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Die Twitter-Bilanz des falschen Müntefering

Das Blog Metronaut.de hat SPD, Medien und manche Internet-Nutzer über ein Jahr lang mit einem falschen Twitter-Account von SPD-Chef Franz Müntefering genarrt. Unter @muentefering twitterte nicht der SPD-Chef, sondern der Autor Lou Canova. Der hat nach dem Rücktritt Münteferings nun auch den Fake in den Ruhestand geschickt und zieht eine erstaunliche Bilanz. Obwohl viel über den falschen Müntefering berichtet wurde, fielen Medien immer wieder aufs Neue auf ihn herein. Sogar bei seinem Rücktritt.

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So verkündete der falsche Twitter-Müntefering seinen Rücktritt am 29. September noch vor dem Original. „Erneuerung heißt konsequent sein. Ich trage politische Verantwortung für das Ergebnis vom Sonntag und mache den Weg nun für andere frei”, twitterte der Fake-Münte. Laut Metronaut haben ntv.de und die „Berliner Morgenpost“ das erfundene Zitat ungeprüft übernommen. Die Artikel seien später aus den Online-Angeboten entfernt worden, Metronaut belegt die Veröffentlichungen mit Screenshots.

Besonders peinlich ist die Sache, weil zahlreiche Medien, u.a. „Berliner Zeitung“, Focus Online, Spiegel Online, Computerbild.de und auch MEEDIA, immer wieder über den falschen Münte berichtet hatten. Auch die SPD teilte auf Anfragen stets mit, dass Müntefering nicht twittert. Trotzdem fielen Medien stets aufs Neue herein. Auch das Marktforschungsinstitut Nielsen erlag dem Charme des falschen Twitter-Münte. Nielsen baute den Fake-Account in eine Studie über Twitter & die Politik ein. AP verbreitete die Studie und zahlreiche Medien übernahmen den Inhalt ungeprüft. Später hat Nielsen die Studie relativiert. Die Marktforscher teilten lapidar mit, bei der Analyse von Internet-Inhalten seien „bestimmte Unsicherheiten“ nicht auszuschließen.

Besonders schön war sicher das „Zusammentreffen“ des echten Müntefering mit seinem Twitter-Alter-Ego im Wahlkampf. Bei eine Veranstaltung beantwortete Franz Müntefering Fragen aus dem Publikum. Hinter ihm liefen über eine Twitter-Wall die Kommentare des Fake-Accounts. Metronaut-Autor Canova bedankt sich in seiner lesenswerten Bilanz bei der SPD für deren Nachsicht und Gelassenheit. Canovas Fazit der gelungenen Köpenickade: „Dass mehr als ein Jahr nach der Enttarnung immer noch Berliner Morgenpost, N-TV und Welt Online auf diesen Fake hereingefallen sind, wirft kein gutes Licht auf diese Medien. Für Recherche ist heutzutage einfach zu wenig Geld da, im Kampf um Aktualität und eine gute Schlagzeile wird die journalistische Sorgfaltspflicht sträflich vernachlässigt.“ Dabei geht es hier gar nicht ums Geld. Wie Canova richtig feststellt, hätte eine einfache Internet-Suche schnell zutage gefördert, dass dieser @muentefering nicht echt ist. Lou Canova: „Aber Follower und Medien wollten es so gerne glauben. Am Ende haben wir es ja auch fast selbst geglaubt.“

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