“Bei der ARD sind keine besseren Menschen”

Fernsehen Im dritten und letzten Teil des großen MEEDIA-Gesprächs mit ARD-Chef und SWR-Intendant Peter Boudgoust geht es um die Skandale, die die ARD erschüttert haben. Der jüngste und einer der schwerwiegendsten ist der Fall Doris Heinze, bei dem die ehemalige Fernsehspielchefin des NDR über Jahre hinweg eigene Drehbücher unter Pseudonym sich selbst genehmigt hat. Unvergessen sind aber auch die Selbstbedienung des ehemaligen HR-Sportchefs Jürgen Emig und der Schleichwerbeskandal bei der ARD-Soap "Marienhof".

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Sie haben in der “Heilbronner Stimme” kategorisch ausgeschlossen, dass so etwas wie der Fall Heinze beim SWR vorkommen könnte. Wie können Sie da sicher sein?

Wir haben alle Beteiligten bei uns im Hause befragt, sind interne Abläufe strikt durchgegangen, haben ein umfangreiches Regelwerk zur Korruptionsbekämpfung erlassen und beispielsweise einen unabhängigen Ombudsmann für Beschwerden, die man auch anonym abgeben kann. Es gibt keinerlei Hinweise, dass so etwas wie der Fall Heinze beim SWR vorkommen könnte. Es gehört aber auch zu meiner Überzeugung, dass man rein theoretisch derartige Fälle niemals hundertprozentig ausschließen kann. Wenn jemand mit entsprechender krimineller Energie und Raffinesse vorgeht, kann es passieren, dass der Arbeitgeber hintergangen wird. Nach menschlichem Ermessen können wir beim SWR so etwas aber ausschließen. Mehr geht nicht, wenn man den Sender nicht in eine Art Überwachungsregime verwandeln will.

Lutz Marmor, der NDR-Intendant, hätte das für seinen Sender vor dem Fall Heinze sicher auch in Anspruch genommen. Trotz der Aussagen, dass es sich um Einzelfälle handelt, kommt es immer wieder in öffentlich-rechtlichen Sendern zu spektakulären Verfehlungen. Es gab ja auch den Marienhof-Schleichwerbe-Skandal, den Fall Emig beim HR und den Fall Mohren beim MDR, Hagen Boßdorf und seine Stasi-Vergangenheit und kommerzielle Verstrickungen, im ZDF Andrea Kiewel mit ihrer Schleichwerbung. Bringt das öffentliche-rechtliche System die Gier im Menschen besonders eindrucksvoll zutage?

Nein. Bei ARD und ZDF verstehen wir uns aber nicht als die besseren Menschen. Ein Großteil der bekannt gewordenen Fälle ist im übrigen von den öffentlich-rechtlichen Sendern selbst aufgedeckt worden…

Na ja… Der Fall “Marienhof” wurde nach jahrelanger Recherche von “epd medien” aufgedeckt, der Fall Heinze im Wesentlichen von der “Süddeutschen Zeitung”…

Das ist völlig korrekt. Doch ich glaube, Fälle dieser Art gibt es überall, das gehört zu einer realistischen Betrachtung der Welt dazu. Bei ARD und ZDF werden solche Fälle aber weitaus stärker beachtet, da wird dann lange in den Medienspalten der Zeitungen darüber debattiert. Das ist auch in Ordnung, aber es verwischt ein bisschen die Dimension des Ganzen. Anders ausgedrückt: Es erweckt den Eindruck, so etwas sei gang und gäbe. Die Fälle, die Sie aufgezählt haben, haben sich über einen Zeitraum von sechs bis acht Jahren hingezogen, und zwar in einem System mit sehr vielen Sendern und sehr vielen Mitarbeitern. Da ist nicht der Schluss gerechtfertigt, das sei ein Alltagsphänomen. Ganz im Gegenteil. Ich kenne den SWR schon seit vielen Jahren und mir ist so etwas noch nie begegnet. Gerade weil wir ein öffentlich rechtliches System sind, unterliegen wir sehr vielen internen und externen Prüfungen. Alle Jahre wieder sind die Rechnungshöfe von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg hier vor Ort, die uns intensiv prüfen. Wir haben interne Wirtschaftsprüfer, wir bekommen Besuch von Betriebsprüfern, haben eine interne Revision. Wir sind eines der meistgeprüften Systeme der Welt. Aber wo viel geprüft wird, bleibt eben auch einiges im Netz hängen.

Warum gibt es generell so wenig Transparenz? Wieso wird nicht an zentraler Stelle im Internet veröffentlicht, wofür genau die Gebührengelder verwendet werden?

Das wird schon aufgeschlüsselt. Alle Rundfunkanstalten veröffentlichen ihre Jahresabschlüsse. Außerdem schaut die KEF genau hin. Aber das sind sehr komplizierte Verfahren. Am Schluss sind das mehrere Leitz-Ordner, die mit Berechnungen und Erläuterungen ausgefüllt werden.

Als der ehemalige ARD-Programmdirektor Günter Struve zurücktrat, gab es einige Kritik, dass er einen attraktiven Posten in Los Angeles übernehmen durfte. Was macht Herr Struve in Kalifornien eigentlich genau für die ARD?

Er beobachtet Trends und Entwicklungen für die ARD auf dem amerikanischen Fernsehmarkt. Er ist als Berater beim Rechte-Erwerb für unsere gemeinsame Tochterfirma Degeto, Telepool und die ARD tätig. Wir haben da ein gemeinsames Verbindungsbüro . Man muss bedenken, dass er ohnehin dort seinen Wohnsitz hat und für die ARD ist es gut und günstig, einen so profunden Kenner der Fernsehszene sowohl Deutschlands als auch der USA dort zu beschäftigen.

Aber er fliegt dann auf Senderkosten auch noch ein bisschen hin und her, wenn er beim MDR die Talkshow “Riverboat” moderiert…

Das ist dann eine Frage des MDR. Solange der MDR der Meinung ist, dass er dort eine vernünftige Moderation macht, kann er ihn beschäftigen. Ich persönlich habe keine Kenntnis, wer diese Reisen bezahlt.

Verstehen Sie denn, dass so etwas Kritik provoziert?

Ich kann es nachvollziehen, wenn man sich anschaut, was in den Zeitungen und Online-Journalen steht. Wenn man sich genauer mit der Materie beschäftigt, wird man sehen, dass das eine ganz preiswerte und vernünftige Lösung ist, denn er kann zu ganz anderen Konditionen für uns tätig werden als jemand, der eigens dort installiert wird.

Wünschen Sie sich manchmal den Sendeschluss zurück?

Das ist eine theoretische Frage. Man kann die Zeit nicht mehr zurückzudrehen. Wir sollten eher darüber nachdenken, ob wir nicht mehr Erziehung hin zu mehr Medienkompetenz brauchen. Die Frage ist doch, wie souverän geht man mit der Vielfalt der Angebote in der elektronischen Medienwelt um? Ich bin da übrigens ganz pragmatisch: Es gibt eine Fernbedienung und es steht jedem frei, die zu bedienen und den Kasten auch mal auszuschalten.

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