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Niiu – warum die Ich-Zeitung floppen wird

Am 16. November geht Niiu an den Start. Eine personalisierte Tageszeitung von einem Berliner Startup, gegründet von Hendrik Tiedemann (27) und Wanja Sören Oberhof (23). Das Prinzip: Man sucht sich online aus zahlreichen Zeitungen, Blogs und Online-Diensten, wie Facebook, seine Favoriten und bekommt dann nach bestimmten Filtern am nächsten Morgen eine auf den persönlichen Geschmack abgestimmte, gedruckte Tageszeitung ins Haus geliefert. Dabei gibt es aber beträchtliche technische Hürden und konzeptionelle Ungereimtheiten.

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Am 16. November geht Niiu an den Start. Eine personalisierte Tageszeitung von einem Berliner Startup, gegründet von Hendrik Tiedemann (27) und Wanja Sören Oberhof (23). Das Prinzip: Man sucht sich online aus zahlreichen Zeitungen, Blogs und Online-Diensten, wie Facebook, seine Favoriten und bekommt dann nach bestimmten Filtern am nächsten Morgen eine auf den persönlichen Geschmack abgestimmte, gedruckte Tageszeitung ins Haus geliefert. Dabei gibt es aber beträchtliche technische Hürden und konzeptionelle Ungereimtheiten.

Finanziert werden soll der Spaß über denCopypreis, 1,80 Euro pro Ausgabe, und zielgruppenspezifischen Anzeigen.

Als ich von Niiu zum ersten Mal hörte, dachte ich sogleich: wird niemals funktionieren! Zunächst einmal sind die Artikel und Blog-Beiträge genau wie bei einer konventionellen Tageszeitungen mindestens einen Tag alt, zum anderen fehlt die Auswahl der Redaktion, die einem auch Inhalte abseits der vorgefilterten eigenen Interessen zuGemüte führt und drittens fehlt die Interaktivität aus Links und Kommentaren, die gerade bei Blogs und Web2.0-Diensten einen beträchtlichen Teil des Reizes ausmachen. Ulrike Langer argumentiert in ihrem Blog Medial Digital ganz ähnlich.

Dann aber habe ich in der Pressemappe der Niiu-Jungs (hier das PDF zum Download) den fiktiven Tagesablauf des typischen Niiu-Lesers (Jura-Student Tom, 24) gelesen, so wie ihn sich die Macher vorstellen. Mal abgesehen davon, dass dieser Tom wie ein unsympathischer Karriere-Fuzzi aussieht, der seine Augenbrauen mit dem Edding-Stift nachzieht – folgende Passage aus dem Tagesablauf brachte mich zum nachdenken:

„Wirtschaft ist ja nicht alles. Wo bleibt die Vielfalt? Tom will wissen, was in den Berliner Kinos läuft und welcher Club neu eröffnet. Dafür bräuchte er den Tagesspiegel. Und eine Bild obendrauf – würde er nur dafür nicht kaufen, aber die Post von Wagner ist lustig. Und jetzt? Ab ins Internet. Noch fix MarkusBeckedahls Einschätzungen zur aktuellen politischen Misere lesen und die Ergebnisse seines Heimatfußball-Vereins checken. Tom schaut auf die Uhr, das Hochfahren nervt. Und gleich muss er das Ding wieder einpacken…“

Stimmt eigentlich. Wäre doch schon toll, wenn man die besten Sachen aus dem RSS-Reader ausgedruckt zum Frühstück lesen könnte ohne den Computer hoch- und runterzufahren. Dann läuft man auch nicht Gefahr, den O-Saft über dem MacBook auszuleeren. Und wen schert es, wenn das Zeug vom Vortag ist? Man kann den Filter doch bestimmt so einstellen, dass die Inhalte, die man aktuell online lesen will, weggelassen werden. Also mal ausprobieren, wie das so geht mitNiiu, der personalisierten Tageszeitung. Website angesteuert und, aha, man kann eine kostenlose Probeausgabe bestellen. Aber leider nur in Berlin. Es gibt von Niiu zwar keine verbindlichen Aussagen über die Zustellung, man kann aber vermuten, dass OHL es in Berlin anderen Großstädten hinbekommt, die personalisierte Tageszeitung früh zu liefern. Aber in Rest-Deutschland? Da kommt dann die gute alte Post zum Zuge. Und die liefert in manchen Gegenden erst nachmittags aus. Wenn es gut läuft, klappt die Post-Zustellung zum zweiten Frühstück oder zum Mittagessen. Bisschen spät für die Zeitungs-Lektüre zum Frühstück.

Der Hauptgrund, warum Niiu also scheitern wird, ist meiner Meinung nach das verflixte alte Vertriebsproblem. Ohne Zustellernetz wird es unmöglich sein, die Zeitung früh genug flächendeckend zu den Lesern zu transportieren. Und ein engmaschiges Vertriebsnetz aufzubauen, wie die großen und regionalen Tageszeitungen, das dürfte für Niiu schlicht zu teuer werden. Und ob der Markt in Berlin und ein paar anderen Großstädten ausreicht, darf doch sehr bezweifelt werden. Dann kann ich gleich ein lokales Projekt daraus machen.

Der oben genannte Grund, dass Niiu die Selektionsleistung der Zeitungsredaktion auf den Leser abwälzt, sehe ich auch nach wie vor als weiteren, schwer wiegenden Nachteil. Das Web hat mit seinen Filtern und Feeds unbestreitbare Vorteile. Der eine große Vorteil der konventionellen Zeitung aber ist, dass mir hier eine Redaktion ein Inhalte-Bouquet zusammenstellt. Ich kann und will gar nicht alles lesen, was in der dicken „FAZ“ drinsteht. Aber oft stolpere ich beim Durchblättern auf Themen oder Artikel, die ich über einen Filter nie gefunden hätte. Weil ich schlicht noch gar nicht wusste, dass mich das interessiert!

Zeitungen und Web-Angebote funktionieren also auf unterschiedliche Weise, sowohl in der Herstellung, im Vertrieb und in der Rezeption durch den Leser. Zeitungen bewegen sich zudem in der schwerfälligen undteuren Welt der Atome. Web -Inhalte bewegen sich in der schnellen, flexiblen und kostengünstigen Welt der Bits und Daten. In beiden Welten gelten fundamental andere Gesetze. Niiu versucht, mit den Mitteln der digitalen Welt in der Welt der Atome zu bestehen. Damit werden die jungen Macher genauso scheitern, wie die alten Verlage, die versuchen, das Web mit ihrer Druckerpressen-Mentalität zu erobern.

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