„Die ARD ist nicht unattraktiv“

In Teil zwei des großen MEEDIA-Gesprächs mit ARD-Chef und SWR-Intendant Peter Boudgoust geht es um die Dauerbrenner-Themen Programm und Qualität. Warum kehren prominente TV-Gesichter wie Oliver Pocher oder Jörg Pilawa der ARD den Rücken, muss die Soap- und Telenovela-Orgie an Werktag-Vorabenden wirklich sein, warum zeigt die ARD keine US-Serien und wer schaut eigentliche Sender wie EinsPlus?

Anzeige

Prominente TV-Gesichter kehren der ARD reihenweise den Rücken. Oliver Pocher ist weg, Jörg Pilawa ist weg. Günther Jauch wollte gar nicht erst kommen. Was macht die ARD so unattraktiv.

Wir sind nicht unattraktiv. Die ARD war und ist ein sehr begehrter Arbeitgeber. Aber personelle Veränderungen gehören in unserem Geschäft dazu, da gibt es keine lebenslange Bindung. Wir haben auf jede Veränderung in der Vergangenheit angemessen reagiert, in jedem Wechsel steckt ja auch eine Chance. Die ARD wird nächstes Jahr 60 Jahre alt. Sie hat in diesen 60 Jahren viele programmprägende Köpfe hervorgebracht. Wir haben aber mehr zu bieten, als nur bekannte Gesichter. Bei der ARD haben Mitarbeiter die Möglichkeit, journalistisch anspruchsvoll zu arbeiten. Das ist heutzutage nicht überall selbstverständlich. Deshalb bin ich überhaupt nicht verzagt. Wir werden mit neuen Gesichtern, mit neuen programmprägenden Persönlichkeiten aufwarten können.

Und wann kommt dann doch noch Günther Jauch?

Da müssten Sie Herrn Jauch fragen.

Sind Sie wieder in Gesprächen?

Wir führen derzeit keine Gespräche mit Günther Jauch. Aber es ist vollkommen klar: Wir sind für jede prominente Programmpersönlichkeit attraktiv. Das war in der Vergangenheit so und das wird auch die Zukunft zeigen.

Die ARD sendet fünf Telenovelas und Soaps an einem Werktag-Vorabend. Die ARD als gebührenfinanzierter, öffentlich-rechtlicher Sender sollte auch für einen gewissen Anspruch stehen und leistet sich doch den ausführlichsten Teppich an seichter Unterhaltung am Vorabend. Warum?

Insgesamt kann ich nicht fünf Telenovelas oder Soaps an einem Vorabend erkennen…

Hier haben wir „Rote Rosen“ um 14.10 Uhr, „Sturm der Liebe“ um 15. 10 Uhr, um 18 Uhr „Verbotene Liebe“, gleich danach „Marienhof“ gefolgt von „Eine für Alle“…

Erlauben Sie die kleine Anmerkung, dass bei den meisten Menschen der Vorabend nicht schon um 14 Uhr anfängt und auch diese Genre bei uns nicht ohne Anspruch ist. Wir versuchen zu den bestimmten Tageszeiten den Geschmack des Publikums zu treffen. Das hat mal zu einer gewissen Blüte von solchen Soaps oder Telenovelas geführt. Das sind aber auch gewisse Zeit- und Mode-Erscheinungen. Zum Beispiel läuft ja auch „Eine für Alle“ aus und wird bewusst nicht durch eine Soap oder Telenovela ersetzt…

Aber auch nur weil die Quoten sehr schlecht waren, nicht weil es da programmliche Bedenken gegeben hätte…

Programmierung ist keine exakte Wissenschaft wie die Mathematik. Manches funktioniert, manches eben nicht. Das, was nicht funktioniert, wird durch etwas anderes ersetzt. So ist das tägliche Geschäft.

Würde Sie den Anteil an Soaps und Telenovelas langfristig gerne reduzieren?

Wir können nicht die Zuschauer in eine bestimmte Richtung drängen, sondern müssen mit Angeboten überzeugen. Es gab ja auch schon sehr anspruchsvolle Unterhaltungsprogramme, wie etwa „Türkisch für Anfänger“. Wenn etwas funktioniert, machen wir weiter, wenn etwas nicht funktioniert, versuchen wir, die Zuschauer mit etwas anderem zu überzeugen.

Warum zeigt die ARD keine US-Serien?

Da gibt es keine Grundsatzentscheidung. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass deutsche Stoffe, die von deutschen Autoren geschrieben werden und in der deutschen Lebenswelt spielen, die Menschen mehr und besser erreichen. Aber das ist kein Dogma.

Aber hochwertige US-Serien erreichen bei den Privatsendern sehr viele Zuschauer.

Richtig, aber jeder macht da unterschiedliche Erfahrungen.

Worin besteht eigentlich der Sinn, jeden Tag bei EinsPlus die „Tagesschau“ von vor 20 Jahren zu senden?

Das ist ein konkretes Angebot für Leute mit besonderem historischem Interesse. Gerade in diesen Tagen habe ich ein fast hymnische Rezension darüber gelesen, weil man so die Ereignisse vor 20 Jahren sich noch einmal vor Augen führen kann. Das war ja eine nicht nur für Deutschland außerordentlich bedeutsame Zeit.

Wofür braucht man überhaupt einen Sender wie EinsPlus?

EinsPlus hat sich als innovatives Ergänzungsprogramm profiliert mit den Schwerpunkten Service und Wissen. Darüber hinaus versteht sich EinsPlus als Programmwerkstatt. Dort werden neue Produktionsformen und Formate getestet und auch neue Köpfe. Diese Bedeutung hat der neue Rundfunkstaatsvertrag unterstrichen. Dort heißt es: „Als Testfläche und Probebühne erfüllen die Digitalkanäle eine weitere wichtige Aufgabe“.

Wie viele Zuschauer schalten bei Digitalsendern wie EinsPlus ein?

Das wurde in der Vergangenheit nicht gemessen. Wir gehen jetzt dazu über, weil die Digitalkanäle mehr und mehr Bedeutung bekommen, in dem Maße in dem die Menschen verstärkt über digitale Empfangsmöglichkeiten verfügen und dementsprechend steigt die Akzeptanz.

Es gibt mit Phoenix einen öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Informationskanal, genannt Ereigniskanal. Warum braucht die ARD noch zusätzlich EinsExtra, das zu einem Info-Programm ausgebaut werden soll?

Diese Angebote kannibalisieren sich gegenseitig überhaupt nicht. Im Gegenteil, der publizistische Wettbewerb ist sehr stimulierend. Phoenix ist kein Nachrichtenkanal, sondern ein Dokumentations- und Ereigniskanal, der auch im Sinne der Sparsamkeit gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltet wird. EinsExtra dagegen bringt von montags bis freitags von 9 bis 20 Uhr im Viertelstundentakt aktuelle News. Das ist gerade für uns gut und ohne großen zusätzlichen Aufwand zu leisten, weil wir mit ARD Aktuell eine sehr leistungsfähige Nachrichtenzentrale haben. Davon profitiert im Übrigen auch Tagesschau.de. Wir schöpfen hier im Sinne der Nutzer und Zuschauer enorme Synergien aus.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige