MEEDIA-Gastkommentar: Krieg den Kraken

Das "Internet-Manifest" sorgt weiter für Diskussionen. Nachdem Blogger und bekannte Web-Größen in 17 Thesen formulierten, "wie Journalismus heute funktioniert", ernteten sie nicht nur Zuspruch. Das Manifest wurde u.a. kritisiert, weil es eine Antwort schuldig bleibe, wie journalistische Websites profitabel betrieben werden sollen. Dirk Koch, langjähriger "Spiegel"-Redakteur und MEEDIA-Gastkommentator, kritisiert das Manifest aus Print-Sicht und gibt der Replik recht, die WAZ-Chef Bodo Hombach kürzlich äußerte.

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WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach hat den „Internet-Anarchos“ einen vor den Latz gegeben. Empor gerissen von der „Thermik ihres eigenen heißen Atems“, würden die in ihren Manifesten das Produkt zum Souverän machen, der Mensch solle sich gefälligst heraushalten.  „Wieso eigentlich sollen Urheberrechte plötzlich nicht mehr gelten“, fragt Hombach,  „nur weil man sie massenhaft verletzen kann?“

Die Autoren beispielsweise  eines “Internet- Manifestes der 17 Thesen – wie Journalismus heute funktioniert“ machen Hombach das Urteil leicht: „arglos und kenntnisarm“. Sie gehören offenkundig nicht zu den hellsten Köpfen der Generation Wikipedia.

Sie schreiben in These 8: „Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Referenzen durch Verlinkung und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.“

In These 13 schreiben sie das genaue Gegenteil: „Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz.“ Das soll der neue Journalismus von heute sein?

Wie steht es um die hellen Köpfe bei den Zeitungsverlegern? Auch nicht so dolle.

Sie waren es doch, die der Anarchie, die Hombach beklagt, Tür und Tor geöffnet haben ( Hombach war damals nicht dabei, er war Politiker, kein Verleger). Sie haben doch damit angefangen, all das, was die von ihnen bezahlten Redakteure erarbeitet hatten, kostenfrei ins neue Medium zu stellen. Kostenfrei für die Leser und kostenfrei für die professionellen Informationssammler. Für die Daten-Kraken wie Google oder Newser, die für die unbezahlte Leistung anderer Leute bei der Werbewirtschaft abkassieren. Es war und ist, als würden die Verleger ihren Feinden, die sie in ihrer Existenz bedrohen, die Munition frei Haus liefern.

Warum man überhaupt angefangen hat, das zu tun, darauf weiß man heute keine rechte Antwort. Man fasst sich an die Stirn und sagt, weil es schick war; man zieht die Schultern hoch: weil es die anderen auch getan haben.

Die Hilflosigkeit dauert an. Wie gelähmt nehmen die Verleger als Grundgesetz des Internet hin: Für seine Leistung kann man nichts verlangen und man kann keinen daran hindern, die Leistung anderer auszunutzen und daran zu verdienen.
Dieses  Grundgesetz ist kein Grundgesetz. Es ist Unsinn. Einzelne Verleger lehnen sich auf. Hombach sagt seit längerem: Bezahlinhalte seien keine Sünde wider die Freiheit des Internet. Jetzt auch Konstantin Neven DuMont. Der Verleger im drittgrößten Zeitungshaus Deutschlands hofft, womöglich schon von 2010 an auf eigene Faust losschlagen zu können und nur den Vorspann noch kostenlos anzubieten. Wer den ganzen Artikel lesen möchte, soll mit der Telefonabrechnung dafür zahlen.  

Stammt der Einfall aus dem Lehrbuch “Wie vergraule ich ganz sicher meine Leser und Werbekunden“? Könnte man meinen, auf den ersten Blick. Aber ganz daneben liegt Neven DuMont nicht, ganz sicher.

Mark Cuban, ein Amerikaner, der sich sehr reich, nicht dumm und dämlich, verdient hat im Internet, macht den Verleger einen anderen, einen vielleicht besseren Vorschlag: „Erklärt den Schmarotzern den Krieg!“ Die Verleger sollten, empfiehlt Cuban, den Informationssammlern den Zugang zu den eigenen Seiten im Web sperren. Ein kleines bisschen Software, ein Code würde reichen. Und den Datenkraken würde das Weiterleiten ihrer Kunden, die „Verlinkung“, wie die Manifesteure schreiben, auf die kostenlosen Original-Websites der Zeitungen verwehrt.
Cuban: „Wenn die Datenraffer nicht mehr zu den Geschichten anderer Leute hin verbinden können, sterben sie.“ Die Anzeigenwirtschaft werde dann nicht mehr bei den Aggregatoren inserieren. Wenn keine Interessenten die Kraken mehr anklicken, weil die sie nicht weiterleiten können, was soll dann dort noch Werbung? Klingt, als könnte es klappen.
Ein anderer Vorschlag, auch aus den USA: Die Verleger sollten die Zugänge für die Aggregatoren nicht blockieren. Deren Kunden sollten sich aber vor jedem „link“ ein Stück Werbung ansehen müssen. 15 Sekunden lang etwa, ablesbar an einem Sekundenzähler, zugunsten der Verleger. Könnte  hochkarätige Werbung anziehen. Oder auf die Originalseiten umsteuern. Der direkte Zugang zu den Originalseiten sollte weiterhin möglich bleiben, ohne Werbe-Warteschleife.
Alle diese Vorschläge können den Print-Veteranen nur weiter helfen, wenn alle mitmachen. Alle Verleger. Wirklich alle. Verleger Dirk Ippen, der Herr über 20 Regional- und Lokalzeitungen in Deutschland, will nicht mitmachen, empfiehlt, „nicht gegen Google zu wetten“. Er nehme den deutschen Verlegern in ihrem Kampf gegen Google den Wind aus den Segeln, hält die „Frankfurter Rundschau“ fest.

Verweigern einige Verlage oder auch nur einer der großen die Solidarität, wird das Blockade-Unternehmen für die anderen zum Selbstmord-Einsatz. Die Schmarotzer könnten sich immer noch vollsaugen, sie würden attraktiv bleiben für die Werbebranche und deren Millionen, die Blockierer würden nur sich selber schaden.

Es sieht so aus, als sei die Mehrzahl der deutschsprachigen Verleger noch nicht so weit, das alte Verhalten abzulegen, den Konkurrenten am Markt möglichst viel abjagen, möglichst massiv schaden zu wollen. Eine Kriegsallianz gegen die Kraken? Ja, so die Lippenbekenntnisse, vernünftig, in der Theorie; praktisch mit all den Gegnern da draußen unmöglich.

Der Leidensdruck ist offenbar noch nicht groß genug.

Der Autor Dirk Koch, 66, war 34 Jahre politischer Redakteur des „Spiegel“ und ist heute unabhängiger Publizist.

 

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