Das Presse-Echo auf die „Focus“-Nachfolge

Nachdem Burda die Nachfolgeregelung für "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort bekanntgegeben hat, fällt das Urteil der Presse relativ eindeutig aus. Markworts Lebensleistung, den "Focus" gegründet zu haben, wird allgemein gewürdigt. Die Diagnose, dass es um das Magazin zuletzt aber nicht mehr zum Besten stand, ist auch überall zu finden. Der neue Mann an der "Focus"-Spitze, Wolfram Weimer, wird durchweg als passend empfunden. MEEDIA gibt den Überblick über die wichtigsten Kommentare zur Top-Personalie.

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Kai-Hinrich Renner zitiert im „Hamburger Abendblatt“ einen unbekannten „Focus“-Redakteur: „Es fehlte nicht viel, und die Sektkorken hätten geknallt.“ Als die Personalie bekannt wurde, habe sich Jubel auf den Gängen des Münchner Magazins ausgebreitet. Allerdings weniger wegen Weimer, den kaum einer beim „Focus“ persönlich kenne, sondern weil man nun glaube, dass sich nicht allzuviel ändere. Dass „Markwort-Spezl“ („SZ“) Uli Baur als Co-Chef an Bord bleibt, wirke auf die Belegschaft offenbar beruhigend.

Die gefundene Personal-Lösung bezeichnet Renner im „Abendblatt“ als „für alle Beteiligten gesichtswahrend“. Weimer passe sehr gut zur geplanten Neugestaltung des „Focus“. Angeblich sollen die Texte 20 Prozent länger werden, das Blatt werde ruhiger und weniger kleinteilig. Burda dürfte sich von Weimer die Rückkehr des „Focus“ in die Champions League erhoffen, so Renner und meint: „Das ist keine leichte Aufgabe.“

Eine Diagnose, die alle Kommentatoren teilen. Hans-Jürgen Jakobs findet in der „Süddeutschen Zeitung“ deutliche Worte. Fast 17 Jahre nach dem Start befinde sich der „Focus“ im freien Fall, rote Zahlen seien keine Fiktion mehr. Zu Weimers Aufgabe schreibt Jakobs: „Nun übernimmt er ein Himmelfahrtskommando: Die in Jahren Markwortschen Schlendrians geschundene Marke wiederzubeleben und ihr politische und gesellschaftliche Relevanz einzuhauchen.“

Neu-Chefredakteur Weimer dürfe einige Zeit darauf verwenden, gestandene Journalisten für das Abenteuer „Focus“ zu begeistern, meint Jakobs. Sätze, die die aktuelle Belegschaft wohl nicht so gerne lesen wird. Markwort selbst habe mit Weimer in seiner Wohnung über den Wechsel gesprochen, notiert Jakobs. Auch er schreibt in der „SZ“ davon, dass die Personalie es Markwort ermögliche, „das Gesicht zu wahren“. Das Gesicht Markworts zu wahren, war offenbar eines der Hauptziele bei der Besetzung der Nachfolge. Das zeigt, wie politisch solche Personalien heutzutage in Verlagen sein können. Immerhin attestiert Jakobs dem Verleger Hubert Burda, mit der Neubesetzung ein Signal für Qualitätsjournalismus zu setzen. Gleichzeitig sei dies für den „Focus“ aber „der letzte Versuch“.

Deutlich knapper wird die Top-Personalie auf der Medienseite der „FAZ“ abgehandelt. Immerhin bezeichnet Michael Hanfeld die „Focus“-Chefredaktion als den journalistisch wichtigsten Posten des Hauses Burda. Weimers Werdegang wird kurz erwähnt. Im Frühjahr 2004 sei er zu dem neuen Ringier-Magazin „Cicero“ gewechselt, schreibt die „FAZ“. Dass Weimer das Heft selbst gegründet hat, lässt sein Ex-Arbeitgeber „FAZ“ unter den Tisch fallen.

Joachim Huber sieht im „Tagesspiegel zwei sich kreuzende Kurven. Die Auflagenkurve des „Focus“ weise nach unten, die von „Cicero“ nach oben. Naja. Bis die zwei Kurven sich wirklich kreuzen, müsste noch einiges passieren, aber egal. Auch Huber zollt Markwort für sein Lebenswerk Respekt. „Weggedrückt“ werde er nicht und er müsse keinen neuen „Ersten Journalisten“ über sich erblicken.

Hubers Diagnose der „Focus“-Krise: In Internet-Zeiten greife die Erfolgsformel des Blattes nicht mehr. „Der Nutzwert-Journalismus, die gedruckte Lebenshilfe, die ‚100 besten‘-Listen – das wird nicht der ‚Focus‘ von Wolfram Weimer sein“, schreibt er. „Cicero“ sei eine Erfolgsgeschichte, aber der „Tagesspiegel“ warnt: „Klar, der ‚Cicero‘-Sound kann nicht eins zu eins die ‚Focus‘-Tonlage werden. Wolfram Weimer sieht eine heroische Aufgabe vor sich, Kärrners Arbeit statt Ciceros Agora.

Weit weniger poetisch wird Burda-Vorstand Philipp Welte über den neuen „Focus“ in der „FTD“ zitiert. Weimer habe mit „Cicero“ bewiesen, dass man auch mit knappen Mitteln ein gutes Produkt machen kann. So kann man das natürlich auch sehen. Auch Spiegel Online widmete der Personalie bei der Konkurrenz einen ausführlichen und sachlichen Artikel. „Mit der Personalie ist auch eine Neupositionierung des ‚Focus‘ verbunden:Weimer soll künftig für weniger Nachrichten und Nutzwert-Journalismus und für mehr Analyse und Hintergrund sorgen, um im Wettbewerb mit ‚Spiegel‘ und ‚Stern‘ zu bestehen“, heißt es bei SpOn. Zudem weiß die Hamburger Konkurrenz, dass Weimer der einzige Wunschkandidat für den Posten gewesen sei und Markwort selbst an der Auswahl beteiligt war. Und das sogar in seiner eigenen Wohnung, wie wir aus der „Süddeutschen“ wissen.

Spiegel Online erinnert zudem an einen denkwürdigen Leitarikel Wolfram Weimers in „Cicero“ aus dem Jahre 2008. Damals beklagte Weimer eine „Subprime-Krise“ im deutschen Journalismus. „Laptops und Waschmaschinen zu verkaufen oder Post werden zu wollen, kann nicht das Ziel eines Medienunternehmens sein“, schrieb Weimer damals. Seinem künftigen Arbeitgeber Burda sind gewisse Marketing-Stunts abseits des medialen Kerngeschäfts ja auch nicht ganz fremd. Bald sitzt Weimer in einer Position, von der aus er gegen die „Subprime-Krise“ des Journalismus wortgewaltig und hochauflagig anschreiben kann.

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