G+J: Feuerprobe für Bernd Buchholz

Von wegen friedliche Jahresendstimmung: Bei Gruner + Jahr raucht die Hütte. Aus den Redaktionen wird auf den seit Januar amtierenden Vorstandschef Bernd Buchholz geschossen, und dieser – wen würde das wundern – erwidert das Feuer mit einer Breitseite gegen den Kommunikationsstil im Konflikt. Der seit Monaten schwelende Konflikt um die Sparvorgaben des Vorstands eskaliert mit ungewissem Ausgang. Auf dem Spiel stehen der Ruf und die Zukunft des Hauses – und wohl auch die des Vorstandschefs.

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Von wegen friedliche Jahresendstimmung: Bei Gruner + Jahr raucht die Hütte. Aus den Redaktionen wird auf den seit Januar amtierenden Vorstandschef Bernd Buchholz geschossen, und dieser – wen würde das wundern – erwidert das Feuer mit einer Breitseite gegen den Kommunikationsstil im Konflikt. Der seit Monaten schwelende Konflikt um die Sparvorgaben des Vorstands eskaliert mit ungewissem Ausgang. Auf dem Spiel stehen der Ruf und die Zukunft des Hauses und wohl auch die des Vorstandschefs.
Bernd Buchholz riskiert viel. Mit seiner Verurteilung des Verhaltens der Redaktionsbeiräte als "ehrabschneidend und damit beleidigend" hat sich der 48-Jährige weit vor gewagt, mit seiner Forderung nach einer Entschuldigung zudem geradezu ein Ultimatum gestellt: Was passiert, wenn diese nicht kommt?
Auch ein Vorstandschef von Gruner + Jahr kann auf Dauer nicht gegen den offenen oder stillen Widerstand im Tanker am Baumwall anregieren. Das mag gegen Betriebsräte und Gewerkschafter noch funktionieren. Sobald jedoch der Funke des Aufruhrs auf die Kernabteilungen des Hauses, auf die Redaktionen und Leistungsträger überspringt, wird es gefährlich – für alle Beteiligten. In der Fußballersprache heißt es in solchen Fällen, dass ein Trainer "seine Mannschaft nicht mehr erreicht", und das gefährdet am Ende den Coach mehr als seine Startruppe.
Man mag den lange erfolgreichen und vom Erfolg verwöhnten Redakteuren und Chefredakteuren Manches zum Vorwurf machen. Aber die Grundlage für deren Motivation und Leistungen ist der Rückhalt im eigenen Hause, der Glaube des Managements an das Geschäftsmodell Print. Der neue G+J-Chef hat diesen wohl in letzter Zeit zu selten überzeugend kundgetan, statt dessen wie im "Spiegel"-Interview das Kerngeschäft klein geredet.
Mit dem "Sonnendeck"-Zitat vor gut einem Jahr hat sich Bernd Buchholz (unabhängig von den Auseinandersetzungen über den Stil dieser Äußerung) den Gesellschaftern als knallharter Macher empfohlen. Dies dürfte einer der Gründe gewesen sein, dass er nach dem unplanmäßigen Abgang von Bernd Kundrun den Vorzug vor Auslandschef Torsten-Jörn Klein erhielt, als es um die Regelung der Nachfolge an der Konzernspitze ging.
Doch nur die zu dem Zeitpunkt vom Mutterkonzern bereits abgesegnete Radikalkur bei den Wirtschaftsmedien wurde entschlossen umgesetzt, und auch dort konnte der interne Zeitplan nicht eingehalten werden. Über das Modellprojekt der neuen Zukunftsausrichtung von Gruner + Jahr mag man unterschiedlicher Auffassung sein, die Zahlen zeigen bislang allerdings nicht, dass die Wirtschaftsmedien mittelfristig Chancen auf schwarze Zahlen haben, die andere Titel im Haus seit Jahrzehnten schreiben.
Bei der Zerschlagung der Strukturen der Wirtschaftspresse mögen Personalkosten in erheblichem Umfang eingespart worden sein. Es ging aber noch etwas anderes verloren: Viele G+J-ler waren geschockt, wie rüde mit langjährigen Redakteuren umgesprungen wurde. Das Vertrauen, in einem Verlag mit besonderer Umgangskultur beheimatet zu sein, litt Schaden. Und die Einschläge kamen näher: Vermarktung, Dokumentation, Living-Gruppe – wer ist der Nächste?
Dabei zeigte sich besonders bei der Verkündung der Stellenstreichungen bei "Schöner Wohnen" und "Essen & Trinken", wie sehr sich die Führung vom redaktionellen Fußvolk entfernt hatte: Bei der Kommunikation des Maßnahmenpakets, das Mitarbeiter der Abteilungen zuerst aus den Mediendiensten erfuhren, waren Betriebsräte ausgesperrt, Fragen der Betroffenen nicht zugelassen. So etwas kommt in einem Medienhaus, das stets der Liberalität und Offenheit verpflichtet war, nicht gut.
Hier rächt sich auch die Salami-Taktik des Vorstands, der statt einer Zäsur auf eine Vielzahl von chirurgischen Einschnitten setzt. Nach Einschätzung von Insidern wird die Abarbeitung der Maßnahmen in allen Bereichen noch Monate in Anspruch nehmen. Fraglich, wie der Baumwall da zur Ruhe kommen soll. Und entgegen den Ankündigungen zum Jahresanfang ist Gruner + Jahr bei der Neustrukturierung nicht wirklich weit vorangekommen. Die Millionen die aus den Etats wegrationalisiert wurden, betreffen ganz überwiegend laufende Kosten. Strukturelle Veränderungen, die bereits greifen, gibt es wenige, Kündigungen noch in diesem Jahr auszusprechen, wird schwierig – Anfang Dezember beginnt die "Friedenspflicht". Andere Medienhäuser scheinen sich entschlossener und bislang effektiver reformiert zu haben. Buchholz delegierte die Struktur-Projekte in die Abteilungen und ließ die Segment-Manager mit Vorschlägen kommen. Das kostete viel Zeit und brachte in vielen Bereichen bis jetzt kein erkennbares Ergebnis.
Nun muss Buchholz erkennen, dass seine Vorgaben zumindest bei den redaktionellen Eliten im Hause auf ernsthafte Kritik, wenn nicht gar Widerstand stoßen. Bei den Qualitätszeitschriften fragt man sich, wie weit die Kürzungen gehen dürfen, damit die Marken keinen Schaden nehmen. Und offenbar traut man dem eigenen Urteilsvermögen mehr als dem früheren Zeitschriftenvorstand, der jetzt den Tanker in schwerem Fahrwasser lenkt.
"Stern", "Geo" und "Brigitte" – das war früher die Hausmacht von Bernd Buchholz, der die Chefredakteure seit langem kennt, sich mit vielen duzt. Doch gerade in diesen Premium-Redaktionen findet die Überzeugung des Vorstandschefs wenig Anklang, dass die Zukunft des Hauses etwa in Zukäufen in bislang unerschlossenen Gebieten wie dem Professional Publishing statt im gelernten Kerngeschäft liegen wird. Zu vage scheinen die neuen Geschäftsprojekte, zu lange könnte es dauern, bis sie fruchten. Zu gut kann man die verstehen, die skeptisch sind angesichts der Entwicklungen und der tatsächlichen Innovationsperformance.
Aus welchem Blickwinkel man den Konflikt auch sehen mag: Es scheint mit Blick auf die Gesamtsituation klar, wer nun den ersten Schritt tun muss, um eine Eskalation zu verhindern – im Interesse von Gruner + Jahr und wohl auch im eigenen.

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