„Ich tanze nicht auf dem Grab von Print“

Wie steht es um das Selbstbewusstsein von Zeitungsverlagen, wenn die Keynote zum traditionellen Printgipfel bei den Medientagen München von Jeff Jarvis kommt? Der Amerikaner ist Web-Experte und Google-Kenner („Was würde Google tun?“). Die Branche scheint sich stärker mit der vermeintlichen Gefahr aus dem Web zu beschäftigen, als mit ihren eigenen Kompetenzen und Strategien. In seiner Einführungsrede bemerkte BDVZ-Chef Andreas Scherer: „Wir müssen uns vielmehr fragen: Was sollen die Verleger tun?“

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Scherers Antwort auf die eigenen Frage lautet: „Paid Content“. Dabei soll das Online-Angebot für Print-Abonnenten weiterhin kostenlos bleiben. „Das ist selbstverständlich. Allerdings glaube ich, dass es nur fair ist, dass wir unsere anderen Online-Leser an unseren Aufwendungen beteiligen.“ Mit dieser hübschen, aber etwas weltfremden Formulierung hatte Scherer schon in einem dpa-Interview vor den Medientagen für Aufsehen gesorgt.

Kaum überraschend, dass Jarvis in seiner Skype-Keynote aus seinem New Yorker Büro das Reizthema Google aufgriff. Der Amerikaner konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach München kommen, seine Kernaussage kam gleichwohl in München an: „Google ist kein Feind, sondern eine Chance.“ Den Medienentscheidern redete er ins Gewissen, sich zu fragen, was Google anders und besser mache als die Konkurrenz. „Die Wahrheit ist: Die alten Modelle funktionieren nicht mehr. Wir leben nicht mehr in einer Content-Economy, sondern in einer Link-Economy.“ Jarvis glaubt, dass ein Text nicht mehr tausendfach gedruckt und verbreitet werden muss. „Heute reicht ein Exemplar, auf das sie verlinken“.

Die Zukunft liegt für Jarvis in „hyper personal news-streams“. Darunter versteht er die Tendenz, alle Web 2.0-Kanäle wie RSS- und Twitter-Feeds, Newsletter und anderen Quellen auf einer Oberfläche zusammenzuführen.

Das Motto des Print-Panels lautet: „Verlage am Wendepunkt?“. In der Vorab-Info des Veranstaltenden BVDZ heißt es, dass diesmal „nichts Geringeres als die wirtschaftliche Zukunft der Verlage“ zur Diskussion stehe. Antworten liefern sollten der BVDZ-Präsident Helmut Heinen, Miriam Meckel (Direktorin Universität St. Gallen), „Abendblatt“-Chef Claus Strunz, Burda-Vostand Philipp Welte sowie der „Handelsblatt“-Chefredakteur Bernd Ziesemer. Moderiert wurde der Printgipfel 2009 von Stern.de-Chef Frank Thomsen.
Die wichtigste Frage der Zukunft ist für Ziesemer, „wie ich in fünf Jahren noch die Auslands-Korrespondenten bezahlen kann. Aber darauf liefert Herr Jarivs keine Antwort, und das nervt micht.“ Die Strategie des „Handelsblatts“ ist ein kompletter Umbau der Marke. „Zum ersten Mal in der Geschichte des ‚Handelsblatts’ machen wir nicht nur den größten Print-Relaunch, sondern bauen auch Online und Mobil um.“ Ziesemer steckt gerade mitten in der Format-Umstellung der von einem nordischen Format auf Tabloid. „Unser neues ‚Handelsblatt‘ ist zwar halb so klein, aber doppelt so dick. So viele Inhalte gab es bei uns noch nie.“

Helmut Heinen forderte von seinen Kollegen, trotz schwieriger Zeiten unbedingt zu investieren  und nicht zu viel zu sparen. Miriam Meckel glaubt dagegen, dass Print künftig als Exklusivprodukt „mit höheren Preisen und mehr Inhalten“ daherkommt.
Große Hoffnung auf eine rosige Zukunft des Gedruckten machte Jarvis den Diskutanten allerdings nicht. Auf die unvermeidliche Frage nach einem nahe Ende sagte Jarvis: „Ich will nicht, dass Print stirbt, aber wir können das Sterben bereits beobachten. Aber ich tanze nicht auf dem Print-Grab und freue mich.“

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