Von „Beef! zu „Cannibal Holocaust“

Gruners Männerkochmagazin "Beef!" leistete sich mit einem zum Spaß massakrierten Kaninchen die geschmackliche Entgleisung der Woche und weckt Erinnerungen an Tier-Snuff-Szenen im 80er-Jahre-Horrorstreifen "Cannibal Holocaust". Die "Landlust" enteilt derweil in der Auflagenhöhe irdischen Sphären und stellt schon wieder einen Rekord auf. Die RTLGroup macht weiträumig Sendeplätze für die Trauerarbeit zum Tod von Reinhard Mohn frei und beim "Focus" macht man sich Gedanken um die Zeit nach Helmut Markwort.

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Fast könnte einem Gruner + Jahr Leid tun. Da läuft es gerade generell nicht ganz so gut, dann unternimmt der Verlag einige Anstrengungen und bringt gleich drei neue Titel auf einmal (wenn auch nur als One-Shots) und dann das: „Beef!“, „Gala Men“ und „Business Punk“ haben in vielen Kritiken ordentlich Prügel bezogen. Die Schmähungen gipfelten in der Aussage des Spiegel-Online-Kritikers Christoph Twickel, dass die „in den Heften herbeiphantasierten Kerle“ hoffentlich nirgendwo frei rumlaufen. Zu „Business Punk“ und „Gala Men“ sollen hier keine weiteren Worten verloren werden. Aber bei „Beef !“ bleibt einem doch das Bild mit dem offenbar extra fürs Heft getöteten Kaninchen im Kopf hängen. Es stört gar nicht die Tatsache, dass man Tiere tötet, um sie hinterher zu essen. Das Schnitzel muss schließlich irgendwie auf den Teller. Aber die Art und Weise, wie das Sterben der Kreatur in einem Hochglanz-Heft für preiswerte Possen im wahrsten Wortsinneausgeschlachtet wird, ist schlicht verstörend. Kommentare wie „Kopfüber ins Vergnügen“ und, noch abgeschmackter, „runter mit dem Pelz“ wirken deplatziert, um das Mindeste zu sagen. Im Jahr 1980 hab es mal ein Riesen-Buhei, weil der Kannibalen-Schocker „Cannibal Holocaust“ echte Tier-Tötungen zeigte (u.a. einer Schildkröte). Die Szenen lösten damals eine Diskussion aus, ob man Tiere für ein Unterhaltungsprodukt zu billigen Schauzwecken töten darf. Die Macher des Films erklärten, dass alle getöteten Tiere im Anschluss verzehrt wurden, der Tod also nicht „sinnlos“ gewesen sei. Beim toten „Beef!“-Karnickel regt sich heute keiner mehr auf. Hoffentlich wurde das Tier nach der Heftproduktion auch verspeist. Ein übler Nachgeschmack bleibt.

Man traut es sich fast kaum noch zu schreiben: Schon wieder ein Auflagenrekord für die „Landlust“. Nun ist aber auch langsam mal gut, möchte man meinen, aber nein: „Landlust“ steigt und steigt und steigt. Im dritten Quartal waren das 45 Prozent Plus auf fast 550.000 verkaufte Exemplare. Dabei liegt schon der Verdacht nahe, dass bei weitem nicht alle Käufer des Magazins aus dem Landwirtschaftsverlag Münster auf dem Land leben und aktiv der Landlust frönen. Aber egal: Selbst wenn Städter sich das Ding nur kaufen, um es daheim auf dem gläsernen Wohnzimmertisch zu drapieren oder es im Cayenne auf der Kö spazieren zu fahren – gekauft wird das Heft, und das ist das Entscheidende. Mal sehen, wie sich die eher lauten und furchtbar aufgekratzt daherkommenden neuen Gruner-Hefte bei der Auflage so schlagen. Bis zum Auflagen-Orbit der „Landlust“ ist es ein weiter Weg.

Die Trauerfeier für Reinhard Mohn wird durch die familieneigenen TV-Sender zum Staatsereignis. n-tv übertrug die offizielle Trauerfeier am Freitag fast zwei Stunden lang aus der Stadthalle von Gütersloh live. Außerdem strahlt der Kanal Sondersendungen aus. RTL zeigt am 18. Oktober den einstündigen Film „Reinhard Mohn – Es müssen mehr Köpfe ans Denken kommen“, der mit Star-Aufgebot („Seewolf“ Sebastian Koch als Reinhard Mohn) eigentlich zum 85. Geburtstag des Patriarchen gedreht und bisher nur einmal intern vor Managern gezeigt wurde. Und damit das auch wirklich jeder mitkriegt, wiederholt n-tv den Film nochmal am 19. und 20. Oktober. Würdigung einer Unternehmer-Legende.

Nun soll beim „Focus“ also ein Betriebsrat gegründet werden. Da muss man schon mal kräftig schlucken. Das Einladungsschreiben der drei „Focus“-Kollegen zu einer Betriebsversammlung mit selbigem Ziel ist schon bemerkenswert. Es ist das erste Dokument, das einem schwarz-auf-weiß das Unvermeidliche vor Augen führt: Die Ära Helmut Markwort beim „Focus“ muss irgendwann enden. Auch wenn Markwort immer noch fit und voller Saft und Kraft ist, sein Blatt ist es schon länger nicht mehr. Die Auflage sinkt beträchtlich, und zwar nicht nur wegen der zurückgefahrenen Sonderverkäufe etc. Die Arbeitsgruppe, die unter Markworts Ägide den „Focus“ kurz vor seinem Abtritt noch schnell neu erfinden soll, hört mittlerweile auf den Namen Meta. Es wird hochspannend, wie sich der „Focus “ 2010 entwickeln wird. Zunächst einmal muss sich zeigen, ob die Redaktion tatsächlich die Kraft hat, von innen heraus frischen Wind in den Laden zu bringen. Nicht ganz einfach. Und dann wird man sehen, was passiert, wenn Markworts Vertrag Ende 2010 ausläuft. Bleibt er Herausgeber, kann sein Nachfolger, wer immer es auch sein wird, nur verlieren.

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