Bekenntnisse eines Erst-Guckers

"Bauer sucht Frau" bei RTL ist eine absolute Hit-Show im deutschen Fernsehen. Die gestrige Folge, in der u.a. ein Jungbauer sein Bett mit einer lebensgroßen Clownpuppe teilte, sahen im Schnitt über acht Millionen Zuschauer. Das war die zweitbeste "Bauer sucht Frau"-Folge überhaupt und Staffelrekord. Viele haben sich an die wöchentliche Freakshow vom Lande in ihrem TV-Plan gewöhnt. Aber wie ist das, wenn man die schrägen Bauern auf Freiersfüßen zum allerersten Mal anschaut? Bekenntnisse eines Erst-Guckers.

Anzeige

"Bauer sucht Frau" bei RTL ist eine absolute Hit-Show im deutschen Fernsehen. Die gestrige Folge, in der u.a. ein Jungbauer sein Bett mit einer lebensgroßen Clownpuppe teilte, sahen im Schnitt über acht Millionen Zuschauer. Das war die zweitbeste "Bauer sucht Frau"-Folge überhaupt und Staffelrekord. Viele haben sich an die wöchentliche Freakshow vom Lande in ihrem TV-Plan gewöhnt. Aber wie ist das, wenn man die schrägen Bauern auf Freiersfüßen zu allerersten Mal anschaut? Bekenntnisse eines Erst-Guckers.

Ich gestehe: Gestern habe ich zum ersten Mal "Bauer sucht Frau" bei RTL gesehen. Das ist jene Dokusoap, bei der sich Woche für Woche Millionen TV-Zuschauer über tumbe Landwirte auf Freiersfüßen beömmeln. Fast schon peinlich, die Hit-Show des größten Privatsenders als Medienfuzzi noch nie gesehen zu haben. Also los! Und was wäre schon die Alternative gewesen: Bei "Kerner" einer Familie dabei zuzuschauen, wie sie Plastikbecher stapelt? Nein, danke. Um 21.15 Uhr RTL eingeschaltet und was soll ich sagen: Es war genauso fremdbeschämend und menschenvorführend wie befürchtet. Aber auch viel schräger als gedacht. Das Faszinosum "Bauer sucht Frau" lässt sich vielleicht mit dem Effekt beschreiben, wenn ein Mensch mit augenfälliger körperlicher Abnormität eine volle U-Bahn betritt. Man ist ein bisschen peinlich berührt von sich selbst, von den anderen, man kann aber auch nicht aufhören immer wieder hinzuschauen. "Bauer sucht Frau" bedient auf geniale Weise die Schaulust am Abnormen.

Teilweise musste ich umschalten, weil es schlicht nicht mehr auszuhalten war. Zum Beispiel, wie der bebrillte Milchbauer verstockt neben dieser ihm zugeteilten Frisösen-Trulla auf dem Heuballen hockte. Zwei Menschen, die sich offensichtlich gar nicht, aber auch rein gar nichts zu sagen hatten. Nicht einmal die Kuh-Zitzen wollte die apathisch wirkende Frisöse anfassen. Und doch forderte das erbarmungslose Scripted-Reality-Drehbuch, dass die beiden traurigen Gestalten sich halbherzige Liebesworte abringen und sie sich gespielt neckisch in die Seite knuffen. Bei dieser Szene musste ich dann doch zu "Kerner" umschalten, um mich nicht zu sehr aufzuregen. Bei "Kerner" wurde zwischenzeitlich "enthüllt", dass man Geld sparen kann, wenn man rechtzeitig die Kfz-Versicherung wechselt. Das beruhigte den Pulsschlag doch sehr.

Allen Mut zusammengefasst und zurück zu "Bauer such Frau". Da war dann ein dicker Pfälzer Bauer, der sich sofort unsterblich in die ihm anvertraute Trulla verliebt hatte. Diese Szene bediente wirksam alle möglichen Emotions-Knöpfe beim TV-Zuschauer. Sofort fühlte man mit dem dicken Krumbeeren-Ernter und misstraute der Stadt-Pommeranze zutiefst, die erst mal zurück nach München wollte. Dann bleib halt gleich auf dem Hof, du Kuh! Wollte ich in den Fernseher rufen, als der Pfälzer der Stadt-Pommeranze ein Herz aus Sonnenblümlein zum Abschied schenkte. Das kann kein gutes Ende nehmen, in der nächsten Folge.

Dann war da noch der notgeile alte Küstenbauer. Herr Clausen, hieß der glaube ich. Der einzige Name, denn ich mir im Zustand andauernder emotionaler Verwirrung beim Anschauen dieser Sendung merken konnte. Der hatte eine Dame, die "auf ihr gepflegtes Äußeres achtet" aber die genauso unscheinbar abgelegt ausschaute, wie das andere "Bauer sucht Frau"-Personal. Ständig machte der "Herr Clausen" irgendwelche Sex-Anspielungen, die von der Dame überhört oder vertagt wurden. "Das geht mir ein bisschen zu schnell". Zum Glück.

Das war aber nichts gegen das Verstörungs-Potenzial des Top-Pärchens dieser Sendung. Leider hatte ich die beiden Turteltauben Anfang Dreißig nicht von Anfang an gesehen, weil ich kurz bei "Kerner" wegen dem Sex-Typen wieder runterkommen musste (bei "Kerner" wurde inzwischen stilles Mineralwasser verkostet.). Beim Zurückschalten zu "Bauer sucht Frau" saßen sich dann ein bis auf eine scheußliche, dunkelblaugrau gemusterte Unterhose völlig entkleideter Jungbauer und seine Angebetete auf getrennten Einzelbetten gegenüber. Ich ahnte schreckliches, aber alle Erwartungen wurden übertroffen. Der fast nackte Jungbauer forderte die Dame auf, "jetzt endlich Nägel mit Köpfen" zu machen und gemeinsam in einem Bett…

Darauf die Dame: "Und wo schläft dann der Clown?" Moment! Welcher Clown? Hatte ich mich verhört? Leider nein. Wie sich herausstellte, nächtigte der Unterhosen-Mann "normal"erweise in einem Ehebett mit einer lebensgroßen Clownpuppe, die geradewegs aus einem Stephen-King-Roman entsprungen schien. "Jo, der Clown muss dann halt hier schlafen", sagte die Unterhose und schleppte den traurigen Clownkameraden rüber in die Kemenate. Und ständig diese Angst, dass dem Jungbauern seine Unterhose runterrutscht.

Daraufhin begaben sich Herr und Frau Bauer in spe zum gemeinsamen Kuscheln in die Federbetten. Die Kamera immer noch voll drauf. Wann blenden die denn endlich aus, Himmelhergott!?

An dieser Stelle hatte ich keine Kraft mehr, mir bei "Kerner" meine Dosis TV-Valium abzuholen und blieb dran. Zum Glück war es auch gleich vorbei. Es tauchte Inka Bause mit ihrer frechen Kurzhaarfrisur auf und es wurde erklärt, wie die irre Freakshow in der nächsten Woche weitergeht. Abspann und weiter mit "Extra", wo Birgit Schrowanges schmerzfreies Team die bekannten Persönlichkeitsstörungen des Bauers Heinrich nochmal gewohnt grell ausleuchtete.

Neulich war die flotte Inka neben Dr. Ruth Westheimer und Isabella Rosselini bei "Beckmann" zu Gast und redete davon, wie ernst sie "ihre" Bauern nehme. Und dass es ja überhaupt gar nicht darum gehe, diese Leute vorzuführen, nein nein nein. Nach Ansicht der Show muss ich sagen: Zynismus, dein Name ist Bause. Man kann sich ja ungefähr vorstellen, wie die Büro-Gespräche am Tag nach der jüngsten "Bauer sucht Frau"-Sendung ablaufen: "Haste den Irren mit der Clownpuppe gesehen!? Krank!"

Bis zu 10,24 Mio. Zuschauer sahen diese "Bauer sucht Frau" Folge. Im Durchschnitt über acht Millionen. Die Folge mit der Clownpuppe war die zweitbeste überhaupt. Das heißt: Es wird weitergehen, die Unterhosen der Jungbauern werden noch weiter nach unten rutschen. Der TV-Gott stehe uns bei.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige