„Wir sind nicht die Gegner der Verlage“

MEEDIA hatte in einer Serie einige Schwachpunkte von ARD und ZDF diskutiert: Gebühren, Programm, Schleichwerbung und Skandale. In einem dreiteiligen Interview sprechen wir nun mit dem amtierenden ARD-Vorsitzenden und SWR-Intendanten Peter Boudgoust über die Rolle der ARD in der Medienlandschaft. Von einer öffentlich-rechtlichen Expansion könne keine Rede sein, so Boudgoust. Mit neuen Angeboten passe sich die ARD lediglich dem veränderten Mediennutzungsverhalten der Menschen an.

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Jürgen Doetz vom VPRT sagt, ARD und ZDF seien die größten Pay-TV-Anbieter. Hat er Recht?

Herr Doetz versucht mit solchen und ähnlichen Sprüchen seit langem die verfassungsrechtlichen Grundlagen des dualen Systems in Frage zu stellen und von den Defiziten der kommerziellen Angebote abzulenken. Aber unabhängig davon: ARD und ZDF sind ihr Geld wert. Radio, Fernsehen und Internet gibt es bei uns für 41 Cent am Tag, überlegen sie mal, was sie sonst für das Geld bekommen.

Mag sein. Woanders kann ich mir das aber aussuchen, wofür ich Geld ausgebe. Bei ARD und ZDF bin ich Zwangszahler.

Wir brauchen diese Grundlage für einen verlässlichen, von politischen und wirtschaftlichen Interessen freien Rundfunk. Es ist eine Grundsatzentscheidung des Gesetzgebers, dass das Gut Information so wichtig ist, dass man es nicht ausschließlich kommerziellen Anbietern überlassen kann. Wir sind ja auch erfolgreich. Die Menschen werden nicht gezwungen, sich beispielsweise die „Sportschau“ anzuschauen. Das tun aber jede Woche um die sechs Millionen. Und hätten wir diese Rechte nicht erworben, dann gäbe es Bundesliga-Fußball für rund 33 Euro bei Sky oder nach 22 Uhr im frei empfangbaren Privatfernsehen. Und da kann man nur sagen: Gute Nacht, Kinder! Es kommen noch die Hörfunkprogramme dazu, außerdem die vielen Orchester und Kulturprogramme. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist gelebte Solidarität. Wir bieten Qualität für Alle.

Aber es wird schon manchmal von ARD und ZDF so getan, als sei alles gratis und die Gebühren werden unter den Teppich gekehrt. Wenn ich mir einen öffentlich-rechtlichen Podcast online runterlade, heißt es immer „ein kostenloses Download-Angebot“. Ich zahle da aber fast 18 Euro pro Monat dafür.

Nicht dafür, sondern für ein vielfältiges Fernseh-, Radio- und Online-Angebot. Wir verstecken nicht, dass ARD und ZDF etwas kosten. Dieser Hinweis bezieht sich nur darauf, dass das konkrete Download-Angebot kostenfrei ist. Das ist eine Vergewisserung für den Nutzer im Moment des Downloads und kein Versuch, die Gebühren zu kaschieren. Zu den Gebühren und ihrer Legitimation stehen wir durchaus selbstbewusst.

Seit die ARD auch noch die Rechte an den Sonntagsspielen der Bundesliga hat, werden in den dritten Programmen mehrere Bundesliga-Shows mit den exakt gleichen Bildern gezeigt. Ist das Gebührenverschwendung?

Nein, das ist das Gegenteil von Gebührenverschwendung. Das ist eine erfolgreiche Programmierung. Die meisten Sender im Dritten hatten ja auch bisher schon am Sonntagabend eine Sportsendung im Programm. Und diese Sportmagazine profitieren jetzt von den besseren Nachverwertungsmöglichkeiten. Dass nun nach regionalen Interessen geordnet – Bundesliga-Spiele dazukommen, halte ich für perfekt.

Den regionalen Aspekt sehe ich nicht. Da werden oft die gleichen Spiele mit den gleichen Mannschaften gezeigt, egal in welchem dritten Programm, Nur die Moderatoren und die Studios sind anders.

Die Beiträge sind ohnehin produziert und bezahlt. Die regionale Orientierung bezieht sich darauf, dass man in den jeweiligen Landesrundfunkanstalten bevorzugt die Vereine präsentiert, die im Sendegebiet liegen oder von deren Ergebnis für einen Verein im Sendegebiet besonders viel abhängt. Die Spiele dieser Vereine werden in längeren Beiträgen sowie zusätzlichen Interviews und Studiogästen aufgearbeitet. Insofern gibt es da durchaus Unterschiede bei der Gewichtung.

Was spricht eigentlich gegen eine Werbefreiheit bei ARD und ZDF?

Zunächst einmal sind wir weitgehend werbefrei. Wir reden von maximal 20 Minuten Werbung an Werktagen vor 20 Uhr. Wir werben nicht an Sonn- und Feiertagen, nicht in den dritten Programmen, nicht bei Arte, nicht bei 3sat, nicht bei Phoenix, nicht beim KI.KA und den Digitalkanälen und nicht bei den Online-Angeboten. Und wir machen grundsätzlich keine Unterbrecher-Werbung. Würden Werbung und Sponsoring wegfallen, würde das für die Menschen aber 1,42 Euro mehr an Rundfunkgebühr bedeuten. Für die kommerziellen Sender bringt die Zukunft mit der Legalisierung von Product Placement sowieso einen Wettbewerbsvorteil, den wir für uns dezidiert nicht anstreben. Darüber hinaus müssen ARD und ZDF seit acht Jahren mit einem realen Minus an Gebühren auskommen. Bis 2012 werden wir über 200 Mio. Euro an Gebühreneinnahmen verlieren, weil es schlicht weniger Gebührenzahler gibt. Führt man sich all dies vor Augen, so brauchen wir Werbung, um unsere programmliche Vielfalt zu garantieren. Und weil unsere Werbung so überschaubar ist, kenne ich übrigens nur ganz vereinzelte Beschwerden von Zuschauern oder Hörern.

Weil sie es ja auch gar nicht mehr werben dürfen…

Ja klar. Aber wir halten uns daran, wir akzeptieren die Spielregeln und diese Form von Werbung regt niemanden auf.

Aber wenn man ein bisschen weniger Expansion, beispielsweise im digitalen Sektor, mit den Mehrkosten für einen Werbeverzicht aufwiegen würde, wäre das nicht lohnend? Sie würden die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Bevölkerung stärken und der Kritik privater Rundfunkunternehmen viel Wind aus den Segeln nehmen.

Ich persönlich glaube nicht mehr daran, dass es von Seiten des Privatfunks rationale Kritik gibt, der man mit rationalen Argumenten begegnen kann. Nehmen Sie nur diesen Begriff der angeblichen Expansion. Bis zum Inkrafttreten des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages wurden wir ja sogar gehindert, mit unseren Online-Angeboten so aufzutreten, wie es das geänderte Mediennutzungsverhalten der Menschen erfordert. Was jetzt passiert ist eher ein Aufholen von Rückständen als eine Expansion und von den Nutzern akzeptiert und sogar gewünscht. Da wird viel mit Kampfbegriffen gearbeitet.

Man kann über den Begriff Online-Expansion sicher streiten. Tagesschau.de ist immer noch nach der Online-Reichweite kleiner als Spiegel Online oder Bild.de. Aber Tagesschau.de ist immerhin größer als jedes Online-Angebot einer überregionalen Tageszeitung. Das gesamte ARD-Online-Netzwerk landet nach Visits sogar auf dem dritten Platz der Nachrichtenangebote. Die ARD ist also durchaus ein großer Spieler im Online-Nachrichtengeschäft und kein digitaler Zwerg, der groß aufholen müsste.

Das ist ja auch gewollt. Wir sollen nach den Aussagen des Bundesverfassungsgerichts durchaus eine relevante Rolle Spielen. Aber wir sind online nicht dominierend, im Gegenteil; die wirklichen Gegner der Verlage im Online-Bereich sind andere. Das wird immer wieder verzerrt dargestellt.

Und es gibt auch immer wieder neue Angebote. Jüngstes Beispiel sind die gerade genehmigten neuen Projekte des Kinderkanals mit Kikaninchen für Vorschulkinder und einer eigenen Kika-Online-Mediathek. Da wird online in Sparten-Angebote expandiert.

Wir folgen da einer Veränderung in der Mediennutzung, die wir nicht geschaffen haben. Es geht schlicht um die Frage, sind wir im digitalen Zeitalter noch wettbewerbsfähig oder nicht? Wir haben ganz klar den gesetzlichen Auftrag, wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn wir diesen Auftrag erfüllen wollen, müssen wir auch mit Angeboten wie Kikaninchen oder der Mediathek aufwarten. Der Aufwand dieser neuen Angebote hält sich im Übrigen in Grenzen. Wir brauchen ein kosten-, werbe- und sponsorfreies Medienangebot für Kinder. Es sitzen nun mal immer mehr Kinder im Vorschul- und Schulalter vor dem Fernseher und dem Internet. Umso wichtiger ist die Qualität dessen, was sie sehen. Wir machen das alles mit Augenmaß, denn wir bekommen auch nicht mehr Geld dafür. Alles, was wir in Online investieren, muss aus den klassischen, linearen Programmen abgezweigt werden.

Öffentlich-Rechtliche Kontrollmechanismen versagen immer wieder. Auch bei Ihrem Sender, dem SWR gab es jüngst einen peinlichen Fall von Schleichwerbung. In einer Ausgabe der rheinland-pfälzischen SWR-Sportsendung „Flutlicht“ wurde in einem Beitrag über ein Golf-Benefizturnier der Name des Süßwarenherstellers Haribo auffällig oft genannt. Darüber hinaus wurde das Logo der Firma mehrmals gezeigt, die Werbemelodie war zu hören und Prominente wie Franz Beckenbauer sowie der Moderator nannten den Firmennamen. Wie erklären Sie so etwas?

Der konkrete Fall war keine Schleichwerbung aber natürlich ein klarer Verstoß gegen Standards, die wir uns selbst gesetzt haben…

…Entschuldigung. Was war das dann, wenn es keine Schleichwerbung war?

Schleichwerbung bedeutet, dass ich, ohne dass es der Zuschauer merkt, ein Produkt so in Szene setze, dass eine werbende Wirkung erzielt wird, d.h., die vorsätzliche Täuschung des Zuschauers gehört dazu. Ein Indiz für Schleichwerbung ist, wenn Geld fließt. All dies war hier nicht der Fall. Der Beitrag war völlig inakzeptabel, das ist uns auch gleich bei der Ausstrahlung aufgefallen. Die Verantwortlichen wurden dafür entsprechend streng gerügt. Das war ein Ausdruck mangelnder Sensibilität und Professionalität aber mit Schleichwerbung hat das nichts zu tun. Da sollte man die Dinge auseinanderhalten und die Kirche im Dorf lassen.

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