„Sind kein klassischer TV-Produzent mehr“

Am Dienstag startete die zweite Staffel der erfolgreichen Webisode "Pietshow" bei StudiVZ. Im zweiten Teil der MEEDIA-Interviews mit den Machern erläutern Grundy UFA-Geschäftsführer Rainer Wemcken und Produzent Nico Heise das Projekt – und berichten von neuen Herausforderungen und in wiefern sich Web- und TV-Serien gegenseitig inspirieren. Für die Macher ist die Web-Koop auch ein Modellversuch: TV-Produzenten können so neue Zielgruppen erschließen und von diesen lernen.

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Vom 31. Oktober bis 12. Dezember letzten Jahres lief die erste Staffel der „Pietshow“. Sie hat drei Millionen Abrufe sowie eine Emmy-Nominierung erreicht. Wie zufrieden sind Sie mit der ersten Staffel?

Nico Heise: Der große Erfolg kam überraschend. Wir wollten uns in dem Bereich schon lange etablieren und sind den Schritt dann letztes Jahr gegangen. Wir haben das Projekt auch zu hundert Prozent selbst finanziert. Wir haben uns gedacht, wir haben eine gute Story, wir haben gute Bücher, ein interessantes Set, einen guten Cast. Dass die „Pietshow“ am Ende so ein Erfolg werden würde, haben wir selbst nicht erwartet. Das hat sich auch in der internationalen Resonanz widergespiegelt, mit Emmy-Nominierung und dem Feedback, das wir in der Fachpresse bekommen haben. Das ist ein toller Erfolg, der uns selbst umgehauen hat.

Was für Erfahrungen  haben Sie mit der ersten Staffel der „Pietshow“ gemacht?

Rainer Wemcken: Dass es funktioniert – sowohl unser Produktionskonzept als auch die Serie selbst beim Zuschauer. Wir haben mit einem vergleichsweise geringen Budget und Personaleinsatz eine hervorragende Serie produziert, die sich trotzdem ganz klar von Low- oder No-Budgetproduktionen abhebt. Und wir haben – kein blindes, aber trotzdem ein generelles Vertrauen in virales Marketing gefunden. Bei der ersten Staffel gab es kaum Werbung, kaum Berichterstattung in der Programmpresse. Trotzdem hat es sich „rumgesprochen“, und mit dem Start kamen minütlich neue Zuschauer hinzu.  

Nico Heise:
Wir haben damals nur mit studiVZ zusammen gearbeitet, 3min. kommt erst jetzt hinzu. Um die Folgen sehen zu können, musste man einer Gruppe beitreten. Da gab es sehr, sehr schnell einen harten Kern von 40.000 Usern, die dort sehr rege über die „Pietshow“ kommuniziert haben. Über das Jahr, das inzwischen vergangen ist, hat sich immer noch eine große Zahl gehalten. Die Gruppe ist noch immer aktiv und wird jetzt auch langsam wieder von uns bespielt, um sie auf die zweite Staffel vorzubereiten.

Ab dem 20. Oktober ist auf studiVZ/mein VZ und auf 3min. die zweite Staffel der „Pietshow“ abrufbar. Was wird anders sein als in der ersten Staffel?

Nico Heise: Damals gab es 15 Folgen, von denen zwei pro Woche ausgestrahlt wurden. In der zweiten Staffel sind es 20 Folgen. Was wir mit der zweiten Staffel noch besser machen wollen, ist, da noch eine Schippe drauf zu legen und zwar in jeder Hinsicht, sowohl erzählerisch – was immer nicht ganz einfach ist, weil Online ein anderes Medium ist und man erst mal herausfinden muss: Wie reagieren die User? Aber auch, was die Interaktion mit der Community angeht. Es wird wieder einen Blog geben, der bespielt werden wird. Wir versuchen, den Rückkanal  sehr intensiv zu nutzen.

Worin sehen Sie bei der zweiten Staffel der „Pietshow“ die Herausforderung?

Nico Heise: In der zweiten Staffel versuchen wir in einem größeren Bogen zu erzählen, so dass der rote Faden von der ersten bis zur letzten Folge klarer wird. Im Fernsehen ist das gelernt: Ich schalte – beispielsweise GZSZ – um 19.40 Uhr ein, und ich erwarte, dass am nächsten Tag die nächste Folge kommt. Aber ist das im Online-Bereich genauso? Großes Fragezeichen! Wie kann man lang laufende Marken/Brands im Internet genauso wie im Fernsehen etablieren? Muss es einen harten Cliff geben, oder brauchen wir wirklich einen ganz starken roten Faden, der die Leute bei der Stange hält und darauf fiebern lässt, dass die nächste Folge kommt? Oder zählen mehr die Einzel-Clips, die lustig oder krass sind oder was auch immer, und die User sind gar nicht daran interessiert, den großen Bogen zu sehen?


Welche Rolle spielt der Partizipationsfaktor?

Rainer Wemcken: Für die Pietshow spielt Interaktivität eine große Rolle, weil die Serie auf eine junge, sehr online-affine Zielgruppe zugeschnitten ist. Das sind User, die sich nicht nur unterhalten lassen, sondern auch mitmachen, miträtseln aber auch kritisieren wollen. Zur ersten Staffel der Pietshow gab es ja auch neben den Fangruppen einige Hassgruppen. Das ist für uns – als Produzent – natürlich ein unbezahlbares Feedback, das wir so direkt im Fernsehen beispielsweise nicht haben. Die Pietshow ist mit ihren zahlreichen Metaebenen und Anspielungen auch eine Serie, bei der es sehr hilfreich für den Zuschauer ist, sich Szenen noch mal anschauen und mit anderen Usern diskutieren zu können.

Grundy UFA ist von Haus aus eine TV-Produktionsfirma. Welche Bedeutung haben für Ihr Unternehmen Web-Serien wie die „Pietshow“?


Rainer Wemcken:
Unser Ziel ist, uns auch im Web langfristig zu etablieren und dort ein Geschäftsmodell aufzubauen. Wir versuchen, TV-Serien aufs Web zu übertragen, Plätze zu besetzen und zu zeigen, dass wir auch fürs Internet produzieren können. Egal, ob das eine Plattform wie StudiVZ oder später mal die Industrie ist.

Nico Heise:
Als klassischer TV-Produzent betrachten wir uns schon lange nicht mehr. Wir erzählen Geschichten überall dort, wo unsere Geschichten gefragt sind. Viele User, gerade junge, bewegen sich im Netz. Dann ist es eigentlich zwangsläufig, dass wir mit unseren Geschichten auch dahin gehen. Die „Pietshow“ ist ja auch nur ein Beispiel für eine originäre Serie, die wir dort stattfinden lassen. Denn das ist das übergeordnete Interesse: Wenn sich Zielgruppen/Zuschauergruppen auf anderen Medien und dort entweder auch oder fast nur in einer bestimmten Altersgruppe bewegen, dann müssen wir uns darum kümmern, dass unsere Geschichten dort auch stattfinden.

War die „Pietshow“ eine Auftragsproduktion?

Rainer Wemcken: Nein. Die Pietshow ist erster Linie eine Kooperation und ein Projekt, anhand dessen wir viel lernen können

Können Sie die Erfahrungen, die Sie mit der „Pietshow“ machen, für Ihre TV-Serien verwerten?

Nico Heise: Ja, in jeglicher Hinsicht. Da befruchten sich beide Bereiche gegenseitig. Wir haben natürlich viel von unseren Erfahrungen aus der industriellen Serienproduktion in die Pietshow einfließen lassen. Gleichzeitig haben wir bei der Onlineproduktion eine Menge getestet, was wir nun auch in unseren TV-Produktionen anwenden. Außerdem  lernen wir von der „Pietshow“ für die Online-Auftritte unserer TV-Serien. Und von diesen Online-Auftritten unserer Serien lernen wir für die „Pietshow“.

Rainer Wemcken: Das haben wir schon bei allen Soaps gemacht: Geschichten fangen im Internet an und werden im Fernsehen fortgeführt.

Das heißt, Sie produzieren für Ihre Fernsehserien exklusive Bewegtbild-Inhalte fürs Internet?

Nico Heise: Bei „Unter Uns“ haben wir beispielsweise zwei neue Charaktere zunächst im Internet in einer Art Prequel eingeführt und erst später in der TV-Serie auftauchen lassen.

Auf welche Erfahrungen mit dem Internet können Sie zurückgreifen?

Nico Heise: Wir waren die Ersten, die – mit GZSZ.de 2000/2001 – ganz konsequent auf das Internet gesetzt haben. Wir waren die erste und größte Jugend-Community. Dieser Vorsprung ist kontinuierlich ausgebaut worden. Und es hat ja in der Zwischenzeit einen technischen Quantensprung gegeben, so dass  Bewegtbild-Inhalte jetzt ohne Ruckelbilder und lange Buffer-Zeiten abrufbar sind. Und seitdem sind auf unseren Serien-begleitenden Web-Sites auch viel mehr Bewegtbild-Inhalte gefragt und zwar sowohl fiktional als auch non-fiktional. Behind-the-scenes-Geschichten, aber auch Geschichten, die wir richtig erzählen und die zur Serie hinführen oder weiterführen und ergänzen. Bei „Unter uns“ gab es mal eine Krimi-Woche, die Sie auch noch online finden, bei der in der Serie selbst ein Fall erzählt wurde und die Zuschauer den online mit lösen konnten.

Haben Sie noch andere Formen der Vernetzung zwischen TV und Online ausprobiert?

Nico Heise: Bei „Alles was zählt“ haben wir ein Alternate Reality Game, ein ARG,  durchgeführt, indem wir im Internet ohne jeden Bezug zur Serie einen Suchaufruf gestartet haben, bei dem ein Mädchen verschwunden ist. Nach einer Weile  tauchten dann das Mädchen und ihr Verfolger, der Stalker, in der Serie „Alles was zählt“ auf. Die Suche lief lange Zeit nur im Internet, ohne dass man wusste, womit das eigentlich zu tun hat. Und dann fand das im Fernsehen seine Fortsetzung. Solche Online-Geschichten mit Bewegtbild produzieren wir seit jetzt zweieinhalb/drei Jahren.

Welche Bedeutung haben Social Networkts als Partner für die TV-Branche?

Nico Heise: Ich glaube, gerade Fernsehsender und natürlich auch die Produzenten, die die Inhalte dafür produzieren, werden sich auf das neue Mediennutzungsverhalten einstellen müssen. Was wir jetzt sehen, ist, dass Inhalte interaktiv konsumiert werden. Und dass es diese Riesen-Netzwerke gibt, auf denen Leute sich austauschen und gegenseitig Inhalte zuschicken und auch selbst Inhalte kreieren. Um auf diese Herausforderung zu reagieren, haben alle großen Fernsehgruppen, unter anderem die RTL Group, zu der wir ja auch gehören, auf solche Networks gesetzt. Das sehr erfolgreiche Netzwerk wer-kennt-wen gehört ja zur RTL-Online-Familie. Wer-kennt-wen ist stärker gewachsen als Facebook und hat mit 6,2 Millionen User sogar studiVZ überholt.

Rainer Wemcken:
Ja, es wird sich sicherlich einiges verändern. Aber niemand weiß genau was und wie. Insofern bin ich dafür einiges zu probieren, möchte aber auch nicht jeder Sau, die durchs Dorf gejagt wird, hinterher rennen. Heute twittern alle, gestern war es noch Secondlife. Wie und mit welcher Bedeutung sich Social Networks etablieren werden – und vor allem wie viele es am Ende sein werden – müssen wir erstmal abwarten.

In wiefern sind Social Networks für Sie attraktiv?

Nico Heise:
Die Reichweite ist da ganz wichtig. Auf den Social Networks tummeln sich sehr viele junge Leute. Ob sie so Inhalte-affin sind, das wird sich überhaupt noch zeigen, denn die sind ja eigentlich eher gewohnt, darüber zu kommunizieren. Dass da jetzt professionell produzierte Video-Serien abrufbar sind, muss erst noch gelernt werden.

In wiefern unterscheidet sich die Dramaturgie von Web-Serien wie der „Pietshow“ von der von Fernsehserien? Und wie werden Web-Serien rezipiert?

Rainer Wemcken: Die einzelnen Clips sind kürzer, und für die User gibt es mehr zu entdecken. Einige User gucken die Folgen häufiger, was ja einfach möglich ist, da sie die ganze Zeit abrufbar sind. Die „Pietshow“ zieht einen als User stärker rein, und das erwartet man von dem Medium auch. Kaum ein User wird bügeln, während er die „Pietshow“ guckt. Man ist einfach stärker involviert. Fernsehen ist ein anderes Medium. Da lehne ich mich zurück, da kann ich mit der Fernbedienung wählen, was ich will. Aber ich will niemandem mitteilen, was ich an der Sendung, die ich gerade gucke, gut finde. Ich glaube, diese kleinen Clips laden einfach mehr dazu ein, sich mitzuteilen und aktiver zu sein. Was man im Fernsehen als normal empfindet, empfindet man im Internet als langweilig. Insofern muss die „Pietshow“ anders sein. Das erwarte selbst ich. Internet-Bewegtbildinhalte müssen gedrängter sein. Je größer das Medium, desto eher werden stille Momente akzeptiert.

Können Sie sich denn vorstellen, dass die „Pietshow“ in geänderter Form auch im Fernsehen zu sehen ist?

Rainer Wemcken: Um ins Fernsehen zu kommen, muss es im Netz knallen. Ich glaube, das ist eher das Problem, dass die Formate im Internet so spitz sein müssen, dass bestimmte Leute sagen: Genau das will ich auch sehen.

Gibt es etwas, das Plattformen wie studiVZ besser können als TV-Sender? Oder werden sie durch die Bewegtbild-Inhalte zur reinen Abspielplattformen?

Nico Heise: Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das eine ist ein Massenmedium, das sich darauf beschränkt, Bewegtbild zu zeigen, das andere ist im wesentlichen eine Plattform, über die ich kommuniziere und die eigentlich gar nicht auf Bewegtbild ausgerichtet ist. Der einzige Grund, weshalb studiVZ Serien wie die „Pietshow“ zeigt, ist, dass sie ihre Community ständig mit neuen Kommunikationsanlässen füttern müssen – da muss was passieren, damit die User auch was haben, worüber sie reden können.

Mit „Zwischen den Stunden“ haben Sie 2000 die erste Bewegtbild-Web-Soap im deutschen Internet gestartet. Was haben Sie daraus gelernt, und wieso haben Web-Serien damals noch nicht funktioniert?

Rainer Wemcken: Das hatte vor allem technische Gründe. Wir waren damals zu schnell. Man muss zur richtigen Zeit da sein. Man kann aus allem im Internet lernen. Damals waren die technischen Voraussetzungen beim User vielfach noch nicht gegeben. Die Mehrheit surfte damals noch per Modem durchs Netz. Darüber hinaus war Video im Internet noch kein populäres Thema. Das hat sich erst mit Seiten wie Youtube etc. durchgesetzt.  

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