächlich als Phantomtreffen herausstellen, lautet die naheliegende nächste Frage: Wer profitiert von dem Gerücht? Die Antwort ist einfach:

– Der Softwarekonzern würde sich offensiv als Alternative für Google News positionieren und gleichzeitig einen Versuchsballon starten, wie die Reaktion auf das Kooperations-Konzept zwischen Bing und den Verlagsportalen aussehen könnte.

– Den Verlagen würde das Gerücht nur auf den ersten Blick nutzen. Zwar erhöht es doch den Druck auf Google. Doch bereits vergangene Woche mehrten sich die Stimmen, die glauben, dass in diesem Fall die Verlage ihre Marktmacht überschätzen würden. Sollte Google ihre Angebote nicht mehr listen, würde der Traffic derartig zusammenbrechen, dass die meisten Online-Redaktionen kaum so lange überleben würden, bis der Verlust durch ein Ansteigen der Bing-Besucher wieder aufgefangen würde.

Bleibt also nur ein Nutznießer des Treffens: Microsoft. Mit einem exklusiven Verlagsdeal würde Bing auf einmal wirklich als ernsthafte Google-Alternative wahrgenommen werden.

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