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Wolfram Weimer wird „Focus“-Chef

Das Rätselraten um die Nachfolge von "Focus"-Chef Helmut Markwort hat ein Ende. Im Oktober 2010 wird Wolfram Weimer neuer Chefredakteur des "Focus". Er soll in einer Doppelspitze mit dem derzeitigen Co-Chef Uli Baur das Heft führen. Markwort zieht sich dann auf die Position des Herausgebers zurück. Weimer war "Welt"-Chefredakteur bei Axel Springer und hat mit Erfolg das Politik- und Kulturmagazin "Cicero" gegründet. Das Erbe von Helmut Markwort beim "Focus" anzutreten, ist keine leichte Aufgabe.

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Die Berufung an die „Focus“-Spitze im Oktober nächstes Jahr ist für Wolfram Weimer die Rückkehr in die A-Liga deutscher Print-Chefredakteure. Allerdings ist die jetzt gefundene Personal-Lösung auch keine völlige Abkehr von der Ära Markwort. Dass Markworts Co-Chef Uli Baur weiter an Bord bleibt, dürfte Verleger Hubert Burda als Zugeständnis an den „Focus“-Gründer akzeptiert haben. Markwort hatte stets betont, dass Baur sein Wunschkandidat für seine Nachfolge ist. Nach langer Zeit als Vize-Chef wurde Baur von Markwort schließlich auch zum Co-Chefredakteur des „Focus“ berufen.

Nach außen wurde aber stets Markwort als treibende Kraft beim „Focus“ wahrgenommen. Baur fiel es schwer, im Schatten Markworts ein eigenes Profil zu entwickeln. Allerdings konnte der Verleger und auch Vorstand Philipp Welte keine Personal-Entscheidung gegen den Willen von Mr. „Focus“ Markwort treffen. Markworts Vertrag als Chefredakteur läuft bis Ende 2010. Die nun gefundene Lösung ist ein Kompromiss. Er zieht sich ein bisschen früher zurück, dafür bleibt er Herausgeber und sein Wunschkandidat Uli Baur bleibt in der Verantwortung. Eine Nachfolgeregelung light. Wenn Markworts Vertrag Ende 2010 dann ausläuft, gibt es auch keinen Ersten Journalisten mehr im Burda-Vorstand. Markworts Verlagsverantwortung wird zum 1. Januar 2011 in den Vorstandsbereich Verlage Inland integriert und von Philipp Welte übernommen.

Den neuen Mann an der „Focus“-Spitze, Wolfram Weimer, hatte bisher kaum jemand auf dem Zettel. Viele Namen wurden immer wieder als potenzielle Nachfolge-Kandidaten für Helmut Markwort genannt. Das Gerücht, dass „Bild“-Chef Kai Diekmann Ambitionen auf den Job habe, machte vor Jahren schon die Runde und wurde mit der Zeit zu einer Art Branchen-Witz. In jüngerer Zeit wurden Namen wie Claus Strunz, Christoph Keese, Ulrich Reitz und immer wieder Gabor Steingart genannt.

Nun also Wolfram Weimer. Er begann seine journalistische Laufbahn Anfang der 90er Jahre bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, später war er unter Mathias Döpfner stellvertretender Chefredakteur der „Welt“. Nach Döpfners Sprung in den Vorstand wurde er deren alleiniger Chef. Döpfner und Weimer galten als Freunde, im Springer-Verlag wurden sie wegen ihrer beachtlichen Körpergröße die Twin-Towers genannt, die „Zwillings-Türme“. Ende 2001 zog Weimer bei Springer das berühmte Projekt Alpha durch – die Verschmelzung der Redaktionen von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“.

Was damals als Skandal galt, eine Redaktion, die mehrere Blätter bedient, ist heute fast Standard. Beflügelt von dem Erfolg von Projekt Alpha machte sich Weimer dann ein wenig zu forsch daran, seiner Großredaktion auch noch die „Welt am Sonntag“ einzuverleiben. Dass er dabei nicht immer kommunikativ geschickt vorging, belastete die Beziehung zu Döpfner. Das Fass zum Überlaufen brachte dann eine unglückliche Geschichte in dem Börsen-Infodienst „Platow Brief“. Der berichtete, dass Weimer Ambitionen habe, „FAZ“-Chefredakteur zu werden. Dem damalige „FAZ“-Geschäftsführer Wolfgang Bernhardt wurde nachgesagt, dass er gerne das aufmüpfige Herausgeber-Gremium der „FAZ“ loswerden wolle. Als die Spekulation öffentlich wurde, sagte Bernhardt ein Treffen mit Weimer schriftlich ab. Daraufhin trennten sich auch die Wege von Weimer und Döpfner. Wolfram Weimer schied nicht ganz im Frieden bei Springer aus.

Anfang 2004 brachte Weimer dann „Cicero“ für den Schweizer Ringier-Verlag auf den deutschen Markt. Das Magazin befasst sich recht hochtrabend mit Politik und Kultur. Weimer schaffte es, das Heft zu mehr als nur einem Achtungserfolg zu machen. Für das dritte Quartal 2009 meldete „Cicero“ eine verkaufte Auflage von 81.032 Exemplaren. Den journalistisch und wirtschaftlich erschlafften „Focus“ wieder aufzufrischen ist freilich eine Aufgabe von nochmal ganz anderem Kaliber. Weimer muss gegen den Mythos Markwort einen eigenen Stil etablieren. Dass der Gründungschefredakteur als sicherlich aktiver Herausgeber und sein enger Vertrauter Baur als Co-Chef ihm dabei ständig über die Schulter schauen, muss nicht immer hilfreich sein.

Zumal Markwort vor seinem Abgang schnell noch das Projekt Z ins Leben gerufen hat, mit dem der „Focus“ Anfang kommenden Jahres neu aufgestellt werden soll. Wie zu hören ist, ist mittlerweile aber ein wenig Ernüchterung darüber eingekehrt, was von den Ergebnissen der Projekt-Z-Arbeitsgruppen tatsächlich umgesetzt werden kann. Die Nachfolge von Helmut Markwort beim „Focus“ ist mit der Personalie Wolfram Weimer offiziell geregelt. Der Schatten der Ära Markwort aber ist lang.

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