„Geo“-Chef Gaede zur Lage bei Gruner + Jahr

Am Freitag versandten die Redaktionsbeiräte der Qualitätstitel "Stern", "Brigitte" und "Geo" einen Brief, in dem der Kurs von G+J-Chef Bernd Buchholz massiv kritisiert wird. Noch nie wurde die Führung des Traditionsverlags aus eigenen Reihen derart angegangen – so beschrieb MEEDIA vor drei Tagen die Lage bei Gruner + Jahr und kommentierte, dass dies die "Feuerprobe für Bernd Buchholz" sei. "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, einer der ersten Journalisten des Hauses, antwortet mit einer engagierten Replik.

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Das Schreiben des "Geo"-Chefredakteurs Peter-Matthias Gaede an MEEDIA im Wortlaut:
"Tja, am Lagerfeuer kuschelt heute halt niemand mehr im Printgeschäft. Statt dessen haben wir Feuerproben in allen Stockwerken des Printbetriebes.

Aus Ihrem Bericht über jene Probe, die Herr Buchholz zu bestehen hat, könnte man aber durchaus etwas Hitze nehmen. Ließen wir die Ölkannen mal beiseite stehen, dann müssten wir doch zu folgenden Einsichten kommen:

1. Es kann kein Krisenmanagement ohne Konflikte, Ärger und Trauer geben. Es steht kein Guru vor uns, wir sind keine Sekte, wir hocken auch nicht in einem therapeutischen Gesprächskreis, in dem sich die Folgen notwendiger Veränderungen wegstreicheln ließen. Also kracht es immer mal, was ein gutes statt ein schlechtes Zeichen für die Kultur eines Hauses ist. Und weder hat sich der Trainer von Gruner + Jahr außerstande gezeigt, die Mannschaft zu erreichen, noch verweigern die Mannschaften grundsätzlich das Training.

2. Auf den Strukturwandel des Kerngeschäftes reagieren zu müssen, heißt nicht, das Kerngeschäft klein zu reden. Auch wer Gruner + Jahr aus der Distanz verfolgt, kann sehen, dass es im Gegenteil extreme Anstrengungen gibt, möglichst viele Titel zu halten – und selbst jetzt neue zu gründen.

3. Wer “Radikalkuren” bei Gruner+Jahr vermisst, wer an Gruner + Jahr kritisiert, die Veränderungen in diesem Hause liefen quälend langsam und als “Salamitaktik” ab, wer also implizit den kurzen Prozess, das schnelle “Rübe ab” für die glänzendere Management-Leistung hält, sollte sich Folgendes bewusst machen: Dass Veränderungen am Baumwall selten rabiat vonstatten gehen, hat damit zu tun, dass diese Veränderungen erstens eben durchdacht werden müssen, zweitens unter Einbeziehung möglichst vieler geschehen sollten. Das produziert, zugegeben, einerseits längere Phasen der Unsicherheit, andererseits bedeutet es Partizipation und eine nicht-autokratische Suche nach Lösungen. Und genau das, die Partizipation, hat schon mehr als einmal Arbeitsplätze gerettet.

4. Es ist ein merkwürdiger Vorwurf von Medienjournalisten auch an Gruner + Jahr, die von einer Veränderung persönlich Betroffenen hätten von dieser Veränderung wieder einmal aus den Mediendiensten erfahren müssen –  ein Vorwurf, bei dem Krokodilstränen vergossen werden. Denn es sind ja in der Regel die Medienjournalisten selber, die ein Haus dazu zwingen, zwischen der Benachrichtigung des ersten und des letzten von einer Maßnahme Betroffenen möglichst nur wenige Minuten vergehen zu lassen, andernfalls die Sache eben schon wieder öffentlich wäre. Exemplarisch dafür die von Ihnen angesprochenen Vorgänge in der Living-Gruppe.

5. Dass “die Zukunft” des Hauses Gruner + Jahr in bislang unerschlossenen Gebieten wie dem Professional Publishing liegen könnte, ist kein Konfliktfall. Weil es in Wahrheit niemand so behauptet. Denn es geht dabei nicht um den Austausch des klassischen Geschäftes gegen ein neues, es geht um eine hoffentlich erfolgreiche Ausweitung des bisherigen. Keiner, der hinhört, wenn bei Gruner + Jahr darüber gesprochen wird, muss Angst haben, er müsse künftig das Thema wechseln. Keiner muss befürchten, ein Persönlichkeits- oder Ethikwandel werde ihm abverlangt, wenn Gruner + Jahr künftig auf einem zusätzlichen – wie gesagt: zusätzlichen – Terrain unterwegs sein sollte.

In diesem Sinne: Keine Angst, wir brennen nicht ab."
Peter-Matthias Gaede
Chefredakteur

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