Das Phänomen Farmville und Co.

"Markus hat ein trauriges, hässliches Entlein auf seiner Farm gefunden. Oh no!" - Nutzern von Facebook oder MySpace dürften solche Meldungen bekannt vorkommen. Sie sind Bestandteil des beliebten Social Games "Farmville" des Marktführers Zynga, der mittlerweile über 50 Mio. aktive Spieler angibt. Social Games wie Farmville gelten als das nächste große Ding im Spiele- und Online-Markt. Wegen unseriöser Geschäftspraktiken haben einige Anbieter aber auch schon Kritik einstecken müssen.

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So ist Zynga negativ aufgefallen, weil Geschäftspartner der Firma die Nutzer mit unsauberen Methoden abgezockt haben. Dazu muss man aber zunächst verstehen, warum Spiele wie Farmville, Mafia Wars, Café World oder Vampire Wars so erfolgreich sind und wie sich mit den kostenlosen Spielchen haufenweise Geld verdienen lässt.

Der Start ist simpel. Man fügt die Anwendung Farmville oder ein anderes Spiel auf sein Facebook-Profil hinzu und schon kann es losgehen. Das Spiel ist im Prinzip selbst erklärend. Mit wenigen Klicks werden Auberginen und Erdbeeren, geerntet, es wird Weizen gepflanzt und, schwupps, hat man die ersten Farmville-Coins gut geschrieben bekommen. Das Spiel spricht ganz elementare Motivations-Mechanismen beim Menschen an. Man sieht etwas wachsen und gedeihen, man wird sofort belohnt, viele Facebook-Freunde sind dabei, man ist Teil einer Gemeinschaft. Denn alles, was man bei Farmville tut, wird sofort den Facebook-Kontakten mitgeteilt. Aus diesen Gründen sprechen solche Spiele auch viele bisherige Nicht-Spieler an. Gerade Frauen und ältere Web-Nutzer zieht es zum beschaulichen Farmville.

Das wirklich besondere bei diesen Spielen ist die soziale Komponente. Man kennt seine Farmville-Nachbarn aus Facebook, man kann sich gegenseitig helfen, man nimmt die hässlichen Entlein oder braunen Kühe auf, die andauernd irgendwo gefunden werden, und sieht die eigene Farm wachsen und gedeihen. Will man die Farm ausbauen oder braucht neues Land oder Saatgut, dann wird es interessant. Es gibt zwei virtuelle Währungen in dem Spiel: Coins und Cash. Die Coins werden relativ großzügig ausgegeben, wenn man Ernte einfährt oder besondere Ereignisse auftreten. Für wirklich interessante Spiele-Produkte, wie Gebäude, braucht man aber Farm-Cash. Der wird spärlicher verteilt. Man kann Farm-Cash oder Coins aber gegen echtes Geld dazukaufen. So kosten 115 Einheiten Farm-Cash: 20 reale US-Dollar.

Klingt banal, dahinter steckt aber schon jetzt ein Riesengeschäft. Schätzungen zufolge macht die Farmville-Firma Zynga in diesem Jahr voraussichtlich zwischen 250 und 500 Millionen Dollar Umsatz. Zynga verdient aber nicht allein mit dem direkten Verkauf von Farm-Cash und Farm-Coins. Andere Firmen können die virtuelle Währung zu Werbezwecken auch weitergeben. So bekommt man in den USA beispielsweise eine bestimmte Menge an Farm-Cash geschenkt, wenn man sich bei DVD-Verleihern wie Netflix oder Blockbuster mit seinen Kreditkartendaten für eine Probemitgliedschaft anmeldet. Farmville ist nicht nur ein nettes Unterhaltungsspielchen, sondern ein knallhartes Direktmarketing-Tool.

Der Erfolg des Spiels hat aber nicht nur seriöse Firmen wie Netflix oder Blockbuster auf den Plan gerufen, sondern auch die Abzock-Könige aus den Online-Sümpfen. So gab und gibt es Firmen, die mit Farm-Cash als Belohnung für die Teilnahme an einem der üblichen gefakten IQ-Tests locken. Wenn man als Nutzer hier nicht aufpasst und versehentlich seine Telefonnummer am Ende einträgt (um angeblich das Test-Ergebnis übermittelt zu bekommen) hat man ein Klingelton- oder sonstiges Abzock-Abo abgeschlossen und eine Menge Ärger am Hals. TechCrunch-Gründer Michael Arrington hat jüngst auf diese Missstände aufmerksam gemacht und eine breite Diskussion zum Thema losgetreten.

Der Erfolg von Firmen wie Zynga ist auch mit dem Erfolg von Facebook selbst verknüpft. Zynga und seine Partnerfirmen sind mit die größten Anzeigenkunden bei Facebook. Allein Zynga soll 10 bis 20 Prozent aller bezahlten Werbe-Einblendungen bei Facebook schalten. Und es gibt noch weitere Anbieter von Social Games wie Playfish oder Playdom. Das weltgrößte soziale Netzwerk verdient so an dem Boom der Social Games direkt mit. Nun wurden aber sowohl Zynga als auch Facebook durch die negativen Berichte bei TechCrunch aufgeschreckt. Facebook hat jüngst Zyngas neustes Social Game Fishville wegen "Ad Policy Violations" kurzfristig offline gestellt. Das Social Network fürchtet um sein Image. Zynga selbst hat in Stellungnahmen ebenfalls Besserung gelobt und verspricht, alle unseriösen Kooperationspartner auszusortieren.

Ein Problem könnte der Boom der Social Games auch für Firmen werden. Untersuchungen zufolge spielen die meisten Nutzer Farmville und Co. während der Arbeitszeit auf Firmen-Computern. Wegen des hohen Motivationsfaktors dieser Spiele geht bei Social Games potenziell wesentlich mehr Arbeitszeit flöten als bei simplen Casual Games, wie dem der früheren Moorhuhn-Ballerei oder dem Pinguin-Weitwurf bei Yeti Sports.

Dies alles wird den Siegeszug der Social Games aber kaum stoppen. Gerade hat der Spiele-Riese Electronic Arts (EA) den Social-Games-Anbieter Playfish (der u. a. den Farmville Konkurrenten Country Story und Restaurant City macht) für bis zu 400 Millionen Dollar übernommen. 300 Millionen Dollar werden fest bezahlt, weitere 100 Millionen Dollar sind erfolgsabhängig. EA hätte auch gerne den Marktführer Zynga gekauft, der ist aber bereits zu teuer. In der Branche wird der Marktwert von Zynga bereits jetzt auf rund eine Milliarde US-Dollar geschätzt.

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