Hubert Burda: vom Fuhrmann zum Reeder

Es war die Woche des Hubert Burda: Am Montag und Dienstag präsentierte sich der 69-Jährige bei den Zeitschriftentagen in Berlin als Leitwolf der Verleger, lotste die Kanzlerin auf den Fachkongress und erhielt für seine Keynotes viel Zustimmung. Am Mittwoch verbreitete seine Pressestelle die Nachricht, dass die hauseigene Digital-Unit jetzt auch größter Aktionär der börsennotierten Xing AG ist. Burda, traditionell Vordenker der Branche, hat damit Maßstäbe im neuen "dualen" Mediensystem gesetzt.

Anzeige

Es war die Woche des Hubert Burda: Am Montag und Dienstag präsentierte sich der 69-Jährige bei den Zeitschriftentagen in Berlin als Leitwolf der Verleger, lotste die Kanzlerin auf den Fachkongress und erhielt für seine Keynotes viel Zustimmung. Am Mittwoch verbreitete seine Pressestelle die Nachricht, dass die hauseigene Digital-Unit jetzt auch größter Aktionär der börsennotierten Xing AG ist. Burda, traditionell Vordenker der Branche, hat damit Maßstäbe im neuen "dualen" Mediensystem gesetzt.
Der Verleger selbst hatte den Kontrast der alten und neuen Medienrealität bei den VDZ-Tagen mit der Allegorie von den "Fuhrleuten und Seefahrern" beschrieben. Es war eine Anlehnung an die Umwälzungen vor einem halben Jahrtausend, als mit der Entdeckung Amerikas die maritimen Verkehrsadern vielen plötzlich wichtiger schienen als die Landwege. Die Fuhrleute von heute sind die Verleger, die Seefahrer die Webunternehmer.
Eigentlich wollte Burda damit den Printleuten Mut machen. Denn durch die Erschließung der Weltmeere als Transportadern hätten die "terrestrischen Wege" nicht an Bedeutung verloren. Er mahnte aber auch: "Nicht jeder Fuhrmann ist auch ein guter Seefahrer." Auf ihn selbst trifft das nicht zu: Burda ist 2009 beides, und wohl kein gelernter Fuhrmann ist auch in der Seefahrt so erfahren und versiert wie er.

Das heißt nicht, dass Hubert Burda beim Thema Internet keine Fehler gemacht hätte. Die börsennotierte Tomorrow Focus AG tut sich schwer. Man erinnert Flops wie Europe Online. Der erste Enthusiasmus, mit aufwändigen Content-Portalen oder der Vermarktung der Inhalte aus den zahlreichen Publikationen online Reichtümer zu erwirtschaften, erwies sich in München ebenso als falsch wie anderswo.

Doch schneller als andere hat man dort die Lektion gelernt, das Grundproblem des Webs begriffen. In seiner VDZ-Eröffnungsrede machte Burda aus der Frustration kein Hehl, die er und andere Investitionswillige bei Web-Projekten erleben mussten. Er erinnerte an den eigenen, inzwischen legendären Ausspruch mit den "lousy Pennies", die mit Werbung online zu ernten sind. Und er brachte das Dilemma auf den Punkt: "Da beschäftigst du sechs, sieben Leute, und es dauert ewig bis du mal eine Million Umsatz zusammen hast. Damit wird kein Mensch reich."
Diese Erkenntnis war beim promovierten Kunsthistoriker, der stets ein akribischer Analytiker der Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft gewesen ist, früher gereift als bei anderen – genau so, wie er die Bedrohung der Medienwelt durch das Internet vor einem Jahrzehnt schneller erahnt hatte als andere und danach angesichts der Rückschläge im Web-Geschäft die bleibende strategische Bedeutung von Print.
Auch dort ist der Verleger trotz der langen Tradition des Medienhauses nicht unbedingt sorgenfrei. Den Top-Entscheidern und Strategen in der Branche geht es wie Medizinern: Jeder Arzt hat seinen persönlichen Friedhof von Fällen, in denen er vielleicht Leben hätte retten können, wenn er in einer Krisenlage anders entschieden hätte. Jeder Verleger hat Objekte, die er nicht etablieren oder durchbringen konnte. Aber am Ende sollten die guten, die richtigen Entscheidungen den Ausschlag geben. Als die "Bunte" vor Jahren ins Straucheln geriet, beauftragte Burda den heutigen Vorstand Philipp Welte mit der überaus erfolgreichen Sanierung. Welte soll es gemeinsam mit dem designierten Chefredakteur wohl auch beim "Focus" richten, Burdas gewaltigster Verlagsbaustelle.
Mit Blick auf die Welt der neuen Medien wurde im Medienhaus ein System etabliert, das sich inzwischen auch bei anderen Großverlagen durchsetzt: Online-Projekte abseits der erlösschwachen Marken-Portale werden im Kleinen aufgebaut und auf ihr Wachstums-Potenzial getestet. Dafür unterhält Burda einen Think Tank, das i-Lab, geführt vom Web-Veteran Uli Hegge. Das ist die Experimentierküche.
Für die großen Deals, Zukäufe (wie jetzt bei Xing) und Übernahmen ist ein anderer zuständig: Burdas "Finanzminister" Paul-Bernhard Kallen. Der frühere McKinsey-Mann ist gelernter Investment-Banker und in dieser Eigenschaft dafür zuständig, Web-Beteiligungen zu Geld zu machen. Holidaycheck ist eine dieser Erfolgsgeschichten: Das in der Schweiz gestartete Portal ist das Juwel von Tomorrow Focus und hat nach Einschätzung von Analysten mehr Potenzial als der gesamte Rest der Börsen-AG.
Ohne große Schlagzeilen gelang es Kallen aber auch, frisches Geld für neue Deals zu beschaffen. So war der Verkauf der kanadischen Buchempfehlungs-Plattform Abebooks 2008 an Amazon eine der Erfolgsgeschichten schlechthin. Zwar wurden bei der Übernahme keine Zahlen veröffentlicht, allerdings gehen Experten davon aus, dass dieses Geschäft Burda aufgrund der Anteilsstruktur einen Profit von mehr als 60 Millionen Euro beschert haben dürfte.
Vor diesem Hintergrund ist das Investment in Xing als logischer und perspektivischer Schachzug zu sehen. Wie alle Web-Deals ist auch dieser nicht ohne Risiko, doch die Chancen überwiegen: das Business-Network ist in Deutschland unangefochtener Marktführer, wächst weiter und hat, anders als Konkurrenten wie LinkedIn oder Facebook, ein Business-Modell etablieren können.
Mit dem strategischen Zukauf, der bis zuletzt geheim gehalten konnte und der nicht zuletzt deshalb zu einem maßvollen Preis erfolgte, hat Burda ein Dickschiff der deutschen Webwelt bestiegen und – nach seinem eigenen Bild – seinen Status auch als Reeder gefestigt. Dafür erntete der Verleger Hubert in dieser Woche Respekt – von Fuhrleuten und Seefahrern.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige