Abmahn-Schock, Logik kaputt

Kaum hat Kai Diekmann das Bloggen begonnen, häufen sich seine Probleme mit dem Urheberrecht. Davon ist eines gravierend: "Lettre"-Chefredakteur Frank Berberich wirft dem "Bild"-Chef vor, ihm einen Text – das viel beachtete Sarrazin-Interview – schlicht geklaut zu haben. Das andere Problem ist eher bizarr: Diekmann holt eine alte Fehde mit der "taz" hervor – Stichwort "Penisverlängerung" – und handelt sich, zweifellos absichtlich, neue juristische Probleme ein. Die aber wieder mit seinem Lieblings-Gegneranwalt: Johannes "Jony" Eisenberg, der die "taz" und "Lettre" vertritt.

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Was Blogger Diekmann „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ nennt, nämlich die Erregung von „Lettre“ Chefredakteur Frank Berberich über die raumgreifende Komplett-Übernahme des Sarrazin-Interviews durch die Webseite des Millionen-Blatts, enthält bei näherer Betrachtung viele plausible Argumente. Berberich gegenüber MEEDIA: „Wir würden niemals erlauben, dass ‚Bild‘ oder eine andere Publikation einen ganzen Text von uns online stellt. Wir stellen die Texte nicht mal auf unserer eigenen Website vollumfänglich ins Netz.“

Tatsächlich, das ist unstrittig, existiert ein Fax von „Lettre“ an „Bild“; mit dem Interview und dem handschriftlichen Vermerk „mit Nennung der Quelle…“. Berberich argumentiert: „Das bezog sich auf mögliche kürzere Zitate aus dem Text und war alles andere eine Autorisierung, den gesamten Text ins Netz zu stellen.“ Diesen Schluss zu ziehen, widerspreche „jeder Logik.“

Blogger Diekmann gibt sich zunächst streng („… uns zuerst den Abdruck zu erlauben, und dann davon nichts mehr wissen zu wollen, finde ich…komisch“), um dann ein augenzwinkerndes PS anzuhängen: „Nichts für ungut. Ich zumindest werde ‚Lettre‘ jetzt erst einmal umgehend abonnieren. Das Heft ist offenbar Pflichtlektüre.“ Ob Anwalt Eisenberg sich von diesem Friedensangebot beeindrucken lässt, ist unwahrscheinlich – im Raum steht eine Schadensersatzforderung von „Lettre“.

In der zweiten Angelegenheit verschickte Eisenberg Abmahnungen an Diekmann und den Springer-Verlag, deren Hintergrund beispiellos sein dürfte: Der „Bild“-Chef veröffentlichte in seiner Rolle als Blogger einen „taz“-Text von 2002, gegen den er selbst seinerzeit erfolgreich vorgegangen war. Unter der Überschrift „Sex-Schock! Penis kaputt?“ hatte Gerhard Henschel eine Satire über eine missglückte Penisverlängerung Diekmanns verfasst, für die der Betroffene zwar kein Schmerzensgeld, wohl aber eine Unterlassungserklärung erhielt –  die er nun selbst unterlaufen hat.

Anwalt Eisenberg verlangt nun, laut „Bildblog“, dass Diekmann und Springer „keine Ansprüche mehr gegen die taz ableiten und auf das dort ausgesprochene Unterlassungsgebot verzichten und Einwände gegen die künftige Verbreitung dieses Textes durch die Mandantin nicht mehr erheben“.

Weitere Ansprüche wegen des Urheberrechts der „taz“ behält Eisenberg sich vor. Wohlgemerkt: das Recht an einem gerichtlich untersagten Text, den nun der potentiell Geschädigte selbst veröffentlicht. Es scheint, als würden Diekmann und Eisenberg ihre interessante Beziehung noch vertiefen.

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