WGSN: G+J-Geschäftsmodell der Zukunft?

Als der G+J-Vorstandschef vergangenen Mittwoch vor der Belegschaft über die Chancen in der Krise sprach, ließen vier Buchstaben die rund 800 Mitarbeiter aufhorchen: WGSN. Das Kürzel ist weithin unbekannt, aber es steht für eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen auf dem Markt des "Professional Publishing". Ob Bernd Buchholz ein Auge auf WGSN geworfen hat oder ob es nur um das Geschäftsmodell geht, ist unklar. Tatsache dagegen: WGSN ist hochprofitabel, wächst rasant und dürfte 200 Mio. Euro wert sein.

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Die Formel WGSN steht für Worth Global Style Network. Das Unternehmen wurde von den Brüdern Julian und Marc Worth 1998 als reine Online-Company gegründet, dem Jahr, in dem auch Google an den Start ging. Die Idee war es, durch ein weltweites Netz von Analysten und Fashionscouts Trends in der Modebranche früher als andere zu identifizieren und den Kunden durch die Vorteile des digitalen Mediums praktisch in Echtzeit zu übermitteln.
In der Trendforschung hat sich WGSN rasch als der Marktführer etabliert und zählt Blue Chip-Unternehmen wie Burberry, Bulgari, Coca Cola, Dolce & Gabbana, Gap, General Motors, Ford, Harrods, H&M, L’Oreal, Leo Burnett, LG Electronics, Marks & Spencer, Puma, Sainsbury’s Sony Eriksson, Volkswagen, Wal-Mart und Zara zu seinen Kunden. Der Service ist dabei extrem teuer: 15.500 britische Pfund (umgerechnet knapp 17.000 Euro) kostet das „Fullsize“-Jahresabo in England. In allen übrigen europäischen Ländern kostet das Komplett-Abo laut Preisliste 21.900 Euro, für Freelancer und kleinere Firmen gibt es einen Einstiegszugang für 9.800 Euro.
Den eigenen USP beschreibt das Unternehmen so: „WGSN ist die weltweit führende Quelle für kreative Informationen. 250 Analysten und Trendspotter aus der ganzen Welt liefern unseren Abonnenten Nachrichten über Trends, Style und Einzelhandel. WGSN bietet der Industrie einen einzigartigen Informationsdienst für aktuelle Entwicklungen, Zukunftstrends und Branchennachrichten, zudem Konkurrenzbeobachtung.“ Und weiter: „Der Rat der Analysten wird von Designern, Herstellern und Einzelhändlern als essentiell für Forschung und Entwicklung angesehen. Kunden verlassen sich auf die geschäftsorientierten Analysen und Einblicke, um ihre eigenen Strategien zu entwickeln und bestätigen. Zudem profitieren sie von exklusiven Dienstleistungen wie Designs oder firmeninterne Trendberatungen.“
Tatsächlich sind die WGSN-Spezialisten in der Lage, Stil-Entwicklungen und Design-Trends im voraus zu ermitteln. Diesem Thema widmet sich eine gesonderte „Think Tank-Analyse“, die heute bereits Mode- und Farb-Trends für Herbst 2011 sowie Laufsteg-Präsentationen für den Winter kommenden Jahres ziemlich exakt prognostiziert. Für professionelle Kunden kann das Wissen um künftige Trends zum entscheidenden strategischen Vorteil werden, so die Philosophie von WGSN.
Dafür werden bei WGSN 4.000 Berichte pro Jahr mit zusätzlichen Reportagen von Veranstaltungen wie Messen und Modewochen angefertigt und zusätzlich pro Saison 45.000 Fotos von den Laufstegen publiziert und in ihrer Bedeutung für den Einzelhandel analysiert. Kritiker bemängeln allerdings, dass das meiste von WGSN aufbereitete Material gratis im Netz zu und deshalb der Abo-Preis zu hoch ist. Thorsten Traugott, WGSN Sales Manager für den deutschsprachigen Raum, argumentiert dagegen: „Die Zeit- und Kostenersparnis, die sich für unsere Kunden ergibt, liegt deutlich höher.“

2005 verkauften die Gründer ihre Firma an den britischen Medienkonzern Emap – für stattliche 140 Millionen Pfund. 2007 übernahm die Guardian Media Group die B2B-Sparte und das Konferenz- und Messe-Geschäft von Emap komplett für insgesamt eine Milliarde Pfund. Der Wertanteil von WGSN im Paket dürfte dabei schon bei mehr als 200 Millionen Euro gelegen haben.
 
Im Mai 2008 kam Neil Bradford als Vorstandsvorsitzender zu WGSN. Der CEO wollte das Wachstum durch weitere Dienstleistungen vorantreiben. Allerdings kam es schnell zu Differenzen mit dem Emap-Management, dem WGSN nach dem Gesellschafterwechsel weiterhin unterstellt ist. Im August 2009 wurde Bradford durch Susanna Kempe ersetzt, die ihre Funktion zunächst neben ihrer Rolle als Marketing-Chefin bei Emap ausübte, inzwischen jedoch Vollzeit-CEO ist. Das Unternehmen mit Hauptsitz in London unterhält Büros in New York, Los Angeles, Tokio und Hongkong.
Der Bestand an deutschen Kunden ist beachtlich: Volkswagen, Puna, Adidas, die Otto-Gruppe, Tom Tailor, Tchibo, Telekom, Lufthansa, Opel, KIA Deutschland, Jack Wolfskin, Metro (Karstadt, Kaufhof), Boss, Joop!, Henkel AG, S’Oliver, Strellson, Adler, Windsor, Falke, Esprit, C&A, Daimler, Mustang sind prominente Abonnenten des Trendspotters. Vermarkter Traugott sieht dabei nur geringe Auswirkungen der Krise: „Die Verlängerungsrate unserer Kunden liegt bei 95 Prozent.“ Zudem sei die Nachfrage in den vergangenen beiden Monaten „deutlich angestiegen“.
Trotz der hohen Profitabilität ist es nicht ausgeschlossen, dass WGSN zum Verkauf steht. Die Guardian Media Group ist durch die Krise selbst massiv unter Druck und könnte versucht sein, sich durch die Veräußerung des Tafelsilbers Entlastung zu verschaffen – vorausgesetzt, der Preis stimmt. 

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