„Man muss die Chefredakteure einbeziehen“

Gruner + Jahr-Chef Bernd Buchholz nannte jüngst das Redaktionskonzept des österreichischen Magazins "News" als mögliches Vorbild auch für deutsche Magazinredaktionen des Hauses. Bei "News" wurden mit Erfolg Titel übergreifende sogenannte Kompetenz-Ressorts eingeführt. Im Gespräch mit MEEDIA erläutert der Geschäftsführer der Verlagsgruppe News, Oliver Voigt, das Konzept und sagt, warum man Nebengeschäfte nicht links liegen lassen sollte.

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Ihr CEO Bernd Buchholz hat das Redaktionskonzept der Verlagsgruppe News als vorbildhaft für den ganzen Verlag bezeichnet. War er schon bei Ihnen und hat sich bei „News“ was abgeschaut?

Er war schon einmal im Rahmen eines normalen Arbeitsbesuches hier. Wir haben ihm erläutert, nach welchem Konzept unsere Redaktionen hier in Wien arbeiten. Das hat er wohl positiv aufgenommen. Um Ihre Anschlussfrage vorwegzunehmen: Am Ende des Tages wird unser Redaktionskonzept nur eine Anregung sein. Und es wird sicher für kein Land und keine Unit bei Gruner + Jahr ein zentrales Modell geben. Alle Chefredakteure und Verlagsgeschäftsführer müssen in ihrer Organisation maßgeschneiderte Lösungen für die Zukunft finden. Das ist die Herausforderung und zugleich die Unternehmensphilosophie von Gruner + Jahr.

Was hat Bernd Buchholz bei Ihnen gesehen? Wie ist Ihre maßgeschneiderte Lösung für die Zukunft?

Wir haben in Österreich 15 Magazine, die in verschiedenen Genres erscheinen und dazu mit „News Networld“ eine große Web-Plattform. Wir haben daran gearbeitet, vor allem in den Bereichen Bild-, Art Direktion und Grafik Synergien zu finden. Unsere große Programmzeitschrift „TV Media“ und die Web-Schwester „E-Media“ werden beispielsweise von einem gemeinsamen Chefredakteur geleitet, der sich auch einer gemeinsamen Art Direktion und Bild-Redaktion bedient. Das gleiche Prinzip haben wir jetzt seit etwas über einem Jahr auch bei unseren beiden Wirtschaftstiteln installiert. Beim monatlichen Wirtschaftsmagazin „Trend“ und beim wöchentlichen „Format“ gibt es jetzt eine gemeinsame Chefredaktion, Bild-Redaktion und Grafikabteilung. Die Text-Redaktionen von „Format“ und „Trend“ sind aber nach wie vor separat organisiert und das wird auch so bleiben.

Das ist aber noch nichts Neues. Es gibt gerade bei der Zeitschrift „News“ doch noch weitergehende Konzepte…

Ja, „News“ ist die unterhaltende Wochenillustrierte in Österreich. Hier haben der Chefredakteur Atha Athanasiadis und ich in intensivem Dialog die beiden Kompetenzressorts People sowie Style und Mode entwickelt. Das sind zwei Ressorts, die inhaltlich sehr dicht beieinander liegen. Bei der Frage, wie wir nun die Leitung dieser Ressorts besetzen, sind wir einen neuen Weg gegangen und haben die Chefredakteurin eines anderen Titels, nämlich Silvia Meister, die Chefredakteurin unserer Lifestyle-Zeitschrift „First“ gleichzeitig zur Leiterin People, Style und Mode bei „News“ gemacht. Innerhalb dieser Doppelspitze bedienen wir uns aus den Ressourcen beider Magazine. Das erweist sich als der Schlüssel dieses erfolgreichen Umbaus. Unser Learning: Wenn so etwas funktionieren soll, dann muss man es gemeinsam mit den Chefredakteuren entwickeln. So etwas ist keine zu verordnende Umstrukturierung. Das ist auch eine Frage der Einbeziehung der handelnden Personen.

Wollen Sie das Konzept ausweiten?

Wir machen uns jetzt natürlich Gedanken, wie wir die Strukturen der beiden Ressorts Politik und Wirtschaft noch optimaler aufeinander abstimmen können. Wir haben ja mit „Trend“ und „Format“ zwei Wirtschaftsmagazine, wir haben eine politische Berichterstattung mit einem großen Stellenwert. Hier überlegen wir wieder: Wie können wir die vorhandene Kompetenz von einem Blatt zusätzlich in ein anderes bringen?

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Zeitschriften ihre Identität verlieren?

Grundsätzlich lässt sich eine solche Gefahr nicht von der Hand weisen. Es braucht ebenso ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen wie auch Einfühlungsvermögen für das Profil und die Stärken des jeweiligen Medienmarktes. Man muss also genau sortieren, was man an gemeinsamen redaktionellen Kompetenzen in einen Wochentitel gibt und was ins Monatsblatt. Aber diese Differenzierungen sind gleichzeitig eine große Chance. Das funktioniert dann ähnlich wie beim Zusammenspiel zwischen Zeitschriften und Internet. Durch das Internet können wir den publizistischen Wettkampf mit den Tageszeitungen überhaupt erst aufnehmen. Wenn wir eine ganz aktuelle Geschichte haben, dann stellen wir diese mittlerweile sofort online – als Vorabveröffentlichung. Da braucht es an den Schaltzentralen in unseren Redaktionen natürlich gescheite Menschen, die so etwas steuern. Vifzacks, wie wir in Österreich sagen.

Kann so etwas prinzipiell bei jedem Titel funktionieren?

Generell sind das alles maßgeschneiderte Lösungen für unsere speziellen Bedürfnisse hier in Österreich. Was für „News“ und „First“ gut funktioniert, das muss morgen nicht zwingend auch bei „Format“ und „Trend“ funktionieren. Ich bin kein Freund von Schablonen oder Blaupausen. Man muss immer Identitäten, Eigentümlichkeiten und Historien der jeweiligen Medienmarken wie ihren Machern berücksichtigen. Und am Ende des Tages kommt es immer auf die Köpfe an. Man braucht Köpfe, die sich gegenseitig akzeptieren, respektieren und wenn sie sich noch ein Stück weit mögen, dann ist das auch nicht verkehrt. Dann arbeitet es sich leichter. Bei Special-Interest-Titeln wie „Yacht-Revue“ oder „Golf-Revue“ zum Beispiel, da kann man aufgrund ihrer grundsätzlich unterschiedlichen Themenorientierung natürlich solche strukturellen Umbaumaßnahmen nicht umsetzen.

Mussten bei „News“ in der Redaktion Widerstände überwunden werden?

Wie in allen Redaktionen nicht ungewöhnlich, gibt es immer auch den einen oder anderen Enttäuschten, der gerne selbst Ressortchef geworden wäre. Aber das hat man auch, wenn man von außen jemanden holt. Ein bisschen Skepsis gibt es immer. Aber es zeigt sich Woche für Woche, wie dadurch Geschichten besser werden. Ich würde sagen, in der Redaktion von „News“ herrscht insgesamt eine sehr interessierte Offenheit. Der redaktionelle Anspruch ist, dass es richtig gemacht wird.

Gruner + Jahr will 200 Mio. Euro noch in diesem Jahr einsparen. Wieviel muss die Verlagsgruppe News beisteuern?

Ich habe weder für 2009 noch für nächstes Jahr eine absolute Zahl genannt bekommen. Seit Jahren arbeiten wir sehr intensiv an den Strukturen und versuchen, diese zu optimieren. Da haben wir bereits viel in der Vergangenheit gemacht und haben ein klares Konzept, wie es in Wien weitergehen wird. Ich glaube, das wird in Hamburg zufriedenstellend zur Kenntnis genommen.

Haben Sie den Eindruck, in Deutschland wird intelligent gespart?

Sie meinen generell in den deutschen Verlagen? – Na ja, sowohl als auch. Ich würde eher sagen: Alle sind aufgefordert, jetzt clever und intelligent an Workflows ranzugehen. Man sollte nicht mit einer Sensen-Lösung arbeiten. Aber was in einem Land und bei einem Blatt funktioniert, muss nicht zwangsweise in einem anderen Land bei einem anderen Blatt genauso funktionieren.

Sie hatten in einem Interview mit dem „Standard“ im April angekündigt, im Online-Geschäft nach Deutschland expandieren zu wollen, u.a. mit einem „TV Media“ Web-Angebot. Was ist aus den Plänen geworden?

Sie können natürlich im Internet von Deutschland aus problemlos auf tvmedia.at gehen und sich dort ihr Fernsehprogramm zusammenstellen. Wenn Sie ihren Lieblingsstar eingeben, dann sagt ihnen unser Programm sofort, wann und auf welchem Kanal der läuft….

Jaja. Aber in dem Interview hatten Sie davon geredet, eine „.de“-Domain starten zu wollen.

Das ist richtig. Aber wir haben mit unserer tvmedia.at-Applikation derzeit keine konkrete Aktivität in Deutschland geplant.

Sie haben auch gesagt, Sie könnten sich vorstellen bei dieser Applikation mit stern.de zusammenzuarbeiten. Gab es da schon Gespräche?

Wir sind im Austausch mit den Kollegen in Hamburg. Aber das steht momentan nicht im Vordergrund. Es gibt für alle Beteiligten derzeit größere Aufgaben. Aber das holen wir bestimmt einmal nach.

Sie forcieren massiv Nebengeschäfte, von Reisen über Tickets bis hin zu Kreditkarten. In Deutschland sind die Verlage bei Nebengeschäften eher auf dem Rückzug. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat das Geschäft zurückgefahren. Die Expand-your-Brand-Strategie bei G+J wollte nicht so richtig zünden. Tickt Österreich in Sachen Nebengeschäfte anders?

Wir sind als Verlagsgruppe News in den vergangenen Jahren hier und da schräg angeschaut worden, weil wir das tun. Ich glaube aber, das war genau der richtige Weg. Heute können wir durch Nebengeschäfte Qualität in anderen Bereichen quersubventionieren. Die Erlöse aus nichtmedialen Nebengeschäften erweisen sich heute bei uns klipp und klar als Ergebnisbringer. Ich kann nur jedem empfehlen, da dran zu bleiben. Die Meister der Nebengeschäfte in Deutschland sitzen übrigens bei der „Sächsischen Zeitung“. Die sind da ganz aktiv und lassen sich kreativ viel einfallen. Das Ganze ist natürlich grundsätzlich ein sehr volatiles und schnelles Geschäft. Was im ersten und zweiten Geschäftsjahr funktioniert, kann im dritten Jahr vielleicht zusammenbrechen und im vierten gibt es das gar nicht mehr. Da muss man ständig beobachten, was gerade läuft und was nicht. Das ist ein bisschen wie im Web-Geschäft mit dem Grundsatz von „trial and error“.

Was unterscheidet die Medienmärkte Deutschland und Österreich denn voneinander, außer dass der eine größer ist?

Wir haben in Österreich das Glück, dass dieses Land sehr print- und leseaffin ist. Die Print-Reichweiten in Österreich wachsen wieder. Und das nicht nur bei uns in der Verlagsgruppe, sondern querbeet über alle Printgattungen. Wir haben ebenfalls nicht diese intensive Auseinandersetzung mit dem Privatfernsehen. Dadurch hat Print in Österreich bei den Werbe-Spendings insgesamt einen besseren Stand als in Deutschland. Ein Nachteil ist das, was bei uns als der „deutsche Overflow“ bezeichnet wird. Mit den in Deutschland produzierten und zu uns exportierten Titeln, die vor allem in West-Österreich gelesen werden, haben wir uns nachhaltig auseinander zu setzen.

Obwohl Sie selbst gebürtiger Mannheimer sind, haben sie die Deutschen mal als „ein bisschen spaßfreier“ bezeichnet. Gilt das auch für Medienmanager?

Der Österreicher hat einfach einen interessanten und sehr eigenen Zugang zum Leben. Man lässt hier die Krise einfach nicht so an sich ran, und das hilft, mit schwierigen Zeiten konstruktiv umzugehen.

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