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Die Herausgeber-Rolle als Gretchenfrage

Ganz Medien-Deutschland diskutiert über den Paukenschlag aus München: "Cicero"-Chef Wolfram Weimer wird im Oktober 2010 neuer Chefredakteur des "Focus", Helmut Markwort ist dann "nur" noch Herausgeber. Die Personal-Entscheidung ist gefallen, aber was bedeutet das? In erster Linie bekommt damit Burda-Vorstand Philipp Welte deutlich mehr Macht in die Hände. Denn das Reich Helmut Markworts bei Burda besteht nicht nur aus dem "Focus".

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Der Rückzug Markworts aus dem Vorstand betrifft auch den „Playboy“ und die Verlagsgruppe Milchstrasse in Hamburg. All dies fällt derzeit noch in Markworts Vorstands-Ressort. Wenn Markwort Ende nächsten Jahres sein Amt als Erster Journalist des Hauses und Vorstandsmitglied abgibt, kann Welte durchregieren. Sein rigoroses Sanierungsprogramm Change erreicht das Markwort-Reich dann vielleicht einfach nur ein bisschen später als die anderen Teile des Burda-Konzerns. Dass bei der Milchstrasse, dem Focus Verlag und dem Playboy alles so bleibt wie bisher, glaubt jedenfalls keiner.

Bisher hat sich Markwort gegen allzu schmerzhafte Einschnitte in seinem Vorstandsbereich gesperrt. Seine schützende Hand wird in Zukunft fehlen. Das sehen auch die Mitarbeiter des „Focus“ so. Darum haben sie für den 10. November zu einer Mitarbeiterversammlung geladen, um die Gründung eines Betriebsrates vorzubereiten. Dass Helmut Markwort es geschafft hat mit dem „Focus“ ein zweites deutsches Nachrichtenmagazin neben und gegen den „Spiegel“ zu etablieren, wird seine Lebensleistung bleiben, die ihm keiner nehmen kann. Auch wenn sein „Focus“ nicht erst seit diesem Jahr deutliche Zeichen einer gewissen Renovierungsbedürftigkeit zeigt.

Diese Lebensleistung brachte ihn in die ungewöhnliche Position als Erster Journalist des Hauses Burda, Chefredakteur und Vorstand in Personalunion über soviel Macht in einem Verlag zu verfügen, wie noch kein Vollblut-Journalist vor ihm. Und wohl auch nach ihm. Die Zeiten der starken, unabhängigen Chefredakteure sind passé. Heute sind Teamplayer gefragt, die vor Anzeigenkunden präsentieren können, die Leute motivieren und am besten zwei bis drei Titel und Online-Angebote gleichzeitig managen. Helmut Markwort ist so etwas wie derArchetyp des genialischen Blattmachers, der aus dem Bauch heraus entscheidet, ein unabhängiger Chefredakteur, der sich von Flanellmännchen nicht in sein Geschäft reinquatschen lässt.

Dieser Typus wurde mehr und mehr ersetzt durch stromlinienförmige Redaktionsmanager. Die wahren Tonangeber in vielen Verlagen sind längst nicht mehr die Chefredakteure, sondern die Verlagsgeschäftsführer, die sich selbst nicht selten auch für die besseren Blattmacher halten. Die Flanellmännchen haben heute vielerorts die Oberhand gewonnen. Die aktuelle Medienkrise verstärkt diesen Effekt noch. Und was ist Markworts designierter Nachfolger Wolfram Weimer für einer? Nun, zumindest ist Weimer , ebenso wie Markwort, mit einem überaus gesunden Selbstbewusstsein gesegnet. Er ist ein so genanntes Alphatier und für die Zukunft des „Focus“ wird mit entscheidend sein, wie gut die beiden Alpha-Männchen Weimer und Welte, die beiden Big Ws, miteinander können.

Weimer ist zudem ein lupenreiner konservativer Intellektueller und als solcher passt er natürlich prima zum Haus Burda. Er hat als Chefredakteur der „Welt“ Erfahrung im schnellen Tagesgeschäft aber er hat mit „Cicero“ auch eine eigene Magazin-Idee mit Talent, Geist und Beharrlichkeit zu einem großen Erfolg in der Nische geführt. Dass er nun als „Focus“-Chef auf die große Bühne zurückkehrt, ist der Lohn.Weimer gilt zudem als Freigeist und Agenda-Setter . Manche bezeichnen einige seiner Thesen als krude, andere halten ihn für durchweg brillant. Er polarisiert also und so ein Chef ist nicht das schlechteste, was dem in Service-Einerlei erstarrten „Focus“ passieren kann.

Die Gretchenfrage aber ist: Wie hält es Helmut Markwort mit der Herausgeberschaft? Wird er sich einmischen und Uli Baur als seinen verlängerten Schatten in der Redaktion agieren lassen? Oder kann er loslassen und seinen „Focus“ großherzig in andere Hände geben? Diese Fragen sind nicht zu beantworten, bevor der Wechsel stattgefunden hat. Wie sich Markwort als Herausgeber verhält, wird entscheidend sein, ob dem „Focus“ unter Wolfram Weimer ein überzeugender Neustart gelingt. Für Uli Baur bleibt wieder nur die Rolle des ewigen Zweiten, auch wenn er sich nominell gleichberechtigter Chefredakteur nennen darf. Die neue erste Geige wird Weimer spielen, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Sonst hätte der den Job auch gar nicht erst angenommen.

Weimers Nachfolge bei „Cicero“ dürfte weniger schwierig zu regeln sein, als die von Markwort beim „Focus“. Konservative Intellektuelle gibt es ja doch einige. Roger Köppel von der Schweizer „Weltwoche“ fiele einem da zum Beispiel ein. Er war, wie Weimer, schon einmal „Welt“-Chefredakteur und kennt „Cicero“-Verleger Michael Ringier. In Verlagskreisen wird er schon als potenzieller Weimer-Nachfolger gehandelt, er ist einer dem der politisch arg konservative Salon-Journalismus von „Cicero“ zuzutrauen wäre.

Denn eines dürfte auch klar sein. Bis Oktober 2010 wird man nicht warten müssen, bis der Neue beim „Focus“ aufschlägt. Erfahrungsgemäß gewinnen solche Prozesse an Dynamik, sobald die Katze einmal aus dem Sack ist. Aber ganz egal welche Folgen die Top-Personalie kurz-, mittel- und langfristig im Hause Burda haben wird. Über die Bühne gebracht wurde die Kommunikation des anstehenden Wechsels jedenfalls kurz und schmerzlos. Eine quälende Selbst-Zerfleischung wie bei der Ablösung von Stefan Aust als „Spiegel“-Chef blieb den „Focus“-Leuten erspart.

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