Gute Klicks, billige Klicks

Die Selbst-Empörungschmaschine der Medien-Industrie läuft mal wieder hochtourig. Zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben, haben großes Erregungspotenzial: 1. Die Veröffentlichung der Online-IVW-Zahlen am vergangenen Montag und 2. der tragische Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke. Beides sind grundverschiedene und in Bedeutung und Bewertung nicht zu vergleichende Ereignisse. Die Reaktionen […]

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Die Selbst-Empörungschmaschine der Medien-Industrie läuft mal wieder hochtourig. Zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben, haben großes Erregungspotenzial: 1. Die Veröffentlichung der Online-IVW-Zahlen am vergangenen Montag und 2. der tragische Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke. Beides sind grundverschiedene und in Bedeutung und Bewertung nicht zu vergleichende Ereignisse. Die Reaktionen von Medien und Medienschaffenden ähneln sich aber.

Zunächst die Online-IVW und die Spiel-Sucht von sueddeutsche.de: In der aktuellen Klick-Statistik der IVW ist sueddeutsche.de auf den ersten Blick ein großer Gewinner. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die meisten hinzugewonnenen Klicks aus der Kategorie Spiele stammen. Mittlerweile stammen 35 Prozent der Klicks bei sueddeutsche.de aus der Spiele-Ecke. Dass dies von einigen Medien-Diensten (auch MEEDIA) nicht sofort erkannt wurde, wurde von der sueddeutsche.de-Konkurrenz, namentlich "Welt Online", sofort zum Anlass genommen ihrerseits Kritik zu üben. Kritik an dem unseriösen Klick-Aufblasen der Münchner und saftige Kritik an den Medien-Berichterstattern, die es wieder mal nicht kapiert hatten. Schließlich wurde sogar der frisch gebackene "Bild"-Blogger Kai Diekmann von den "Welt Online"-Kollegen eingespannt und durfte der Branchenöffentlichkeit die Klick-Welt erklären.

Dass bei die Häufung der Spiele-Klicks bei sueddeutsche.de tatsächlich einer Erwähnung wert ist – geschenkt. Aber der Kritik-Reflex der Konkurrenz ist erstaunlich. Zumal "Welt Online" ja auch mal vorgeworfen wurde, Klick-Erfolge durch Suchmaschinen-Optimierung herbeigezaubert zu haben. Klick-intensive Spielchen, wie Kreuzworträtsel, bei denen jeder eingetragene Buchstabe einen Klick erzeugt, und dämliche IQ-Tests, finden sich auch bei "Welt Online" zuhauf, wie auch bei vielen anderen größeren Online-Angeboten. Warum also die Aufregung über das unseriöse Klick-Gebaren bei sueddeutsche.de? Ärgert man sich, dass "die anderen" mehr tricksen, als man selbst? Oder dass die doofen Mediendienste den "Tricksern" nicht genug auf die Finger klopfen? Warum überhaupt dieses Hinterherhecheln hinter den Klicks, also den Page Impressions? Mittlerweile sollte sich doch herumgesprochen haben, dass diese Messgröße dramatisch irrelevant ist, wenn es darum, geht, die Reichweite oder Popularität eines Web-Angebotes zu bewerten.

Okay, sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs mag da mit Schuld daran sein, dass die Kollegen so empfindlich sind. Immerhin hatte er sich in der Vergangenheit gerne am lautesten über angebliche Klick-Manipulationen bei anderen mokiert. Und klar, die Mediendienste müssen sich da auch an die eigene Nase fassen. Mit allerlei Rankings und Tabellen und dem Küren von Siegern und Verlierern wird die Klick-Geilheit sicher noch angeheizt. Aber bemerkenswert ist doch dieses Unterscheiden in gute Klicks und billige Klicks. Gute Klicks sind offenbar Klicks auf redaktionellen Seiten. Billige Klicks sind solche auf Spiele.

Nicht immer.

Jetzt kommen wir zum Fall Robert Enke. Der Selbstmord des Nationaltorhüters ist eine von diesen relativ seltenen Nachrichten, die sehr viele Menschen bis ins Mark berühren. Man merkt dies daran, wie intensiv über dieses Thema diskutiert wird. Selbst von Leuten, die mit Fußball sonst nichts am Hut haben. Plötzlich steht die Frage im Raum: Wie erkläre ich "das" meinem fußballbegeisterten Sohn? Es ist der Einbruch des Tragischen in die scheinbar heile Panini-Sammelbildchen-Welt der Entertainment-Ware Fußball. Dieser Gegensatz macht den Vorfall schwierig zu fassen und so unbegreiflich. Und was machen diese Medien? Klickstrecken! Es scheint plötzlich ungehörig, auf einen so unfassbaren Vorfall mit den üblichen Mitteln aus dem journalistischen Werkzeugkasten zu reagieren. Schnell steht der Vorwurf der "Klickschinderei" im Raum. Offenbar sind auch Klicks auf eine Klick-Galerie zum Tod Robert Enkes "billige" Klicks.

Viele dieser Klick-Strecken mögen vielleicht tatsächlich voyeuristische Instinkte bedienen. Aber das tun "Bild" und RTL, "Hallo Deutschland" und die "ZDF Reporter" auch. Insofern fördert die Berichterstattung zum Tod Robert Enkes mal wieder die Erkenntnis zutage: Online sind wir alle mehr oder weniger Boulevard. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird online in Klicks gemessen, so dämlich das manchmal auch sein mag (siehe oben). Dies den Machern von Online-Angeboten vorzuwerfen, ist ein bisschen scheinheilig und stempelt den Nutzer zu dummem Klickvieh ab. Ich habe keine Klick-Galerie zu Robert Enke angeschaut, weil ich mir davon keinen Gewinn an Erkenntnis oder sonstwas verspreche. Viele andere mögen es getan haben aber viele kaufen auch "Bild" oder gucken "RTL Explosiv". Die Medien, egal ob Print, TV oder Online suchen die Aufmerksamkeit ihres Publikums. Wenn Sie schlecht darin sind, wird sich das Publikum abwenden. Auch der billige Klick will verdient sein. Wenn sueddeutsche.de die Website mit doofen Spielchen zupflastert, wird irgendwann keiner mehr draufklicken. Oder die werbetreibende Industrie merkt, dass die, die da klicken, nicht ganz die gut verdienende Zielgruppe sind, die sie mit ihrer Marken-Werbung erreichen wollen. Beides wäre für ein Angebot wie sueddeutsche.de der Todesstoß.

Was wäre die Alternative? Kollektive Zurückhaltung und Bescheidenheit bei den Medien? Fingerspitzengefühl und höchste Seriösität bei Recherche und Formulierung? Das ist eine Utopie. Die Medien sind voyeuristisch, fehlerhaft, vorlaut, gierig nach Aufmerksamkeit, besserwisserisch und so weiter. Die Medien und ihre Macher sind, wie die Leute, die sie konsumieren. Sich ständig darüber aufzuregen, ist ein bisschen sinnlos.

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